18.07.2015

HomestoryBedrohnung

Warum es in diesen Zeiten schwer ist, den Leuten glaubhaft zu machen, dass man nur spielen will
Neulich habe ich mir eine Drohne gekauft, ein Fluggerät mit vier Rotoren, einer Fernsteuerung und einem Akku, der 18 Minuten Flugzeit verspricht. Eine Kamera kann ich auch anschließen, sie hängt unter der Drohne.
"Quadrokopter", sagte der Verkäufer, mit leicht tadelndem Unterton: "Wir sagen Quadrokopter dazu." Ich fand das merkwürdig. Kein Mensch sagt "Quadrokopter". Der Verkäufer war offenbar ein Freak, einer von der Sorte, die ihr Hobby zu ernst nimmt. So wie ein Ballonpilot, der sich ja auch schneller erhitzt als sein Gasbrenner, wenn jemand vom "Ballonfliegen" statt vom "-fahren" redet. Ich lächelte ihn an: "Ich sag trotzdem ,Drohne'." Er lächelte nicht.
Zu Hause setzte ich das Gerät zusammen, lud den Akku und startete den ersten Probeflug auf einem (leeren) Parkplatz hinterm Haus. Eine Nachbarin sah mir zu. "Na, mal schnell heimlich übern Zaun gucken?" Sie lachte, aber es war nicht ganz das fröhliche Lachen, das ich von ihr kenne. Ich fand die Bemerkung seltsam, aus drei Gründen. Die Drohne, aber das konnte sie vielleicht nicht wissen, flog ohne Kamera – es war schließlich mein Erstflug, und ich wollte bei einem Crash nicht gleich Drohne und Kamera zerschmettern. "Heimlich" war auch ein Witz: Die Drohne macht ganz schön Krach und ist deshalb ungefähr so unauffällig wie ein Schwarm wütender Hummeln. Und drittens: Wer in unserer Siedlung über den Gartenzaun gucken will, braucht das nur zu tun – die Zäune zur Straße hin sind nicht einmal einen Meter hoch.
Im Haus gegenüber lehnte sich ein Mann aus dem Fenster. "Schönes Spielzeug", rief er. "Bist du jetzt bei der NSA?"
Am nächsten Wochenende das Gleiche: Die Drohne knatterte über die Moorgebiete südlich von Hamburg, und jeder, wirklich jeder Spaziergänger gab einen Kommentar ab. "Na, was spionieren Sie denn aus?", "Sehe ich das später auf YouTube?", "Wie weit können Sie damit gucken?". Es war, eindeutig, Missbilligung, gekleidet in Neugier. Offen begeistert reagierten nur die Hunde. Sie sahen in meiner Drohne ein Superstöckchen, das sich noch besser jagen lässt als alles, was Herrchen so über die Wiese schmeißt.
Das Problem, so heißt es in den Kopter-Foren im Netz, ist das Wort. "Drohne" klingt nach Überwachung, nach Polizei, nach verletzter Privatsphäre. Bestenfalls. Drohne klingt auch nach Bombenabwürfen in Afghanistan, nach Tod per Fernsteuerung, nach schmutzigem Krieg.
Vergangene Woche stand ich auf einer riesigen Wiese, gut fünf Hektar freies Feld. In einer Ecke grillten Jugendliche, in der anderen, ganz weit hinten, standen zwölf Frauen in Jogginganzügen auf einem Bein. Das war der Yogakurs aus dem Fitnesscenter nebenan. Ich ließ meine Drohne auf 30 Meter steigen und setzte meine Videobrille auf. Damit kann ich live sehen, was die Kamera sieht: Aha, dahinten, weit weg, der Hafen. Und der unscharfe Punkt da unten, das bin ich. Die Drohne, also der Quadrokopter, und die Videobrille lassen einen Kindertraum wahr werden, daher meine Faszination: Das Spielzeug macht mich zum Piloten, es ist, als säße ich am Steuer droben in der Luft, stiege der Sonne entgegen und könnte Pirouetten drehen wie ein Kunstflieger – und ich habe einen Riesenspaß dabei, nichts sonst.
Wenig später stand aber eine der Yogafrauen vor mir. Ihre Übungen auf ein oder zwei Beinen hatten offenbar nicht für Entspannung gesorgt: "Das ist unverschämt!", sagte sie. "Hier ist öffentlicher Raum, hier dürfen Sie nicht filmen."
Mal abgesehen davon, dass die Kamera das Bild nur an die Videobrille schickt und nichts "filmt"– wenn ich wollte, dürfte ich natürlich im "öffentlichen Raum" filmen, solange niemand erkennbar ist. Aber aus 30 Meter Höhe und 50 Meter Entfernung ist niemand erkennbar. Ich versuchte das der Yogafrau zu erklären. Das ging schief.
Mit einer Drohne ist man so vertrauenserweckend wie der Typ, der mit seinem Fernglas in den Dünen hinterm FKK-Strand liegt und versichert, er beobachte nur die Vögel. Die Frau schimpfte noch ein wenig, dann ließ sie mich stehen.
Manchmal lade ich Passanten ein, meine Videobrille einmal aufzusetzen. Sie finden es dann toll, logisch, die Bilder, die Hafenkräne, die Flüge durch Pappelspitzen, und sie müssten eigentlich auch sehen, dass Menschen praktisch nicht erkennbar sind. An ihrem Misstrauen ändert das trotzdem nichts.
Niemand wird gern beobachtet, auch ich nicht. Vor Überwachungskameras fühle ich mich unwohl, im Netz versuche ich, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Und Nacktscanner am Flughafen meide ich, obwohl ich weiß, dass ich gar nicht nackt zu sehen bin. Es geht ums Prinzip.
Und dafür muss ich jetzt mit meinem Spielzeug bezahlen. Gegen Facebook, Geheimdienste, GEZ, Schufa, Google und Finanzamt kann der Einzelne ja wenig unternehmen. Ich aber, der Spion mit der Drohne, kriege jetzt gesamtschuldnerisch eins aufs Haupt. Einfach weil ich greifbar bin. Ich frage mich, ob die Yogafrau einen Google-Mitarbeiter genauso beschimpfen würde wie mich – wenn sie denn einen zu fassen bekäme.
Neulich habe ich ein paar Rehe von oben gesehen. Die Tiere ließen sich nicht stören. Äsen, hochgucken, weiteräsen – endlich jemand, der mein Spielzeug weder zerbeißen will (wie die Hunde) noch verbieten (wie die Hundebesitzer).
Ich begleitete die Rehe, bis der Akku fast leer war, landete und trug das Fluggerät zum Auto. Ein Pärchen kam mir entgegen. Sie: "Hö hö, NSA, stimmt's?"
Er: "Ist das 'ne Drohne?"
Ich: "Quadrokopter. Wir sagen Quadrokopter dazu."
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 30/2015
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