18.07.2015

FinanzenBanken im Koma

Europa will griechische Geldhäuser mit 25 Milliarden Euro retten. Doch die Pläne sind unausgegoren, die Institute bleiben vorerst am Tropf der EZB.
Noch vor einem Monat gab sich der Milliardär Wilbur Ross zuversichtlich, was seine Investition in die griechische Eurobank anging. "Es wird gut ausgehen", sagte Ross in einem Interview. Griechenland und seine Europartner würden am Ende irgendeinen Deal machen.
Sie haben einen Deal gemacht. Doch der dürfte dem reichen Mann aus Amerika kaum schmecken. In dem mindestens 82 Milliarden Euro schweren dritten Hilfspaket, das für Griechenland geschnürt werden soll, sind zwar bis zu 25 Milliarden Euro zur Stärkung der Banken vorgesehen. Doch im Gegenzug sollen womöglich Aktionäre wie Ross, aber auch Gläubiger und Einlagenkunden bluten.
Bail-in heißt dieses Vorgehen im Fachjargon, und dadurch könnten die Rettungskosten etwas gemindert werden. Viel zu holen ist bei den griechischen Banken allerdings nicht, da sie bereits zu großen Teilen dem taumelnden Staat gehören. Und die Hoffnung, mit der Hilfsankündigung könnten die Kreditinstitute schnell wieder geöffnet werden und zum Normalbetrieb übergehen, ist schlicht naiv.
Das zeigt: Die Pläne zur Stabilisierung der Banken sind so unausgegoren wie vieles andere in der europäischen Rettungspolitik. So ist unklar, ob 25 Milliarden Euro überhaupt ausreichen, um die Löcher in den Banken zu stopfen.
Zwar hatte die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte Bankenaufsicht bei ihrem Stresstest im vergangenen Herbst den vier größten griechischen Geldhäusern nach einigen Nachbesserungen bescheinigt, dass sie stabil seien. Doch die Zahlen sind längst Makulatur. Seit Jahresbeginn haben Kunden 20 Prozent ihrer Einlagen abgehoben. Ersetzt wurde dieses Geld, das die Banken brauchen, um Kredite vergeben zu können, durch kurzfristige Nothilfen der EZB.
Dabei geraten die Bilanzen griechischer Banken immer mehr in Schieflage. "Schon im März waren durchschnittlich 43 Prozent der ausstehenden Kredite der vier großen Banken ausfallgefährdet", sagt Regina Argenio, Bankanalystin bei der Rating-Agentur Standard & Poor's. "Seitdem dürfte der Anteil noch deutlich gestiegen sein, weil sich die wirtschaftliche Lage dramatisch verschlechtert hat."
Danièle Nouy, Chefin der Bankenaufsicht bei der EZB, hält dennoch die Illusion aufrecht, es handle sich bei den Nöten der Banken um vorübergehende Liquiditätsprobleme. Wäre es anders, müsste die EZB ihre Notkredite an die Banken stoppen.
Stattdessen beschloss sie am Donnerstag, die Hilfen an die Finanzinstitute auszuweiten, auf rund 90 Milliarden Euro. Die griechischen Banken seien solvent, bekräftigte Notenbankchef Mario Draghi, wenn man wie die EZB davon ausgehe, dass Griechenland in der Eurozone bleibe.
Bundesbanker widersprechen ziemlich unverblümt. "Die griechischen Banken liegen seit zweieinhalb Wochen in einem künstlichen Koma – dank Kapitalverkehrskontrollen und Bankfeiertagen", sagte Vorstandsmitglied Andreas Dombret diese Woche. Die künstliche Stabilität entbinde die Bankenaufsicht nicht davon, "eine Diagnose zu stellen und sich über die richtige Behandlung des griechischen Bankensystems Gedanken zu machen". Er hat Zweifel an der Solvenz der Institute und fordert, schnell Kapital in die Banken zu stecken und jene europäische Richtlinie anzuwenden, die einen Bail-in der Eigentümer und Gläubiger vorsieht.
Die EZB will die Bilanzen der griechischen Banken erst im Frühherbst gründlich testen, um den Kapitalbedarf zu ermitteln. Und wie man mit Aktionären, Gläubigern und Einlagenkunden der Banken umgehen will, ist noch völlig unklar.
In der EZB hat man Sorge, dass ein zu harter Umgang mit Gläubigern und Kunden die Banken weiter destabilisieren könnte. Schließlich sei es gerade der griechische Mittelstand, der noch größere Mengen Geld auf den Konten habe, heißt es in Aufsichtskreisen. Würde er weiter geschwächt, träfe dies die daniederliegende Wirtschaft empfindlich, das Vertrauen in die Banken würde weiter sinken.
"Die Banken können wohl nur wieder öffnen, wenn die Notkredite der EZB erhöht werden" glaubt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. "Und bis feststeht, wie die Banken restrukturiert werden, muss es weiter Kapitalverkehrskontrollen geben."
Experten fürchten, dass das griechische Finanzsystem auch dann nicht dauerhaft stabil sein wird, wenn das Hilfsgeld geflossen und die eine oder andere Bank geschlossen oder fusioniert worden ist. "Solange sich die Wirtschaft nicht erholt und wieder wettbewerbsfähig wird, versickert auch das viele neue Geld", sagt Stephan Wilcke.
Er hat bis vor Kurzem für den griechischen Stabilisierungsfonds HFSF gearbeitet, der an einigen Banken die Mehrheit hält. Wilcke glaubt, dass ein Aufschwung nur gelingen kann, wenn Griechenland aus dem Euro austritt und seine Institutionen von Grund auf erneuert. "Aber die europäischen Politiker arbeiten leider nicht an einer längerfristigen Lösung, sondern verschieben die Probleme in die Zukunft."
Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 30/2015
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