18.07.2015

UkraineSpur der Schuld

Ein Vorbericht niederländischer Ermittler legt nahe, dass die Donbass-Separatisten das malaysische Flugzeug MH 17 abgeschossen haben.
Es war eine der zehn schwersten Katastrophen der Luftfahrt: 298 Menschen verloren am Nachmittag des 17. Juli 2014 über dem ukrainischen Kriegsgebiet ihr Leben. Und doch schien es in letzter Zeit, als sei der Absturz der malaysischen Boeing 777 aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Nur Hobby-aufklärer stritten im Netz noch darum, ob prorussische Separatisten oder ukrainische Militärs schuld gewesen waren.
Jetzt, zum Jahrestag des Unglücks, ist klar: Die nächste Empörungswelle in Sachen Flug MH 17 ist nicht mehr weit. Denn der niederländische Untersuchungsrat hat für die erste Oktoberhälfte den offiziellen Untersuchungsbericht angekündigt. Die Niederländer sind federführend bei den Ermittlungen der Unglücksursache, MH 17 war in Amsterdam gestartet, 192 Niederländer waren an Bord.
Der Entwurf des Berichts liegt seit Juni jenen Ländern vor, die sich an den Untersuchungen beteiligen: der Ukraine, Australien, Großbritannien, Malaysia, den Niederlanden, Russland und den USA. Sie sollen binnen zwei Monaten ihre Anmerkungen machen. Keiner hat bislang öffentliche Kommentare zum Bericht abgegeben, mit einer Ausnahme: Russland.
In Moskau trat am 1. Juli ein Vertreter der staatlichen Luftfahrtagentur Rosawiazija vor die Presse und erklärte, der Berichtsentwurf liefere "mehr Fragen als Antworten", man fordere Änderungen. Wenige Tage später hieß es, die Niederländer hätten die Ermittlungen "auf dem Niveau der 5. Klasse einer Mittelschule" durchgeführt; "unprofessionell, nicht objektiv und extrem voreingenommen", so empörten sich "gut informierte Moskauer Quellen". Alles, was auf die Schuld der prorussischen Volkswehr im Donbass hinweise, werde ohne nähere Prüfung zur Wahrheit erklärt.
Die Aufregung der Russen ist bemerkenswert. Zum einen, weil es unüblich ist, einen bislang internen Untersuchungsbericht vorab öffentlich zu diskreditieren. Zum anderen, weil dies der Anfang einer Gegenkampagne sein dürfte, mit der Russland das Dokument infrage stellen wird. "Die Reaktion zeugt davon, dass wir in irgendeiner Form an der Katastrophe beteiligt waren", sagt der russische Luftfahrtexperte Wadim Lukaschewitsch.
Die Niederländer hatten alle möglichen Unglücksursachen in Betracht gezogen, kamen aber schnell zu dem Schluss, dass MH 17 durch eine "Vielzahl hochenergetischer Objekte" zum Absturz gebracht wurde, die das Flugzeug von außen durchbohrten.
Auch Untersuchungen eines internationalen "Gemeinsamen Ermittlungsteams", das den strafrechtlichen Aspekten des Abschusses nachgeht, kommen zu einem ähnlichen Schluss. Nach SPIEGEL-Informationen analysierte dieses Team Splitter in den Überresten der Boeing. Das Ergebnis: Die Fragmente stammen zweifelsfrei vom Gefechtskopf eines russischen Flugabwehrgeschützes des Typs Buk-M1. Die Separatisten seien zum Zeitpunkt des Abschusses im Besitz mehrerer Buk-Systeme gewesen, eines sei aus Russland ins Kampfgebiet gekommen. Den Ermittlern liegen zudem Hinweise darauf vor, dass Separatisten bereits einige Zeit zuvor an dem Buk-Raketensystem geschult worden waren – offenbar auf russischem Territorium nahe der Grenze zur Ukraine.
Auch die von den Ukrainern am Tag des Abschusses mitgeschnittenen Funksprüche der Rebellen sind laut Experten authentisch. "Wir haben ein Flugzeug abgeschossen", teilt da Kommandeur "Bes" einem Gesprächspartner mit. Je länger die Mitschnitte laufen, desto bedrückter klingen die Männer: Sie schildern, dass sie viele Tote finden – Passagiere einer Zivilmaschine.
Russland hat bislang alle Vorwürfe in Richtung Separatisten zurückgewiesen und mehrere eigene Versionen zum Abschuss der Boeing ins Spiel gebracht. Alle weisen den Ukrainern die Schuld zu.
Anfang Juni meldete sich der russische Rüstungskonzern Almas-Antej, Produzent der Buk-Raketen, überraschend mit einem eigenen detaillierten Bericht. Und der räumte ein: Ja, die Boeing sei einer Buk zum Opfer gefallen. Nur habe die auf dem Gebiet der Ukrainer gestanden. Auffällig sei, sagt Luftfahrtexperte Lukaschewitsch, dass dieser Bericht genau in jenem Moment verbreitet wurde, als Russland das Papier der Niederländer bekam. Denn er sei schon Wochen zuvor fertig gewesen. Dem Kreml ist wohl bewusst, dass die Belege gegen die Separatisten erdrückender werden. Im Dokument der Niederländer sollen nun angeblich sogar die Koordinaten jenes Ortes stehen, von dem die Buk-Rakete abgefeuert wurde: Er liegt auf dem von Separatisten kontrollierten Gebiet.
Das alles könnte die Nervosität in Moskau erklären. Und auch die brüske Ablehnung eines Vorschlags der Malaysier, ein internationales Tribunal zur Untersuchung der Katastrophe einzurichten. Wladimir Putins Propagandisten beginnen bereits, das Volk auf die Veröffentlichung des niederländischen Untersuchungsberichts einzustimmen, wie üblich mit einer Gegenkampagne. So fordern jetzt auch hochrangige Duma-Abgeordnete ein internationales Tribunal – zu angeblichen Kriegsverbrechen der Ukrainer im Donbass.
Selbst patriotisch gesinnten Russen geht das zu weit. Man dürfe nicht den einen Vorwurf mit einem anderen beantworten, sagt Michail Rostowski, Kommentator der Zeitung "Moskowskij komsomolez". "Haben wir irgendwie mit dieser Tragödie zu tun, dann müssen wir offen darüber sprechen, ungeachtet des dann unausweichlichen Verlusts unseres Ansehens."
Von Matthias Gebauer, Christian Neef und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 30/2015
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