18.07.2015

Atomstreit„Eine virtuelle Atommacht“

Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei glaubt an den ernsthaften Willen der Iraner zur Kooperation.
ElBaradei, 73, war langjähriger Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien.
SPIEGEL: Herr ElBaradei, hatten Sie noch mit einem Abkommen gerechnet?
ElBaradei: Ja, denn keine der beiden Seiten hätte sich ein Versagen leisten können. Der Westen braucht Iran als Regionalmacht im Nahen Osten. Aber auch Teheran benötigt das Abkommen, um die Sanktionen abzuschütteln. Und jetzt kann sich die Führung in Iran Kompromisse leisten, denn sie hat ihr Ziel erreicht: Iran ist eine virtuelle Atommacht.
SPIEGEL: Die Verhandlungen waren auch ein Duell zwischen Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif und dessen US-Kollegen John Kerry. Wer hat sich jetzt durchgesetzt?
ElBaradei: Ich kenne beide persönlich. Sie sind Pragmatiker, die genau wissen, was sie wollen, und das haben sie bekommen: Kerry hat Iran ein Stück weit auf die Seite des Guten gezogen, Zarif hat sein Land ein Stück aus der Isolation herausgeholt. Was in Wien beschlossen wurde, ebnet den Weg zu einer historischen Aussöhnung zwischen Teheran und Washington.
SPIEGEL: Was fehlt Ihnen in dem Vertrag, wo sehen Sie Schwachstellen?
ElBaradei: Der Westen hat ein robustes Mandat für Inspektionen bekommen, Iran einen verbindlichen Zeitplan für die Aufhebung der Sanktionen. Das Abkommen ist ein wichtiger Schritt zur Vertrauensbildung – in den wir jetzt aber auch die Nachbarn einbinden müssen. Die Einbeziehung wichtiger Staaten wie Saudi-Arabien oder Ägypten fehlt mir aber bisher.
SPIEGEL: Iran hat sich verpflichtet, endlich die Fragen zu beantworten, welche die IAEA zur möglichen militärischen Dimension des Nuklearprogramms hat. Rechnen Sie mit zufriedenstellenden Antworten?
ElBaradei: Die Beantwortung dieser Fragen haben sich die Iraner immer vorbehalten für eine Gesamtlösung – und dieses große Paket haben sie nun in Wien geschnürt. Deshalb werden sie kooperativ sein. Sie wissen genau: Wenn sie alte Sünden einzugestehen haben, dann müssen sie es jetzt tun. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir von Plänen zu einem nicht zivilen Nuklearprogramm aus alten Zeiten erfahren würden.
SPIEGEL: Sind Tricksereien bei den Inspektionen auszuschließen?
ElBaradei: Die perfekte Kontrolle gibt es nicht. Aber die Iraner müssten verrückt sein, in dieser für sie positiven Stimmung die IAEA weiter zu hintergehen. Ich glaube, sie werden die Vertrauensbildung, die gerade beginnt, nicht aufs Spiel setzen.
SPIEGEL: Nach jahrelanger Verzögerung hat Zarif auch einer Inspektion der umstrittenen Militäranlage in Partschin zugestimmt. Erwarten Sie jetzt noch entscheidende Hinweise, wo doch längst alle Spuren von verdächtigen Arbeiten verwischt sein dürften?
ElBaradei: Wir haben die Anlage zu meiner Zeit als IAEA-Generaldirektor zweimal untersucht und nichts gefunden. Dann bekamen wir neue Tipps zu verdächtigen Forschungen und wollten noch einmal rein. Das haben die Iraner uns verweigert. Es wurde ein Katz-und-Maus-Spiel. Ich glaube, dass sie das jetzt beenden.
SPIEGEL: Und Sie glauben an den Kooperationswillen aller Kräfte in Iran?
ElBaradei: Hardliner gibt es nicht nur in der Islamischen Republik, sondern auch im US-Kongress. Aber die überwältigende Mehrheit in Iran unterstützt das Abkommen und wird die Umsetzung nicht behindern. Iran wird seine Zukunft innerhalb der Weltgemeinschaft nicht gefährden.
SPIEGEL: US-Präsident Barack Obama will mit diesem Abkommen Iran auch für eine Zusammenarbeit in der Region gewinnen. Wird das funktionieren?
ElBaradei: Revolutionsführer Ali Khamenei muss an seine Heimatfront denken und wird zu seinen Anhängern harscher sprechen als sein Außenminister gegenüber dem Westen. Dennoch bin ich vorsichtig optimistisch, dass Iran die Politik in Nahost konstruktiv mitgestalten will und wird.
SPIEGEL: Wann rechnen Sie mit dem historischen Handschlag?
ElBaradei: Wenn alles gut geht, werden sich Obama und Präsident Hassan Rohani im September bei der Uno-Generalversammlung die Hand reichen. Das wäre wirklich ein historischer Moment.
Interview: Dieter Bednarz
Von Dieter Bednarz

DER SPIEGEL 30/2015
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