18.07.2015

Global VillageSklaven der Erinnerung

Wie ein Brasilianer per DNA-Test seine afrikanische Herkunft entdeckte
Luis Pinto war aufgeregt, als er diesen Umschlag in den Händen hielt, in dem die Lösung des Rätsels seiner Herkunft steckte. Es war ein Samstagnachmittag, Pinto hatte zwei Dutzend Freunde eingeladen auf seine Terrasse oberhalb der Lagune von Rio de Janeiro. Eine Ministerin war da, auch ein Filmteam, das die Kameras auf ihn richtete. Vier Monate war es her, seit er eine Zahnbürste an ein Labor nach Washington geschickt hatte, darauf ein paar Zellen Mundschleimhaut. Das Ergebnis des DNA-Tests sollte Aufschluss darüber geben, welcher afrikanischen Ethnie seine Gene zuzuordnen sind.
Pinto ist ein kräftiger Mann mit Rastazöpfen, 73 Jahre alt. In seinem linken Ohr funkelt ein Brillant. Seine Hautfarbe bezeichnet er als "ziemlich dunkel, aber nicht ganz schwarz". Eigentlich, sagt Pinto, habe er nie Zweifel gehabt, dass seine Vorfahren aus Afrika kamen, aber dann war bei derselben Testreihe herausgekommen, dass ein alter Kumpel, der sich seit Jahren in der Schwarzenbewegung engagiert, von Indianern abstammt. "Man weiß ja nie", sagt Pinto. "Hautfarbe kann in Brasilien viel bedeuten."
Daran, dass ihn dieses Experiment womöglich in eine Identitätskrise stürzen könnte, hatte Pinto nicht gedacht, als ihm die Filmproduktionsfirma Cine Group ihr Projekt "Brasil: DNA Afrika" vorstellte. Ihre Idee war, Gewebeproben von 150 Brasilianern einzusammeln, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von afrikanischen Sklaven abstammen. Über die DNA-Datenbank des Washingtoner Labors lassen sich relativ sichere Rückschlüsse auf die ethnische Herkunft ziehen. Pinto machte mit, weil er die Chance sah, Licht in dieses Kapitel der brasilianischen Geschichte zu bringen, das auch 127 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei weitgehend im Dunkeln liegt. Obwohl allein in Rio etwa zwei Millionen Sklaven aus Afrika ankamen und von dort ins ganze Land weiterverkauft wurden, weiß man wenig über ihre Vergangenheit. Es sei, sagt Pinto, als hätte man ihnen auf den Galeeren nicht nur die Würde aus dem Leib geprügelt, sondern auch die Erinnerung an ihre eigene Geschichte. "Im Grunde", sagt er, "ist Afrika für uns ein großes schwarzes Loch."
Der Teil seiner Familiengeschichte, den Pinto kennt, beginnt vor etwa hundert Jahren, als seine Großeltern mit einer Gruppe anderer Sklaven von einer Kaffeeplantage flohen und sich auf einem Hügel an der Lagune niederließen. Aus ihren Erzählungen weiß er, dass sie ihre Hütten mit Palmblättern deckten und von den Früchten lebten, die sie in der Wildnis fanden. Die Mutter seines Vaters, das schnappte Pinto als kleiner Junge auf, hatte sich später in einem Fluss ertränkt, weil sie von einem Portugiesen vergewaltigt worden war. Kann sein, sagt er, dass dieser Mann der Grund für seine leicht hellere Haut ist. Aber es sind Dinge, über die nie offen gesprochen wurde. Wenn der junge Luis Pinto in die Gespräche seiner Eltern platzte, verstummten sie. Sein Vater, der sein Leben auf dem Bau verbrachte, saß abends schweigend über der Bibel. Seine Mutter unterschrieb noch mit Fingerabdruck und sprach alle Weißen, die Krawatte trugen, mit "Doktor" an. Wenn in einem vollen Bus der Platz neben ihr frei blieb, nahm sie das hin, als wäre es ganz normal.
"Ich weiß nicht, was meine Vorfahren dachten", sagt Pinto. "Vor wie vielen Generationen sie nach Brasilien kamen. Woran sie glaubten, bevor sie zum Christentum bekehrt wurden." Nicht mal sein Name taugt als Indiz: Pinto ist einer jener Namen, die man den Sklaven gab.
Pinto wuchs als jüngstes von acht Kindern auf, und er war der Erste in seiner Familie, der es an die Universität schaffte. Er studierte einige Semester lang Jura, dann brach er ab, weil die Familie die Gebühren nicht mehr zahlen konnte. Pinto sagt, er habe sein Studium in der Praxis fortgeführt: Mehrere Jahrzehnte hat er vor Gericht dafür gekämpft, dass seine Familie auf ihrem Hügel bleiben konnte.
Denn als sich Rio ab den Sechzigerjahren in Richtung der Lagune ausdehnte, entstanden hier die Apartmentblocks der Reichen. Favelas wurden plattgewalzt, Tausende gegen lächerliche Entschädigungen umgesiedelt. 30 Familienangehörige, Onkel, Neffen, Enkel, leben heute in diesem Quilombo, wie man die von weggelaufenen Sklaven gegründeten Siedlungen nennt. Luis Pinto ist ihr Anführer.
Seit Ende der Achtzigerjahre sieht die Verfassung vor, dass der Boden staatlich anerkannter Quilombos Eigentum der Bewohner ist. Das ist die Theorie. In Wirklichkeit gerieten die Pintos an Richter, die Urteile an Immobilienspekulanten verkauften. Sie stießen auf den Alltagsrassismus der Verwaltung, die ihr Anliegen über Jahre verschleppte. Immer wieder durchpflügten Nachbarn ihr kleines Waldstück auf der Suche nach Cannabispflanzen, um sie bei den Behörden anzuschwärzen.
Dieser Kampf, sagt Luis Pinto, das sei sein Leben. Es wäre seltsam, wenn jetzt plötzlich herausgekommen wäre, dass er größtenteils Gene von Weißen habe.
Dann setzt er, wie an jenem Samstagnachmittag vor ein paar Wochen, wieder seine Brille auf und zieht ein Anschreiben aus dem Umschlag, der vor ihm auf dem Tisch liegt. "Sehr geehrter Herr Pinto", liest er vor, "wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie mütterlicherseits mit einer Wahrscheinlichkeit von 98,9 Prozent vom Volk der Yoruba abstammen." Er deutet auf eine Buchstabenfolge aus "T", "C", "A" und "G" – eine Sequenz seines Genoms. "Yoruba, Nigeria", sagt er erleichtert. "Ich musste erst mal in den Atlas gucken."
Von Marian Blasberg

DER SPIEGEL 30/2015
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