18.07.2015

KommentarAngst ums Eigenheim

Der Bau forensischer Psychiatrien wird zu Unrecht gefürchtet.
Der Maßregelvollzug genießt einen verheerenden Ruf bei vielen Bundesbürgern. Das zeigt sich immer dann, wenn eine forensische Psychiatrie gebaut werden soll. Jüngstes Beispiel dafür ist die nordrhein-westfälische Stadt Lünen. Kaum wurde dort darüber nachgedacht, ein Zentrum für psychisch Kranke einzurichten, die straffällig geworden sind, trat auch schon die Bürgerinitiative "Lünen ohne Forensik" auf den Plan. Jetzt wird die Forensik trotzdem gebaut – und viele Einwohner gehen auf die Barrikaden. Sie fürchten um den Wert ihrer Eigenheime angesichts der neuen, übel beleumdeten Nachbarn. Oder schlimmer noch: Sie haben Angst, dass ihre Kinder von entlaufenen Sexualstraftätern missbraucht werden. Doch der reflexhafte Protest gegen die Psychiatrien für Straffällige greift zu kurz. Er verkennt, wie erfolgreich die Arbeit dieser Institutionen ist – und auch, wie sehr sich die Betreuung und die Sicherheitsmaßnahmen in diesen Häusern in den vergangenen 20 Jahren verändert haben. Forensische Psychiatrien sind keine Sammelbecken für Serientäter und Kinderschänder. Etliche der dort Untergebrachten sind erst im Laufe ihres Erwachsenenlebens krank und dann straffällig geworden – beispielsweise durch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma oder eine Stoffwechselerkrankung. Das kann jeden treffen. Um den Ängsten von Anwohnern Rechnung zu tragen, haben sich die meisten Einrichtungen in Deutschland inzwischen in Hochsicherheitsanlagen verwandelt. Das beste Beispiel dafür ist das LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt. In den Achtzigerjahren war diese Einrichtung nicht verrammelt, die Einsitzenden konnten vergleichsweise leicht entkommen, wenn sie denn wollten. Heute ist alles anders. Der Zaun, der das Gelände umgibt, wurde von Spezialisten des SEK getestet. Sie konnten ihn nicht überwinden.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 30/2015
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