18.07.2015

TiereDie Rückkehr des Räubers

Der Weiße Hai gilt bislang als bedrohte Art, weil Fischer ihn bedenkenlos abschlachteten. Jetzt registrieren Meeresbiologen, dass die Bestände sich wieder erholen. Drohen mehr Angriffe auf Badende?
An einem Sonntag im Juni, um kurz nach vier Uhr nachmittags, geht bei der Notrufzentrale in Oak Island in North Carolina ein panischer Anruf ein: "Wir haben hier jemanden ... ein Hai, ein Haiangriff." Kurz darauf brüllt eine andere Stimme aufgebracht in den Hörer: "Hier ist ein Mädchen, dessen Hand abgebissen wurde. Wir brauchen sofort einen Krankenwagen."
Die Zwölfjährige überlebt die Haiattacke. Doch die Ärzte müssen ihr einen Unterarm amputieren.
Kurz darauf wird ein 16-Jähriger von einem Hai angefallen – nur wenige Kilometer weiter strandabwärts. Wieder geht ein Notruf ein: "Sein linker Arm ist komplett weg!"
Zwei Haiangriffe innerhalb von 90 Minuten und in derselben Gegend sind selbst für Amerikas Küsten eine ungewöhnliche Häufung. Was geht da vor im Meer?
Etwa 1100 Kilometer weiter nördlich steht Greg Skomal mit Käppi, Sonnenbrille und im T-Shirt an Bord eines kleinen Motorboots, das vor Cape Cod kreuzt. Mit einer Harpune in der Hand lauert der Meeresbiologe auf einem Bugkorb, der einige Meter über das Schiff hinausragt.
Das Wasser ist an dieser Stelle höchstens drei Meter tief. Manchmal dauert es nur Stunden, mitunter vergehen aber auch Tage, ehe ein großer Schatten unter dem Boot auftaucht. Dann schnellt Skomals Lanze hervor. So heftet er einen kleinen Sender an den massigen Körper des Weißen Hais.
Rund 70 dieser Raubfische beziehen vor diesem Küstenabschnitt inzwischen Quartier. Was Schwimmer, Taucher und Surfer beunruhigt, begeistert die Forscher: Der grausigste Räuber der Meere, davon sind sie überzeugt, kehrt zurück.
Das Schicksal des Weißen Hais gilt Umweltschützern als Beleg dafür, wie umfassend der Mensch das Ökosystem der Ozeane ruiniert hat. Seit immerhin 16 Millionen Jahren schwimmt der Jäger durch die Meere. Jetzt aber stehe er kurz vor der Ausrottung, so die düstere Prognose.
Nun aber geben Meeresbiologen wie Skomal vorsichtig Entwarnung. Zusammen mit seinem Kollegen George Burgess, einem Veteranen der Fischkunde, sowie dem Ökostatistiker Tobey Curtis von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) hat er im Wissenschaftsmagazin "Plos One" neue Erkenntnisse veröffentlicht, die auf Sichtungen und Satellitendaten basieren und einer Sensation gleichkommen.
Im westlichen Nordatlantik, so berichtet das Forschertrio, erholen sich die Bestände des Weißen Hais. Vor der Küste Floridas gibt es Hinweise, dass die Tiere dort inzwischen womöglich wieder so häufig vorkommen wie in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Auch vor Neuseeland und Südafrika seien die zwischenzeitlich dezimierten Bestände wieder spürbar angewachsen.
Burgess, der die Haiforschung des Florida Museum of Natural History leitet, meint deshalb sogar, der Weiße Hai müsse in den USA nicht auf die Liste des nationalen Artenschutzes gesetzt werden. Burgess, Curtis und Skomal liefern auch eine Erklärung, warum sich im Nordatlantik wieder mehr dieser größten und gefährlichsten aller Raubfische tummeln. Nicht nur die Schutzmaßnahmen zeigten Wirkung; auch ein wichtiges Beutetier, die Kegelrobbe, habe sich stark vermehrt.
Trotz der positiven Indizien bleiben andere Ökologen zurückhaltend. Denn der Weiße Hai lässt sich nur schwer beobachten, was zuverlässige Zählungen erschwert. Er ist nicht nur einer der mächtigsten, sondern auch einer der rätselhaftesten Meeresbewohner.
Immer wieder taucht er unverhofft an Küsten auf, wo er kaum vermutet wurde – etwa vor der kanadischen Küstenstadt St. Andrews, wo er Ausflügler auf einem Walbeobachtungsboot überraschte. Oder unweit der indonesischen Insel Sumbawa, wo Fischer ein Exemplar von sechs Meter Länge harpunierten, filetierten und anschließend für umgerechnet knapp tausend Dollar auf dem Markt verkauften.
Dann verschwindet er ausgerechnet dort von der Bildfläche, wo man ihn für heimisch hielt. Nach insgesamt sieben tödlichen Attacken auf Schwimmer innerhalb von drei Jahren ordnete die Regierung von Westaustralien Ende 2013 eine Jagd auf Bullen-, Tiger- und Weiße Haie an. Carcharodon carcharias jedoch entging seinen Jägern.
Biologe Skomal nähert sich dem Räuber des Ozeans ohne Furcht. Von der Kanzel des Motorboots aus kommt der Forscher dem Knorpelfisch so nahe, wie es sich die meisten Menschen nie wünschen würden. "Wir behelligen einen frei schwimmenden Hai im Flachwasser, dessen Bewegungen unvorhersehbar sind", sagt Skomal. "Das bedeutet Stress."
Die Sender, die Skomal an die Räuber heftet, können natürlich nicht alle Rätsel des Weißen Hais lösen. Der Forscher wäre aber schon froh, wenn er die enormen, verworrenen Routen der Tiere genauer als bisher verfolgen könnte. Nur so viel ist bekannt: Zwischen 70 und 100 Kilometer kann ein erwachsener Weißer Hai am Tag zurücklegen.
Bis vor Kurzem glaubte Skomal noch, die Wanderungsbewegungen der Haie vor Cape Cod würden einem einfachen Muster folgen: Zu Beginn der warmen Jahreszeit im Mai, so seine Vermutung, tauchten die Tiere vor der Halbinsel auf; im Dezember, wenn es kalt wird, zögen sie Richtung Süden, vor die Küste Floridas. Inzwischen weiß Skomal, dass die Dinge weit komplizierter liegen. Einige Tiere beispielsweise biegen Richtung Osten ab und stoßen weit in den Atlantik vor. Niemand weiß, warum.
Dass der Weiße Hai weit über 70 Jahre alt werden kann, und somit viel älter als gedacht, ist eine jüngere Erkenntnis von Skomal und seinen Kollegen. Denkbar also, dass heute noch Tiere leben, die bereits während des Zweiten Weltkriegs durch die Meere schwammen.
Erst vor wenigen Monaten fand der Forscher aus Massachusetts zudem heraus, dass die Räuber sexuelle Spätzünder sind. Die männlichen Tiere erreichen ihre Geschlechtsreife im Durchschnitt mit 26, und die Weibchen werden sogar erst sieben Jahre später zeugungsfähig. Bis dahin stand in den Lehrbüchern, dass die Tiere spätestens ab dem 13. Lebensjahr paarungsbereit seien. Die spätere Geschlechtsreife könnte dazu führen, dass die Zahl der Nachkommen nach unten korrigiert werden muss – was wiederum Einfluss auf die Gesamtzahl in den Ozeanen haben könnte.
Nur eines ändert sich nicht: das schlechte Image der Meeresmonster. Der Weiße Hai gilt Unkundigen bis heute als Menschenfresser – kein Wunder, ist er doch beispielsweise für zwei von drei tödlichen Haiattacken vor Australien verantwortlich.
Der britische Zoologe Thomas Pennant attestierte dem Jäger der Meere bereits 1776 "große Gier nach menschlichem Fleisch". "Ob Absicht oder nicht – wenn es zu schweren Verletzungen kommt, dann sind dafür immer die großen drei verantwortlich", sagt Burgess: Tigerhai, Bullenhai oder eben der Große Weiße.
Mitunter glauben im Meer Badende, der Weiße Hai begebe sich vorwiegend weit draußen in großer Wassertiefe auf Beutezug. In Wahrheit aber schwimmt der Meeresräuber bis auf wenige Meter an den Strand heran. Die meisten Haiattacken, so hat Burgess vor der Küste Floridas ermittelt, ereigneten sich in einer harmlos erscheinenden Wassertiefe von weniger als 1,80 Metern.
Drohen mehr Angriffe, wenn sich die Bestände erholen? Meeresforscher Skomal rechnet nicht automatisch mit einer wachsenden Gefahr für Schwimmer – sagt aber auch: "An Stränden, wo mit Weißen Haien gerechnet werden muss, ist Vorsicht angebracht."
An der Küste des US-Bundesstaats North Carolina wurden seit Juni bereits acht Haiattacken auf Badende gezählt. Selbst langjährige Experten können sich eine solche Häufung einstweilen nicht erklären.
Die warmen Temperaturen und die Brutzeit der Meeresschildkröten – beides könnten Gründe sein für die ungewöhnliche Beißwut der Haie, spekuliert Burgess. Aber der erfahrene Fischexperte weiß natürlich auch, dass genau diese Faktoren jedes Jahr auftauchen. Was Burgess noch sagt, lässt furchtsameren Badegästen die Nackenhaare zu Berge stehen: "Wir Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von dem X-Faktor – dann geht im Ozean etwas vor sich, das wir nicht erklären können."
Nur eines schließen die Biologen aus: dass die Haie plötzlich Appetit auf Menschenfleisch bekommen. Der Mensch ist für den nach fettreicher Kost gierenden Weißen Hai viel zu mager und zu knochig. Noch nie wurde im Magen des Tieres der komplette Leib eines Menschen gefunden. "Angesichts der drastisch gestiegenen Zahl von Badegästen ist es in Wahrheit sogar erstaunlich, wie wenige Haiangriffe wir verzeichnen", beruhigt NOAA-Ökostatistiker Curtis. Noch nie seien so viele Urlauber ins Meer geströmt wie in der Gegenwart. Dank kälteabweisender Kleidung würden sich Taucher und Surfer auch weit länger im Wasser aufhalten als früher.
Und noch eine Statistik könnte zur Beruhigung von Haiphobikern beitragen: Immer weniger Opfer sterben an ihren Verletzungen. In Australien starb früher jedes zweite Opfer eines Haibisses; heute überleben neun von zehn Menschen eine Attacke. So sind viele Strände mit Haivorkommen inzwischen mit sogenannten Shark Attack Packs ausgerüstet – Erste-Hilfe-Kästen, die über das nötige Verbandswerkzeug verfügen, um die Blutung nach dem Biss unter Kontrolle zu bringen.
Die Gefahr zu verbluten ist allerdings nicht das einzige Risiko. Immer wieder geraten Opfer einer Attacke in einen lebensbedrohlichen Schockzustand. Auch droht ihnen eine gefährliche Infektion: Das Maul des Weißen Hais ist voller Bakterien, die im menschlichen Organismus eine tödliche Wirkung entfalten können.
Wer trotz dieser Fährnisse ein Bad in von Haien bewohnten Gewässern wagt, sollte sich bei der Begegnung mit einem Monsterfisch daran erinnern, dass Angriff mitunter die beste Verteidigung ist.
"Sich totzustellen bringt gar nichts", sagt Burgess. Der Haiforscher empfiehlt: "Nach einem beherzten Schlag auf die Schnauze wird der Hai ziemlich sicher abdrehen. Damit hat man vielleicht genug Zeit gewonnen, um noch heil aus dem Wasser zu kommen."
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 30/2015
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