18.07.2015

BautechnikHitlers Bettenburg

Jahrzehntelang gammelte die Nazi-Urlaubsfabrik Prora auf Rügen. Doch nun geht es voran. Der düstere Koloss wird in einen maritimen Ferienpark umgewandelt.
In den endlosen Fluchten der alten Ferienfestung doziert Iris Hegerich freudig über den Niedrigzins. Die Empfehlung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, wegen der vielen Terroranschläge des "Islamischen Staats" lieber daheim Urlaub zu machen, findet sie ebenfalls prima. Und dann kommt sie noch auf den Klimawandel zu sprechen: "Dass die Ostsee immer wärmer wird, ist schon eine tolle Sache."
Die Projektentwicklerin der Firma Irisgerd aus Berlin baut auf Rügen, nur einen Steinwurf vom Ufer der Ostsee entfernt, 280 Luxusapartments. Vorbei an blättrigem Putz bahnt sich die Frau den Weg zur Musterwohnung.
Drei Zimmer, Küche, Sauna, dazu eine Dschungelbrause im Masterbad. Durchs Fenster sieht man die Ostsee. Kap Arkona und die berühmten Kreidefelsen, die Caspar David Friedrich malte, sind ganz in der Nähe.
Schließlich zieht Hegerich einen weiteren Trumpf: "Durch die Denkmalabschreibungen kriegen Sie rund ein Viertel vom Kaufpreis steuerlich erstattet."
20 000 Neugierige hat ihr Team in den vergangenen zwei Jahren bereits durch die Schauräume geführt. Es wurde mit "lauen Sommernächten" gelockt. Rügen sei die "Insel der Entschleunigung".
Dennoch wollte anfangs kaum einer zugreifen. Der Grund: Die geplanten Eigentumswohnungen (Quadratmeterpreis ab 3050 Euro) liegen in einem Klotz, dessen Dächer einst von sowjetischen Zwangsarbeitern geflickt wurden. Die Ziegel stammen zum Teil von KZ-Häftlingen. Es geht um das Nazi-Seebad Prora.
Die Idee für das fünf Kilometer lange Erholungsheim stammte von Adolf Hitler persönlich. Gleich fünf solcher Ferienmonstren wollte er entlang der Ostsee von Timmendorf bis nach Ostpreußen errichten lassen. Der geplante Durchsatz zur Generalüberholung des Volkskörpers war auf jährlich 1,5 bis 2 Millionen Gäste veranschlagt.
Der Reichkanzler und "Führer" wünschte sich ein "nervenstarkes Volk" – Sonnenbaden für den Endsieg.
Ausgeführt wurde nur das Projekt auf Rügen. Nach dem ersten Spatenstich 1936 zogen Tausende Maurer im Eiltempo acht Blöcke hoch, jeder knapp 500 Meter lang. Der Lindwurm schmiegt sich wie ein leicht gebogener Kamm an die Ostseebucht Prorer Wiek.
20 Reichsmark sollte der siebentägige Urlaub mit Trillerpfeife kosten, samt Morgenappell und Haferflockenfrühstück in einem der acht Speisesäle für jeweils 900 Personen. Die Privatzimmer hatten Lautsprecher, einen Spülstein und Außenklo. Strandkörbe und Wasserrutschen waren inklusive. An einer Kaimauer sollten die Schiffe der NS-Organisation "Kraft durch Freude" anlegen.
Doch es kam anders. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen folgten der Baustopp – und das endlose Gammeln.
Damit ist es nun vorbei. Zementstaub liegt über den Kiefernwäldern von Prora. Bagger und Tieflader brausen umher, Maurer bringen mit Pumpen Spritzputz auf die Fassaden. Das größte architektonische Erbe der Nationalsozialisten wird aufgehübscht.
Hegerichs Firma lässt derzeit den gesamten Block 1 entkernen. Über 500 behelmte Handwerker des Generalunternehmers Bilfinger sind vor Ort. Draußen türmen sich kaputte Fenster, geborstene Steigleitungen und elektrisches Kabelgewirr.
In Block 2 sind gleich drei Investoren tätig. Während verschwitzte Eisenbieger ihr Pausenbrot essen, sitzen in der Sunrise-Bar bereits die ersten Gäste in Badehose. Eine künstliche Sanddüne wurde aufgeschüttet. Auf schmalen Holzstegen geht es direkt ans Meer.
Meersinfonie, Prora Solitaire, Haus Avella – klingende Namen haben sich die Immobilienlyriker ausgedacht, um Hitlers Bettenburg als marinen Spaßtempel zu vermarkten. Auch in Block 4 sind schon 60 Wohnungen fertig. In Block 5 residiert eine Jugendherberge mit 424 Betten (siehe Grafik).
Der Bürgermeister von Binz, Karsten Schneider, sieht die Verwandlung der düsteren Ruine mit Wohlgefallen. Gemächlich schreitet er die endlose Häuserflucht ab und erzählt vom jahrelangen Frust, den ihm das Gebäude bereitete.
Vor einer Eigernordwand aus NS-Größenwahn und rissigem Beton habe er gestanden: "Da lief jeder Vernünftige davon." Kein Nutzungskonzept wollte aufgehen, sagt der Mann, der selbst wie Siegfried aussieht. "Prora schien zu groß für alles und jeden."
Bereits die Sowjets verhoben sich. Sie versuchten im Jahr 1949, den hässlichen Rohbau zu beseitigen und sprengten Block 0, hielten dann aber inne. Alsbald kam die Nationale Volksarmee. Sie nutzte die Blöcke 6 und 7 als Übungsgelände für Fallschirmjäger, Panzerfahrer und für taktische Sprengungen. Übrig blieb eine Trümmerwüste.
Die Festhalle und andere Teile des 1937 auf der Weltausstellung in Paris prämierten Entwurfs (ein ähnliches Seebad hatte zuvor der Architekt Le Corbusier für Algier geplant) führten die Nazis nie aus.
So standen nach der Wende nur noch fünf zerschlissene Trakte mit blinden Scheiben und DDR-Linoleum, in denen Angela Merkel 1990 eine Wahlkampfveranstaltung durchführte. Doch selbst für dieses Restgerippe fand der Bund keinen Käufer.
Also entschloss sich die zuständige Oberfinanzdirektion Rostock zum Zerhacken der Anlage und zum Versteigern der einzelnen Blöcke zu Schnäppchenpreisen – was wiederum Wolkenschieber, Vorbestrafte und den zwielichtigen Expräsidenten des FC St. Pauli, Otto Paulick, anlockte. Selbst Araber wollten hier investieren. "Wir hatten uns schon auf Kamelrennen am Strand eingestellt", kalauert Schneider.
Der Tenor in der Presse, auch im SPIEGEL, war eindeutig: Das klappt nicht. Die Sache mit der kaputten Urlaubsmaschine der Nazis werde sich nie zum Besseren wenden.
Doch aus dem Wildwuchs kapitalistischen Geschachers der vergangenen Jahre bahnt sich nun offenbar doch ein Weg in ein lichteres Morgen. "Als wir anfingen, sah es hier aus wie im Kosovo", erzählt Bauleiter Jochen Bekemeier, der in Block 2 das Haus Aurum saniert hat. "Nun ist alles verkauft."
Gleich nebenan steht Ulrich Busch, Sohn des Rotfront-Sängers Ernst Busch. Er lässt in Block 2 gerade drei Aufgänge zu einem Apartmenthotel umbauen. Die Fensterlaibungen verziert er mit sächsischem Sandstein. Soeben wurde ein 20 Meter langer Pool installiert.
Nur in Block 3 herrscht noch Tristesse. Schwalben fliegen durch zersplitterte Fenster, Türen sind zugenagelt. Aber auch hier dürfte der Verfall bald gestoppt sein. Gleich mehrere Investoren bemühen sich hinter den Kulissen um den Erwerb dieses Teilstücks.
Gelingt also tatsächlich das Wunder? Erstrahlt die Ertüchtigungsanstalt für schnorchelnde Herrenmenschen bald als Mallorca des Nordens? Bürgermeister Schneider ist sicher: "Hier entstehen 3000 Gästebetten."
Die Zeit des Zauderns ist jedenfalls vorbei. Die Preise für die Feriendomizile ziehen an. Block 3 hat mittlerweile einen Schätzwert von fünf Millionen Euro. Vor zehn Jahren hätte man ihn noch für einen Bruchteil des Geldes gekriegt.
Doch nicht allen gefällt der Bauboom. Das mondäne Binz, wo die "Bäderbahn" bimmelnd an wilhelminischen Stuckhäusern mit Namen wie Villa Hoffnung oder Villa Seeadler vorbeifährt, bangt um seine Gäste.
Auch einige Kulturschaffende sind erbost – wegen der ruppigen Entkernung. Die alte Kaserne aus der DDR plattzu-
machen sei einem "zerstörerischen behördlichen Geist" geschuldet, schimpft der Prora-Experte Joachim Wernicke. Auf dem Areal simulierte die Ostarmee im Jahr 1972 eine Atombombenexplosion. Schickt es sich, so etwas zum Vergnügungsort für Surfer umzugestalten?
Manche hätten das Gemäuer am liebsten als Mahnmal genutzt, gefüllt mit Künstlerwerkstätten und Museen.
Der für den Verkauf zuständige Rostocker Beamte Raymund Karg will von derlei Verfallsromantik nichts wissen. Er ist froh, dass er den Klotz häppchenweise loswurde. Seine Überzeugung: "Nur durch die touristische Nutzung lässt sich Prora in seiner Substanz erhalten."
Beim Umbau zum Spaßzentrum ist allerdings einiges an Facelift nötig. Wer Urlauber anlocken will, das ist auch den Denkmalschützern klar, kann nicht jeden Zentimeter NS-Monotonie und Düsterkeit verteidigen.
Entsprechend locker sind die Vorgaben. Block 4 erhielt futuristische Balkone. Innen muss sowieso alles raus. In einem Ferienheim, dessen Grundriss an ein Gefängnis erinnert, will heute niemand mehr Urlaub machen.
Von bis zu 2,2 Kilometer langen Fluren gingen insgesamt 10 000 genormte Zimmer ab, jedes 2,5 mal 5 Meter groß – die Badeställe. Die sogenannten Liegehallen hatten nicht einmal Fenster. Hier sollten die Gäste an kalten Tagen von Heizstrahlern gewärmt unter Wolldecken liegen und die frische Meeresluft einatmen.
Um moderne Zuschnitte zu erhalten, reißen die Handwerker im Schnitt 20 Prozent aller Innenwände raus. Gnadenlos dringen die Meißel in mürbe Ziegel. Insgesamt verliert jeder Block durch den "konstruktiven Abbruch" mindestens 6000 Tonnen an Gewicht.
Als Folge der pyramidengleichen Bauarbeiten hebt sich die gesamte Anlage um einige Millimeter aus der Erdkruste.
Ein weiteres Problem ist der Pfusch. Kurz vor Kriegsbeginn kommandierte das NS-Regime auch Bäcker und Bauern an die Zementbütts. Überall wurde gespart. Die Fußböden aus Spannbeton sind nur zehn Zentimeter dick. Die Traglast liegt bei etwa 150 Kilogramm pro Quadratmeter. Im Klartext: Wenn Dicke hier enge Stehpartys feiern, stürzt die Decke ein.
Hinzu kommt die Hellhörigkeit. In Block 5 wurde inzwischen Gussasphalt auf den Boden gekippt, um den Trittschall zu schlucken. Andere Firmen setzen auf schaumige Kunststoffe. Das wiederum verringert die ohnehin geringe Raumhöhe von 2,50 Metern.
Gleichwohl reifen in dem brachialen NS-Erbe erstaunlich elegante Apartments heran. "Prora hat den Durchbruch geschafft", glaubt der ehemalige Landrat Rainer Feit, der das Projekt lange wegen seines "Gigantismus" bekämpfte. Nun gibt er zu: "Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden."
Bürgermeister Schneider denkt bereits über einen Jachthafen nach. Auch wird überlegt, ob man die Piste des nahen Flugplatzes Güttin so verlängert, dass dort kleine Jets landen können.
Kein Wunder, dass das Interesse am neuen Salzwasserdorado in Meck-Pomm steigt. Die Preise für die "Sky Suiten" mit eigener Dachterrasse liegen bereits bei 6500 Euro pro Quadratmeter und mehr. Beim Immobilienkauf entscheide eben "die Lage, die Lage, die Lage", erklärt Bauleiter Karl-Hans Klupp und zeigt auf die Fluten der Baltischen See.
"Und Prora hat die beste in ganz Europa."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 30/2015
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