18.07.2015

LiteraturRatlos in Alabama

Nach einem halben Jahrhundert erscheint der Vorgängerroman von Harper Lees Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“. Die Umstände der Veröffentlichung sind dubios – und das liberale Amerika verliert eine Identifikationsfigur. Von Philipp Oehmke
Der Roman trägt den seltsamen Titel "Gehe hin, stelle einen Wächter", und ein Wächter ist auch der Erste, der einem begegnet bei dem Versuch zu verstehen, was es mit diesem Buch auf sich hat. "Can I help you?" Der Wächter ist schwarz und trägt eine ebenfalls schwarze Uniform. Es ist nicht etwa ein Regierungsgebäude, vor dem er steht, noch nicht einmal das Anwesen eines Milliardärs, sondern ein Altenheim, ein paar Autominuten außerhalb der Kleinstadt Monroeville in Alabama.
Hier lebt die Schriftstellerin Harper Lee, und seit "Go Set a Watchman", wie der neue Roman im Original heißt, im Februar angekündigt wurde, wird sie von zwei bewaffneten Männern beschützt. Sie ist 89 Jahre alt und nach allem, was man weiß, fast blind und, wie ihr Agent Andrew Nurnberg es ausgedrückt hat, "taub wie ein Türpfosten".
Ihr Debüt, "Wer die Nachtigall stört" ("To Kill a Mockingbird"), ist vor 55 Jahren erschienen, 1960, Kennedy wurde zum Präsidenten gewählt, und hat sich seitdem mehr als 40 Millionen Mal verkauft. In den USA gilt "Wer die Nachtigall stört" als das einflussreichste Buch nach der Bibel, Schullektüre, und wie kaum ein anderes Buch Symbol für den Aufbruch Amerikas in eine tolerantere, offene Gesellschaft, der sich in den frühen Sechzigerjahren vollzog.
Die männliche Hauptfigur des Romans, ein verwitweter Vater und Rechtsanwalt, wurde zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation, die sein wollte wie Atticus Finch, der in den Dreißigerjahren im rassistischen Süden der USA einen jungen Schwarzen vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigt, eine Weiße vergewaltigt zu haben. In der Verfilmung spielte Gregory Peck diesen Atticus Finch, er gewann dafür einen Oscar. Inzwischen gehört Finch, den Lee sich mit Anfang dreißig ausgedacht hat, zu Amerikas kollektiver Identität, selbst wenn die heute Zwanzigjährigen, die mit Dr. Dre und nicht Dr. Luther aufgewachsen sind, mit diesem Atticus Finch längst nichts mehr anfangen können.
Die Schriftstellerin selbst wurde zur Ikone des neuen Amerikas und der Bürgerrechtsbewegung stilisiert. Dann zog sie sich zurück. 1964 gab sie ihr letztes Interview, und nie wieder ist er ihr gelungen, ein Buch zu schreiben. "Gehe hin, stelle einen Wächter" hat sie vor ihrem Welterfolg verfasst, es ist ihr wahres Debüt, oder, wie sie es ausdrückte, dieser Text ist das "parent" von "Wer die Nachtigall stört": Das Erfolgsbuch war das Ergebnis einer vom Verlag vorgeschlagenen Überarbeitung dieses Originalmanuskripts.
Auch in "Gehe hin, stelle einen Wächter" kommt Atticus Finch vor, allerdings ist er hier etwa zwanzig Jahre älter – und in der Frühversion hat diese Figur kaum etwas mit der uns bekannten gemein. Finch, Anfang siebzig, ist ein Rassist, der ein Treffen des Ku-Klux-Klan besucht.
Die "New York Times", Stimme des liberalen Amerikas, sprach vergangene Woche in ihrer ersten Reaktion von einem Schock. Die moralischen Gewissheiten, für die "Wer die Nachtigall stört" stand, gibt es nicht mehr – zertrümmert von der Autorin selbst, ausgerechnet zu einer Zeit, in der das Land über seine Rassenbeziehungen in Aufruhr geraten ist wie seit den Sechzigerjahren nicht mehr.
Gerade jetzt, wo im Land der Verdacht aufkommt, dass in manchen Gegenden im Süden die Bürgerrechte für Schwarze zwar auf dem Papier bestehen, aber nie eine Verankerung in der Gesellschaft gefunden haben; und dass möglicherweise immer noch viele dort denken, was dieser Atticus Finch in Lees neuem Buch ausspricht: "Willst du, dass unsere Kinder auf eine Schule gehen, deren Niveau gesenkt wurde, um es den Negerkindern anzupassen?"
In Ferguson hat ein weißer Polizist einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, in Baltimore stirbt ein Schwarzer unter kaum geklärten Umständen in einem Polizeivan, in Charleston schießt ein Rassist in einer von Schwarzen besuchten Kirche um sich.
Wusste Harper Lee, was sie tat, als sie der Veröffentlichung ihres Erstlings zustimmte? Warum hat sie ihn fast 60 Jahre lang zurückgehalten? Warum änderte sie ihre Meinung genau zu dem Zeitpunkt, als ihre ältere Schwester starb, die eine behutsame Hüterin ihres Werkes war?
Klar ist, "Gehe hin, stelle einen Wächter" ist mit mehr als 1,5 Millionen Exemplaren eins der meistvorbestellten Bücher der letzten Jahre. Es dürfte einen Rekordvorschuss erzielt haben, an dem viele mitverdient haben. Es geht um viel Geld in diesem Spiel, und es gibt viele Parteien und Interessen: Verlage, Agenten und Rechtsanwälte, gekränkte Freunde der Schriftstellerin – und eine Kleinstadt am Ende der Welt, fernab vom Literaturbetrieb, die ihren Weltstar behalten will, wie sie ihn kennt.
In Monroeville kursieren zwei sich fundamental widersprechende Versionen darüber, wie es zu der Veröffentlichung des neuen Romans hat kommen können. Die einen, und das ist die deutliche Mehrheit, gehen von einer Art Betrug aus: Harper Lee, beziehungsweise Nelle, wie ihr Rufname lautet – oder ehrfürchtiger: Miss Nelle –, sei im Kopf nicht mehr klar genug, um sich gegen diese Veröffentlichung zu wehren, die sie zuvor nie gewollt hat.
Die andere Seite, die vor allem aus Harper Lees Anwältin, ihrem Agenten und den weltweit verschiedenen Verlagen besteht, wiegelt ab: Miss Nelle sei zwar alt und wisse "vielleicht auch nicht, was es gestern zu Mittag gab" (Agent Andrew Nurnberg), sei aber geistig auf der Höhe und begeistert, dass nun endlich dieses Buch erscheine. Sie habe ja jahrzehntelang geglaubt, es sei verschollen.
Dabei habe es, so einfach kann es manchmal sein, lediglich all die Jahrzehnte in der Bank von Monroeville im Schließfach gelegen. Das behauptet zumindest Tonja Carter, die sich seit dem Tod von Harper Lees Schwester Alice Lee – in Monroeville nur: Miss Alice – im vergangenen November als Anwältin, Nachlassverwalterin und Freundin Lees bezeichnet. Wann und unter welchen Umständen Carter das Manuskript entdeckt haben will, darüber hat sie inzwischen mindestens zwei nicht unbedingt deckungsgleiche Versionen erzählt. Version eins: Sie habe den verschollen geglaubten Text Ende August vergangenen Jahres zufällig im Schließfach entdeckt. Er sei vorher niemandem aufgefallen, da er unter ein Manuskript von "Wer die Nachtigall stört" gemischt war. Ein Faksimile-Experte von Sotheby's hingegen behauptet, er sei schon 2011 in Monroeville gewesen, weil er das Originalmanuskript von "Wer die Nachtigall stört" bewerten sollte – schon damals habe man ein zweites Manuskript entdeckt. Carter sei dabei gewesen und habe seitdem von "Gehe hin, stelle einen Wächter" gewusst. Carter versuchte dem zunächst zu widersprechen, bis sie vergangene Woche zugab, dabei gewesen zu sein, sich aber erst 2014 wieder an das Manuskript erinnert und daraufhin im Schließfach gesucht zu haben. Außerdem deutet sie an, dass es vielleicht sogar noch ein drittes Manuskript gebe.
Tonja Carter kommt nicht aus Monroeville, sie ist die Fremde, der Eindringling, doch seit Lees Schwester Miss Alice tot ist, führt der einzige Weg zu Harper Lee über Carter. Sie kontrolliert den Zugang zur Schriftstellerin, die Wachmänner vor dem Altenheim haben eine Liste der Menschen, die sie besuchen dürfen. Viele der alten Freunde aus Monroeville zum Beispiel hat Carter von der Liste gestrichen. Offenbar kann sie Lee Erklärungen vorlegen, die diese blind unterschreibt, so hatte es Miss Alice vor ihrem Tod beklagt.
Das Schlimmste sei, behaupten die Leute im Museum, dass es Harper Lees Schwester persönlich gewesen sei, der Carter ihre Karriere verdanke. Miss Alice, 14 Jahre älter als Nelle, war mehr als ein halbes Jahrhundert lang Anwältin, Managerin und Sprachrohr der Schriftstellerin. Miss Alice praktizierte noch, als sie schon hundert Jahre alt war, bis sie im November letzten Jahres mit 103 starb. Es ist ihre Kanzlei, in der jetzt Tonja Carter sitzt. Sie hatte dort als Sekretärin begonnen. Alice ermunterte sie, ein Jurastudium zu absolvieren und danach in die Kanzlei einzusteigen. Zunächst lief alles gut, erst als Alice kränker wurde, häuften sich die Ungereimtheiten. Mehr als tausend Kilometer von Monroeville entfernt, auf Manhattans Upper
East Side, sitzt Andrew Nurnberg beim Frühstück. Er ist auf dem Weg von London nach Monroeville, noch zwei Wochen bis zur Veröffentlichung, und Nurnberg möchte Harper Lee zusammen mit den Leuten vom Verlag die ersten Druckexemplare des Buchs überreichen. Vorher ist er bereit zu einem Treffen, um all dem Gemunkel über Ungereimtheiten oder Tonja Carters Rolle wortreich entgegenzutreten.
Nurnberg ist ein erfahrener Literaturagent. Er muss geahnt haben, was das Buch auslösen, was es für Amerikas Kollektivgedächtnis bedeuten würde. Aber er und Tonja Carter dürften an diesem Deal gut verdienen. "Wenn ich von dem Buch nicht überzeugt gewesen wäre", sagt Nurnberg, "hätte ich es nicht jetzt veröffentlicht. Dann hätte man bis nach ihrem Tod gewartet und es später als eine Art kritische Ausgabe zu ,Nachtigall' nachgereicht und immer noch viel verdient."
Im Oktober flog Nurnberg zu Harper Lee ins Altenheim. Sie sei aufgeregt gewesen und habe sich gefreut, als sie hörte, dass das Buch dem Agenten gefalle. Kurz darauf starb die Schwester Alice. Zweieinhalb Monate nach Alice' Tod wurde das Erscheinen des neuen Romans verkündet.
Ab Mitte der Fünfzigerjahre hatte Harper Lee an dem Roman gearbeitet. 1949 war sie aus Monroeville nach New York gezogen, ihrem Kindheitsfreund Truman Capote folgend, der auch aus Monroeville kam und den Lee in "Wer die Nachtigall stört" als Nachbarsjungen Dill verewigte, später half sie bei den Recherchen zu dessen Tatsachenroman "Kaltblütig". Das Buch, an dem Lee zunächst arbeitete und das schon damals "Gehe hin, stelle einen Wächter" heißen sollte, war klassischer, autobiografisch gefärbter Erstlingsstoff: Ein Alter Ego der Autorin, eine Frau Ende zwanzig, die seit einiger Zeit in der fremden Welt von New York lebt, kehrt zu Besuch zurück an den Ort ihrer Kindheit in Alabama. Die Heimat ist ihr fremd geworden, sie sieht sie mit distanziertem, schon halbem New Yorker Blick. Es sind die Fünfzigerjahre, das Land befindet sich im Umbruch, der sich im Norden an der Ostküste schon teils vollzogen hat, in den Feldern von Alabama aber noch nicht. Was die Rückkehrerin sieht, ist nicht schön: eine Heimatstadt in Aufruhr wegen der Entscheidung des Supreme Court, der die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig erklärt hat.
Während des Schreibprozesses liefert sie immer wieder Passagen an den Agenten Maurice Crain, der im April 1957 gegenüber einem Verleger den Roman folgendermaßen preist: "Dieses Buch wird vielen Nordstaatlern die Augen öffnen über die Haltung der Südstaatler im Kampf um die Rassentrennung."
Die Lektorin sieht es offenbar anders. Ihr gefallen vor allem ein paar kurze, versöhnlichere Rückblenden, die aus der Perspektive der Rückkehrerin als junges Mädchen erzählt werden. Die Lektorin schlägt vor, Lee solle versuchen, den gesamten Roman aus dieser Perspektive zu schreiben. Zweieinhalb Jahre lang schrieb Lee den Roman um, aus dem Vater wurde ein anderer Mann: aus dem Rassisten der berühmte Idealist. Hat Lee die Figur geschönt in der zweiten Version des Romans, der dann "Wer die Nachtigall stört" wurde? Hat sie ihn zu jenem Vater gemacht, den sie gern gehabt hätte?
Das neue Buch – und deswegen ist seine Veröffentlichung richtig – spiegelt eine Haltung wider, die in den Fünfzigerjahren viele Angehörige der gebildeten weißen Elite teilten. Selbst nach einem halben Jahrhundert der offiziell gleichen Bürgerrechte ist die Haltung des alten Finch hier im Süden immer noch zu finden. Es ist der Typ akademischer Familienvater, dessen rassistische Wurzeln so tief liegen, dass es wenig plausibel ist, ihn sich als jungen Menschen als weltoffen vorzustellen.
Und hat der alten Harper Lee von heute niemand gesagt, dass jegliches Argument für Rassentrennung, wie sie es Atticus Finch im Roman in den Mund legt, jenseits von historischer Betrachtung für Leser im Jahr 2015 ein wenig seltsam klingen muss? Musste sie nicht befürchten, dass "Gehe hin, stelle einen Wächter" ihren Weltroman als eine Lüge dastehen lassen könnte? Folgerichtig hat sie einer Veröffentlichung lange nicht zugestimmt.
Ein paar Wochen nach der Bekanntgabe des neuen Buchs gingen bei den Behörden des Staats Alabama anonyme Hinweise ein. Daraufhin wurde auf "elder abuse" ermittelt, Missbrauch oder Ausnutzung von alten Menschen. Weil es sich um die berühmteste Bürgerin des Bundesstaats handelte und um viel Geld ging – Lee verdient nur an den Rechten von "Wer die Nachtigall stört" rund drei Millionen Dollar jedes Jahr –, wurde der Fall weitergeleitet an Joe Borg, den Leiter der Alabama Securities Commission, die sonst auch den großen Fällen von Finanzbetrug nachgeht.
Borg ist klein, kompakt und trägt den Schnauzer eines Ermittlers alter Schule. In New York hat er in den Neunzigerjahren die Ermittlungen gegen den Finanzbetrüger Jordan Belfort geleitet, dessen Fall der Film "The Wolf of Wall Street" erzählt.
Borg erzählt, er habe zwei seiner Ermittler zu Harper Lee geschickt. Sie hätten die Leiterin des Heims vernommen, die persönliche Pflegerin sowie Harper Lee selbst. Er lacht, als er davon berichtet, wie die alte Schriftstellerin versucht habe, seine Männer sofort rauszuschmeißen. Sie habe sich belästigt gefühlt von dem Besuch. Natürlich wisse sie, dass sie im Begriff sei, ein Buch zu veröffentlichen, natürlich wisse sie, dass sie es vor fast 60 Jahren geschrieben und bisher nie publiziert habe – was das für dämliche Fragen seien? Auch die Heimleiterin und die Pflegerin bestätigten, dass Lee durchaus alles mitbekomme, mehr als einem lieb sei im Übrigen.
Für ihn, sagt Joe Borg, endete der Fall genau hier. Er ließ die Ermittlungen einstellen. Aber all die Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten von Tonja Carter?
"Die sind eigenartig", sagt Borg. "Aber sie stellen kein Verbrechen dar. Nur das habe ich zu bewerten. Kann es sein, dass Harper Lee von irgendjemandem in etwas hineingequatscht wurde, was sie ursprünglich nicht wollte? Absolut. Nur ist das kein Straftatbestand, sondern kommt in jeder zweiten Familie vor." Sobald ihm jemand neue Anhaltspunkte präsentiere, sagt Borg, mache er den Fall wieder auf – bis dahin habe er Wichtigeres zu tun.
Uns, die wir dann etwas ratlos in Alabama standen, blieb nichts anderes, als Harper Lees neuen, alten Roman zu lesen. Er ist auf schmerzhafte Weise die bessere Literatur, weil er moralisch nicht so selbstgewiss ist, sondern unsicher wie wir alle. ■
* Im Film "Wer die Nachtigall stört", 1962.
Von Philipp Oehmke

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