18.07.2015

IslamkritikCharlies Testament

Zwei Tage vor seiner Ermordung hat Charb, Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, ein Buch vollendet. Darin erklärt er das Selbstverständnis des französischen Satiremagazins.
Die beiden islamistischen Mörder, die am 7. Januar 2015 die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" überfielen, stellten nur eine Frage: "Wo ist Charb?" Der Chefredakteur der Zeitschrift war weltweit zum Symbol der Pressefreiheit geworden, ihn wollten sie unbedingt töten. Mit bewundernswertem Mut hatte Stéphane Charbonnier seine Rolle als Symbol angenommen. Ein Jahr nach dem Brandanschlag auf das Blatt im November 2011 hatte er erklärt, er habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keinen Kredit und würde "lieber aufrecht sterben, als auf Knien zu leben". Ein berührender Satz von jemandem, dem jedes falsche Pathos, jeder Pomp fremd war.
Seine Herkunft kann man sich nicht bescheiden genug vorstellen: der Vater Postbeamter in der Provinz, Streitereien am Esstisch mit dem zum Front National haltenden Großvater. Charbonnier, lässig in den Umgangsformen und in seiner Erscheinung, war ein Autodidakt, der ein großes Ziel hatte: die bestmöglichen, lustigsten, bösesten und atemberaubendsten Karikaturen abzuliefern. Am Ende ärgerte ihn an der verdrucksten Rücksicht auf islamische Eiferer am meisten, dass die Gutmeinenden ihm in seinen Job hineinpfuschen wollten.
In einem Dokumentarfilm über "Charlie Hebdo" aus dem Jahr 2005 kann man studieren, wie ehrgeizig die Zeichner dort waren, wenn es darum ging, das eine Motiv zu finden, das den Leser wirklich umhaut. Es war ihnen bewusst, dass ihre Mischung aus Zoten, krasser politischer Satire und kühler Ironie so nur in Frankreich möglich ist, wo diese Art des Humors eine jahrhundertealte Tradition hat. Die Leute von "Charlie Hebdo" waren stolz darauf, die härtesten Satiriker der Welt zu sein. Darum übrigens war und ist die Behauptung vieler Menschen, sie seien Charlie, recht keck. Es war, als die Zeichner alle noch lebten, ganz schön harte Arbeit, Charlie zu sein.
Sie nahmen nicht jeden und prüften auch die Besten, ob sie wirklich gut genug waren. "Charlie Hebdo" wurde respektiert, doch mit der wachsenden Bedrohung nach dem Aufruhr um die dänischen Mohammed-Karikaturen gerieten sie in Erklärungsnot: Gerade ihre linken Freunde entdeckten plötzlich den kulturellen Relativismus. Wenn sich schon rechte Parteien und zwielichtige Komiker wie Dieudonné, der Ziehsohn Jean-Marie Le Pens, über Minderheiten lustig machten, darf das dann auch ein linkes Blatt wie "Charlie Hebdo"? Sie gerieten in einen komplizierten Zweifrontenkampf: auf der einen Seite gegen den Front National, auf der anderen gegen die radikalen Islamisten. Und jene, die sie in diesem Kampf unterstützen sollten, verhielten sich allzu abwartend.
Das ist das Thema des Buchs "Brief an die Heuchler", das Charb zwei Tage vor seiner Ermordung vollendet hat(*). Er wurde 47 Jahre alt. Es ist sein Testament – ein inspirierendes, freches und komplexes Buch, das jeder lesen muss, der Charlie war und weiter sein möchte.
* Charb: "Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen". Aus dem Französischen von Werner Damson. Verlag Tropen, Stuttgart; 96 Seiten; 12 Euro. Erscheint am 25. Juli.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 30/2015
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