18.07.2015

Muslime sind keine Idioten

Gegen den Vorwurf der Islamfeindlichkeit: Charbs „Brief an die Heuchler“. Ein Vorabdruck.
Seit der Geschichte mit den Mohammed-Karikaturen und dem sich anschließenden Prozess steht "Charlie Hebdo" fast ständig unter verstärkter Beobachtung durch die Medien. Wagt man es, auf dem Titelblatt den Propheten oder eine ihm ähnlich sehende Person zu zeigen, geht es wieder los. Die Zeichnung wird dann als "neuerliche Provokation von 'Charlie Hebdo'" dargestellt. Und wenn das Fernsehen verkündet, dass etwas eine Provokation ist, gibt es immer ein paar Idioten, die sich provoziert fühlen.
Aber sind denn nicht diejenigen in Wahrheit islamophob, die behaupten, dass Muslime blöd genug sind, beim Anblick einer skurrilen Zeichnung in helle Aufregung zu geraten?
Die Journalisten sind nicht die Einzigen, die Muslime wahrnehmen, wo eigentlich Staatsbürger zu sehen sind. Auch etliche Politiker tun der Republik keinen Gefallen, wenn sie eher die Gläubigen im Blick haben und nicht die Staatsbürger.
Bloß ein Beispiel, das deshalb überraschend ist, weil ein sozialistischer Präsident die Hauptrolle spielt. Am 18. Februar 2014 begab sich François Hollande zur Großen Pariser Moschee, um zwei Gedenktafeln zu Ehren der muslimischen Soldaten einzuweihen, die in den Weltkriegen für Frankreich gefallen waren. Verständlicherweise macht sich der Präsident über die Muslime so seine Gedanken, denn die Sozialisten sind überzeugt, dass es eine "muslimische Wählerschaft" gibt. Die Mehrheit der Muslime würde demnach ihre Stimme nicht von den politischen Ideen der Kandidaten abhängig machen, sondern von dem Grad an Sympathie, den diese den Muslimen entgegenbringen. Der Gedanke setzt voraus, dass Muslime als Gefangene ihrer muslimischen Identität nur wie Muslime denken können. Wer das annimmt, hält Muslime ganz einfach für Idioten. Oder für so beeinflussbar, dass die Sozialisten glauben, sie kurzerhand ganz auf ihre Seite ziehen zu können. Noch einmal: Die Muslime sind so gesehen in erster Linie Muslime und danach erst Staatsbürger. Und das soll keine Islamophobie sein?
Es ist ganz normal, dass führende Vertreter der islamischen Religion den im Ersten Weltkrieg gefallenen Muslimen die letzte Ehre erweisen. Aber es ist absurd, wenn ein Staatspräsident Muslimen, die angeblich "für Frankreich gestorben sind", die letzte Ehre erweist: Die kolonialisierten, ausgebeuteten und versklavten Männer, die damals in den meisten Fällen zusammengetrieben und zwangsrekrutiert wurden, starben nicht als Muslime für Frankreich. Sie starben als billiges Kanonenfutter. Zwar verloren sie ihr Leben für Frankreich, aber das war nicht ihre Entscheidung. Sie sind wegen Frankreich gestorben und haben mit ihrem Tod ein Land verteidigt, das ihnen das ihrige gestohlen hatte. Hollande ehrt sie als Helden, dabei waren sie vor allem Opfer. Vor ihnen waren die deutschen Gewehre und hinter ihnen die französischen Bajonette.
Es wäre verwunderlich, wenn es unter den 100 000 Toten der Weltkriege, die angeblich Muslime waren, einen Soldaten gegeben hätte, der eingezogen wurde, um die Werte des Islam zu verteidigen. Muslimische Soldaten sind im Auftrag Frankreichs in den Dschihad gezogen? Liebe Genossen, liebe Sozialisten, vielleicht sollte man die Kolonialisierten von gestern nicht für die Dummköpfe von heute halten. Die Republik sollte eher ein Denkmal für die indigenen Menschen errichten, die sie ermorden ließ, als muslimische Soldaten zu erfinden, die für Frankreich gestorben sind! Erkennt Hollande überhaupt, wie grotesk das ist?
Die Zeichner von "Charlie Hebdo" wissen, dass die Medien und die Glaubensverwalter der Islamophobie sowie die extreme muslimische und nationalistische Rechte ihre Zeichnungen instrumentalisieren können. Warum bestehen sie dennoch so hartnäckig darauf, Mohammed und die angeblich heiligen Symbole zu karikieren?
Ganz einfach deshalb, weil die Karikaturen von "Charlie Hebdo" nicht alle Muslime zum Ziel haben. Und wenn trotzdem alle Muslime auf der Welt durch die mediale Verbreitung solche Zeichnungen sehen? Die Zeichner von "Charlie Hebdo" sind der Meinung, dass nicht alle Muslime Ironie rundweg ablehnen. Warum sollte Humor mit dem Islam weniger vereinbar sein als mit jeder anderen Religion? Die Behauptung, Islam und Humor passten nicht zusammen, ist genauso absurd wie die Auffassung, Islam und Demokratie oder Laizität, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, schlössen sich aus.
Der Hinweis, man dürfe über alles lachen außer über einige Aspekte des Islam, weil die Muslime viel empfindlicher reagieren als die übrige Bevölkerung, ist nichts anderes als eine Diskriminierung. Die zweitgrößte Weltreligion und angeblich zweitstärkste Religionsgemeinschaft in Frankreich sollte anders behandelt werden als die größte Weltreligion? Es wäre an der Zeit, dass die vermeintlich linken, weißen, bürgerlichen Intellektuellen mit ihrem ekelhaften Paternalismus aufhören, so nach der Art: Ich, der ich natürlich gebildet bin, verstehe den Humor von "Charlie Hebdo", denn einerseits bin ich sehr intelligent, und andererseits gehört das zu meiner Kultur. Da ihr, liebe Muslime, die Ironie noch nicht entdeckt habt, kritisiere ich aus Respekt vor euch und aus Solidarität diese islamophoben Zeichnungen aufs Schärfste und tue so, als ob ich sie nicht verstehen würde. Ich begebe mich auf euer Niveau, um zu zeigen, dass ich euch liebe. Um euch noch näher zu sein, werde ich, falls nötig, einen Übertritt zum Islam nicht ausschließen!
In Wahrheit haben diese lächerlichen Demagogen nur ein großes Bedürfnis nach Anerkennung und eine gewaltige Gier nach Macht.

DER SPIEGEL 30/2015
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