18.07.2015

ZeitgeschichteDie Untoten

In den Netzwerken des Widerstands fanden sich während der Nazizeit die anderen, besseren Deutschen. Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte niemand mehr etwas von ihnen wissen. Von Frauke Geyken und Elisabeth Ruge
DAS VERGESSENE DEUTSCHLAND An diesem Montag werden die Bundesregierung und die Stiftung 20. Juli 1944 an die Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg erinnern und an den Widerstand während der Nazidiktatur. 71 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler hält der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann die Gedenkrede. Viele Gewerkschafter hatten zum Widerstand gehört, ihr Schicksal und ihr Engagement wurden wie das vieler anderer, die es gewagt hatten, gegen die Nazis aufzubegehren, lange vergessen. Die Historikerin Frauke Geyken und die Literaturagentin und Autorin Elisabeth Ruge nehmen die diesjährige Gedenkfeier zum Anlass, das ganze Spektrum des Widerstands zu beschreiben, der mehr war als nur der Aufstand konservativer Militärs aus dem Adel oder ferngesteuerter Kommunisten. Und sie berichten auch vom Umgang mit dem Widerstand nach dem Ende des Weltkriegs und vom Schicksal seiner Überlebenden, die zusammen mit den Verfolgten des Naziregimes der Kern hätten sein können für das neue Deutschland, aber es nicht wurden. Geyken, 51, ist Historikerin an der Universität Göttingen, zuletzt erschien von ihr im Verlag C. H. Beck das Buch "Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler". Ruge, 55, lebt in Berlin. Die frühere Verlegerin und Enkelin des Widerstandkämpfers Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der als einer der Verschwörer um Stauffenberg am 10. August 1944 hingerichtet wurde, ist auch im Vorstand der Stiftung 20. Juli 1944 aktiv.
D ie Sonne scheint in Berlin am 8. Juni 1945, genau einen Monat nach dem Ende des Krieges. "Mit jedem Tag wird es heißer", schreibt Ruth Andreas-Friedrich in ihr Tagebuch. "Junihitze glüht über der Stadt, brütet auf ihren zahlreichen frisch aufgeworfenen Gräbern. Unter der dünnen Staubdecke regen sich die Toten. Wie eine Giftwolke hängt der Geruch ihres Sterbens in der Luft."
In der Stadt, so berichtet sie, werden in Vorgärten, Parkanlagen und Grünstreifen die vielen Gräber aufgerissen, in denen die Leichen während des Krieges notbeerdigt wurden. Nun bringt man sie auf den Friedhöfen erneut unter die Erde, bei improvisierten Trauerfeiern, in Schächten, schmal und lang wie Schützengräben. Diesmal für immer. Die Toten kehren zurück in diesem ersten Sommer des Friedens.
Aber nicht nur sie. Die Überlebenden aus den KZ und die Verfolgten aus dem Untergrund sind plötzlich wieder in Berlin, auch davon schreibt Ruth Andreas-Friedrich, Menschen, die anders gedacht, anders gehandelt haben in den Jahren der Diktatur. Diese Untoten stellen nun für die Mitläufer und Parteigenossen, für die Täter, Denunzianten und Mörder des Regimes eine Bedrohung dar. Deutschland im Sommer 1945, das war keine Stunde null, wie es in den Geschichtsbüchern heißt. Die Tage und Wochen flossen ineinander: Das Alte war nicht vorbei, das Neue hatte noch nicht begonnen, eine Atmosphäre voller Angst und Gewalt und Ungewissheit.
Ruth Andreas-Friedrich war in jenem Sommer 43 Jahre alt, sie hatte als Journalistin für eine Frauenzeitschrift gearbeitet und während der Nazidiktatur zusammen mit ihrem Freund, dem Dirigenten Leo Borchard, eine Widerstandsgruppe gegründet. Sie nannten sich "Onkel Emil", versteckten Verfolgte des Naziregimes und besorgten ihnen falsche Papiere. In den letzten Tagen des Krieges zogen sie nachts durch Berlin und malten große Neins an Häuserwände und Mauern.
Andreas-Friedrich führte ein Tagebuch von 1938 bis 1948, es wurde nach dem Krieg zuerst in den USA und dann auch in Deutschland veröffentlicht. Vollkommen unverschlüsselt hat sie über all die Jahre ihre Beobachtungen aufgeschrieben, allein der Fund der Tagebücher hätte sie das Leben kosten können. Sie wollte festhalten, dass es das wirklich gegeben hat: ein anderes Deutschland. "Tausende und Abertausende, die Leben und Freiheit dafür eingesetzt hatten, der Menschlichkeit zu dienen. Ohne Hilfe fremder Staaten, ohne Unterstützung irgendeiner Organisation oder mächtiger Parteistellen."
Ähnlich wie "Onkel Emil" hatten sich ab Mitte der Dreißigerjahre unterschiedliche Widerstandsgruppen gebildet. Freunde, die zusammenfanden, Arbeitskollegen, Kommilitonen, Verwandte. Gruppen wie die sogenannte Rote Kapelle oder die Europäische Union in Berlin um Georg Groscurth und Robert Havemann, die Edelweißpiraten in Köln oder auch der von Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg geführte Kreisauer Kreis. Es gab die Verschwörer um Stauffenberg, den Widerstandskreis Henning Graf von Tresckows in der Heeresgruppe Mitte, der 1943 mehrere Attentate auf Hitler plante, und auch die kommunistische Untergrundorganisation um Anton Saefkow.
Tatsächlich verknüpften die Überlebenden des Widerstands mit dem nun greifbaren Neuanfang große Hoffnungen. In Berlin kam es am 9. September 1945, am vom Magistrat ausgerufenen "Tag der Opfer des Faschismus", zu einer ersten großen Kundgebung: 30 Demonstrationszüge bahnten sich einen Weg durch trümmerumstandene Straßen. Sie trafen in Neukölln zusammen, auf der Werner-Seelenbinder-Kampfbahn, benannt nach dem Ringer und kommunistischen Widerstandskämpfer, der im Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet worden war.
Ein Zug der Gerechten durch feindseliges Gebiet. Die Untoten. Sie waren nicht zu übersehen – und sie gemahnten an jene, die dem Tod nicht entkommen waren. Und daran, dass jeder Einzelne in Nazideutschland eine Wahl gehabt hatte.
100 000 Menschen versammelten sich schließlich in dem vom neu eingesetzten Stadtbaurat Hans Scharoun gestalteten Stadion. Fahnen der von Deutschland überfallenen Länder säumten den weiten Platz mit einem Mahnmal in der Mitte: Auf einem überdimensionierten roten Winkel, den die Nazis benutzt hatten, um politische Häftlinge zu kennzeichnen, ruhten die riesigen Buchstaben "KZ".
Für einen kurzen, aufregenden Moment schien es möglich, dass die Repräsentanten des Widerstands, ob ihr Handeln nun politisch, konfessionell oder weltanschaulich motiviert gewesen war, ob sie sich als Linke oder Konservative verstanden, gemeinsam in die Zukunft wirken könnten. Und tatsächlich gab es bis 1948 in Berlin und anderen deutschen Städten weitere solcher Gedenkfeiern und Kundgebungen.
Doch das Land war im Griff der Alliierten und ihrer Interessen. Die Fronten des Kalten Krieges waren bereits gezogen. In Westdeutschland waren bald schon viele der alten Nazirichter wieder im Amt. In der Sowjetischen Besatzungszone funktionierte der stalinsche Polizeiapparat KZ wie Buchenwald und Sachsenhausen zu sogenannten Speziallagern um, in denen auch Tausende politisch Verdächtige verschwanden. Und überall, in beiden sich herausbildenden Teilen Deutschlands, wurde verdrängt und vergessen.
In der Silvesternacht 1947 sitzt Ruth Andreas-Friedrich vor dem Kaminfeuer in ihrer wegen Stromsperre ansonsten dunklen Wohnung in Steglitz und notiert: "Die strahlende Beschwingtheit von 1945, der Rausch, aus der Kraft unseres Glaubens einen neuen Aufschwung zu schaffen, ist einer flügellahmen Enttäuschung gewichen. Schon längst haben wir begriffen, dass es gar nicht mehr um uns, sondern um den Machtstreit zweier Weltanschauungen geht." Inmitten des Naziterrors hatte Ruth Andreas-Friedrich sich nie entmutigen lassen. Jetzt, da der Terror endlich vorbei war, verließ sie allmählich der Mut.
Der deutsche Widerstand erfuhr in diesen Jahren nach dem Ende des Krieges seine nächste große Niederlage, er starb gleichsam erneut. So ist er heute, von den jährlichen Gedenkfeiern abgesehen, nahezu vergessen, die Breite des Widerstands genauso wie seine gesellschaftliche Verankerung. Diskreditiert als "Grafenclique", als Aufstand undemokratischer Militärs oder als Stoßtruppe moskaugesteuerter Agenten. Und sogar heute scheint da noch immer dieses Gefühl mitzuschwingen, mit dem die Deutschen Ende der Vierziger- und Anfang der Fünfzigerjahre auf den Widerstand blickten: alles irgendwie Vaterlandsverräter.
Im Nebel der Nachkriegszeit sind diese Netzwerke der anderen Deutschen verloren gegangen, Netzwerke, die so etwas hätten sein können wie ein positiver Gründungsmythos für den neuen, demokratischen Staat. Vergessen wie die Tagebücher von Ruth Andreas-Friedrich.
Die Schriftstellerin Ricarda Huch hatte schon im Frühjahr 1946 in deutschen Tageszeitungen einen ganzseitigen Aufruf veröffentlicht, in dem sie Angehörige und Überlebende des Widerstands bat, ihr Material für ein Buchprojekt zukommen zu lassen. Sie plante "Lebensbilder dieser für uns Gestorbenen aufzuzeichnen und in einem Gedenkbuch zu sammeln, damit das deutsche Volk daran einen Schatz besitze, der es mitten im Elend noch reich macht".
Die Dichterin und Philosophin hatte am 9. April 1933 ihren Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste erklärt und sich in die innere Emigration zurückgezogen. Sie hatte Kontakt zu Nazigegnern gehabt und war nun überrascht, dass diese Menschen, ein Jahr nach Kriegsende, "nicht als Helden gefeiert, ja den meisten Deutschen nicht einmal bekannt waren".
In dem Buch sollte ein Panorama des deutschen Widerstands aufscheinen. Huch unterschied nicht zwischen "guten" und "bösen" Widerstandskämpfern, sie wollte sie nicht für links oder rechts instrumentalisieren: Für sie stand der Einsatz der sogenannten Roten Kapelle gleichberechtigt neben dem der Weißen Rose.
Huch hatte allerdings nicht mit so vielen Reaktionen gerechnet. Ohnehin seit Kriegsende von der Kälte und der schlechten Versorgung im Hungerwinter 1946/47 ausgezehrt, konnte sie nur noch eine Skizze über die Münchner Studenten, wie man die Weiße Rose damals nannte, fertigstellen. Sie starb am 17. November 1947 – kurz zuvor hatte sie Teile des Materials dem Schriftsteller Günther Weisenborn übergeben.
Weisenborn, selbst Mitglied der Roten Kapelle, war 1943 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach dem Krieg gründete er das Hebbel-Theater, wo er 1947 den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress organisierte – einen "Kongress der Gehirne, ein Orchester der Temperamente", wie er es nannte. 1953 erschien sein Buch "Der lautlose Aufstand", als Erinnerung an seine toten Freunde und an den deutschen Widerstand: "Die Welt draußen aber fragt täglich: Was habt ihr Deutschen gegen Hitler getan? Wo sind die Berichte?"
Doch die Welt fragte nicht. Die Alliierten versuchten, das Thema in Deutschland zu unterdrücken, und beschlagnahmten Quellenmaterial zum Widerstand. Nur wenige Bücher zum Thema durften in den ersten Jahren nach dem Krieg in Deutschland erscheinen. Sie hätten auch ans Licht gebracht, dass aus dem Ausland wenig Unterstützung gekommen war. Die Sowjetunion, Großbritannien und die USA hatten keinen Unterschied gemacht zwischen "guten Deutschen" und "bösen Nazis". Sie wollten die Deutschen, die schon einmal einen Krieg angezettelt hatten, endgültig besiegen.
Weisenborn wollte das große Vergessen nicht zulassen: "Die Machthaber des Dritten Reiches ließen die Kämpfer der Widerstandsbewegung mit schmutzigen Händen verbrennen und verscharren. Was aber hat die heutige Regierung zu ihrer Ehre, zu ihrer Anerkennung getan? Es ist Zeit, daß eine deutsche Regierung sich rührt und das Andenken an den Opfermut eines großen Volkes nicht verkommen läßt."
Vor allem bewies Weisenborns detailliertes Werk die Vielfalt des deutschen Widerstands, auch innerhalb der weitverzweigten Netzwerke, die sich im Laufe der Zeit gebildet hatten. Nur durch das Zusammenwirken der unterschiedlichsten Menschen und Kreise hatte es eine wirkliche Chance gegeben, Deutschland und den Rest der Welt von Hitler zu befreien.
Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg war einer von jenen, die die Menschen zusammenbrachten, und somit im Urteil einiger der eigentliche Motor der Verschwörung. Schon 1932 war er in die NSDAP eingetreten. Als junger Mann wurde er der "rote Graf" genannt – er mokierte sich über den Dünkel seiner Standesgenossen und zitierte gern Marx. Das Denken des preußischen Aristokraten und Verwaltungsjuristen war "national" und "sozialistisch" geprägt. Ein Idealist, wie seine Witwe Charlotte später sagte, der sich schließlich von der Nazi-Ideologie löste und bereits 1938 einen Umsturzversuch unterstützte, er ging vor allem von dem nationalkonservativen Widerstandskreis um Ludwig Beck aus, der wegen Hitlers Kriegstreiberei als Generalstabschef des Heeres zurückgetreten war.
Durch seinen Vater, der im Ersten Weltkrieg als General gedient hatte, besaß Schulenburg gute Kontakte zum Militär. Richard von Weizsäcker, damals junger Soldat, sagte über Schulenburgs Bedeutung für die Jüngeren unter den Verschwörern: "Er war unser erster Ansprechpartner und hatte ein ganz klares Urteil. Er war es, der letzten Endes die gestaltende und auch moralische Kraft hatte, so etwas anzupacken." Und der erst kürzlich verstorbene jüngste Verschwörer Ewald-Heinrich von Kleist, der spätere Gründer der Münchner Sicherheitskonferenz, bezeichnete Schulenburg als seinen Mentor.
Im Mai 1944 besuchten Kleist und Schulenburg den Prozess gegen den Verleger August Bonnes am Volksgerichtshof, der erwartungsgemäß mit einem Todesurteil endete. Sie wollten sich, wie sie es ausdrückten, "vorbereiten". Nach dem Prozess sagte Schulenburg: "Siehst du, eines haben wir gelernt, man darf nichts zugeben, unter keinen Umständen." Am 10. August, 20 Tage nach dem missglückten Attentat, stand er selbst vor dem Nazi-Blutrichter Freisler. In seinem Schlusswort sagte er: "Wir haben diese Tat auf uns genommen, um Deutschland vor einem namenlosen Elend zu bewahren. Ich bin mir klar, dass ich daraufhin gehängt werde, bereue meine Tat aber nicht und hoffe, dass sie ein anderer in einem glücklicheren Moment durchführen wird." Noch am selben Nachmittag wurde er hingerichtet.
Diesem Netzwerk der Verschwörer, das bei Weitem nicht nur aus Militärs bestand, gehörten auch Mitglieder des Kreisauer Kreises und der Gruppe um Carl Goerdeler an, den ehemaligen konservativen Bürgermeister von Leipzig. Der Zirkel um die Familien Bonhoeffer, Schleicher und Dohnanyi zählte dazu, aber auch Diplomaten, Beamte, Gewerkschafter und Sozialdemokraten. Geeint durch die Gegnerschaft zu Hitler und auch in Freundschaft miteinander verbunden, wie der zwischen Stauffenberg, dem Attentäter des 20. Juli, und dem Sozialdemokraten Julius Leber, der erstmals am 23. März 1933 beim Betreten des Reichtags verhaftet worden war, als er gegen das "Ermächtigungsgesetz" stimmen wollte, und anschließend mehrere Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager verbrachte. Nach seiner Freilassung war er nach Berlin gegangen, wo er mit früheren Freunden und Mitstreitern Kontakt aufnehmen konnte. In Schöneberg wurde Leber Teilhaber einer kleinen Kohlenhandlung, die vor allem als Ort für konspirative Treffen diente. Schulenburg suchte ihn erstmals im November 1943 auf und brachte ihn mit Stauffenberg zusammen.
Der Staatsstreich war sorgfältig geplant. Das Machtvakuum nach einem geglückten Attentat hätte, so die Befürchtung, zu einem Bürgerkrieg führen können. Leber beispielsweise wäre nach diesen Plänen Innenminister geworden, Beck Staatsoberhaupt und Goerdeler Kanzler.
Der Pragmatismus der Verschwörer führte zu Überlegungen, die noch kurz zuvor undenkbar gewesen wären. Im Sommer 1944 war es Stauffenberg, der die Aufnahme eines Kontakts zu den Kommunisten ausdrücklich befürwortete. Der Vorschlag ging vor allem auf den Pädagogen und Sozialdemokraten Adolf Reichwein zurück, ein Mitglied des Kreisauer Kreises. Über einen Mittelsmann wurde im Juni ein konspiratives Treffen Reichweins und Lebers mit Vertretern des kommunistischen Untergrundnetzwerks organisiert. Es ging nicht um die Bildung einer Einheitsfront, und Ulbricht war keinesfalls der Strippenzieher im Moskauer Exil, aber allen Beteiligten war klar, dass das Militär keinen Umsturz ohne die Arbeiterschaft wagen konnte. Aber auch auf der anderen Seite herrschte mittlerweile die Einsicht, dass die Beseitigung Hitlers die Voraussetzung war für die Befreiung Deutschlands und ein Attentat nur aus den Reihen der Armee durchgeführt werden konnte.
Im kommunistischen Widerstand war Anton Saefkow eine zentrale Figur. Der gelernte Schlosser, 1903 in Berlin geboren, wurde für die KPD in Berlin, aber auch in Dresden, Essen und Hamburg tätig. 1933 verschwand er wie Tausende andere Kommunisten und Sozialdemokraten in Zuchthäusern und Konzentrationslagern. Während der Haft organisierte er Schulungen und gründete kommunistische Zellen. 1939 wurde er aus dem Moorlager Schülp in Holstein entlassen, kehrte nach Berlin zurück und nahm sofort Kontakt zu Freunden und politischen Verbündeten auf. Aus diesem Freundeskreis um ihn und seine Frau Aenne entstand mit der Zeit eine der größten und effektivsten Widerstandsorganisationen, insgesamt etwa 500 Menschen, darunter viele Frauen. Der kommunistische Kern hatte sich um Lehrer, Ärzte, Ingenieure und Künstler, um Angestellte und Kleinunternehmer erweitert – etwa die Hälfte der Mitstreiter war parteilos oder hatte einen sozialdemokratischen Hintergrund.
Ihre Arbeit war nicht "von Moskau gesteuert", ein Vorurteil, das nach dem Krieg allen kommunistischen oder vermeintlich kommunistischen Gruppen entgegengebracht wurde und das erst nach Öffnung der Archive 1990 widerlegt werden konnte. Saefkow hat sich nie von Moskau losgesagt, aber den Umständen geschuldet, galt für ihn: "Solange wir keinen Kontakt zum ZK in Moskau haben, müssen wir unser eigenes ZK sein." Betriebsgruppen wurden gebildet, Sabotage sollte die Rüstungsproduktion schwächen, Flugblätter sollten Aufklärung leisten, in einem Staat, der das Informationsmonopol beanspruchte und das Hören ausländischer Nachrichtensender mit schweren Strafen belegte. Und natürlich ging es auch darum, Kommunisten und Juden bei der Flucht zu helfen.
Gemeinsam mit Franz Jacob und Bernhard Bästlein, die 1942 und 1944 dazugestoßen waren, baute Saefkow das Netzwerk kontinuierlich aus. Bernhard Bästlein, ehemaliger KPD-Abgeordneter des Preußischen Landtags und Redakteur verschiedener kommunistischer Zeitungen, hatte nach langer Haft und einem Selbstmordversuch aus der Gefängnisanstalt Plötzensee fliehen und untertauchen können. Franz Jacob war ein gelernter Schlosser, der ebenfalls lange in Haft gewesen war, in Hamburg ab 1940 illegale Betriebsgruppen gründete und sich schließlich nach Berlin absetzte, wo er von Saefkow und seinen Freunden in mindestens 30 Quartieren versteckt wurde. Jacob war der Theoretiker der Gruppe, entwarf Pläne für ein freies sozialistisches Deutschland und verfasste Flugblätter sowie Soldatenbriefe, die zur politischen Aufklärung an die Front geschickt wurden. Der Sozialdemokrat Leber war ihm im Konzentrationslager Sachsenhausen begegnet, die beiden kannten sich und hatten Vertrauen zueinander gefasst. Doch zu mehr als einem ersten Treffen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten am 22. Juni 1944 kam es nicht. Am 4. Juli verhaftete die Gestapo Saefkow und Jacob gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Reichwein, Leber wurde am Tag danach festgenommen.
Es kam zu einer Verhaftungswelle, mehr als 300 Männer und Frauen wurden verhört, 200 verurteilt, viele hingerichtet. Der kommunistische Untergrund sollte aufgerollt werden. Und kaum zwei Wochen später folgten die vielen Festnahmen nach dem gescheiterten Attentat. Der Volksgerichtshof führte nun unter Roland Freisler zwei parallel laufende Prozess-Serien durch. Und das große Morden begann – in einem brutalen Furor wollte man dafür sorgen, dass noch der letzte Gegner ausgemerzt wurde. Sogar in den Tagen und Stunden vor Kriegsende wurden Hinrichtungen vorgenommen. Zu den letzten Opfern gehörten Hans von Dohnanyi, der in Sachsenhausen ermordet wurde, Georg Elser, der als einer von wenigen Widerständlern ein Attentat im Alleingang versucht hatte und in Dachau getötet wurde, sowie der Theologe Dietrich Bonhoeffer, den man am 9. April in Flossenbürg umbrachte. Aber auch dessen Bruder Klaus, der Ende April zusammen mit Albrecht Haushofer, Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg und 15 weiteren Häftlingen von einem Gestapo-Sonderkommando nahe dem Berliner Gefängnis Lehrter Straße erschossen und verscharrt wurde. Nur wenige Tage später kam der Gestapo-Chef Heinrich Müller unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die anderen Verantwortlichen der Aktion tauchten unter und konnten nie gefasst werden.
Man hat nach dem Krieg wohl auch nicht nach ihnen gefahndet. Denn je weiter die Zeit voranschritt, desto mehr gewannen jene alten Seilschaften Oberwasser, die nun die Widerstandskämpfer als Landesverräter verunglimpften, vor allem den Attentäter Stauffenberg und dessen angeblich ausschließlich militärische Mitverschwörer. Die Militärs hätten ihren Eid gebrochen, so hieß es, während die anderen Soldaten weiterhin ihre Pflicht taten. Auch das ein Versuch, all jene zu entlasten, die nicht aufbegehrt hatten gegen Hitler.
Der 20. Juli als vermeintlicher Aufstand adliger Militärs war auch für die kommunistische Propaganda ein dankbares Thema. Geradezu genüsslich desavouierten SED-Funktionäre schon 1947 die Staatsstreichpläne von 1944 als "Fleisch vom Fleische des deutschen Imperialismus". Das Attentat sei von Offizieren geplant worden, die ein sinkendes Schiff verließen, dessen Kapitän sie bis dahin treu gedient hätten. Erst als die Niederlage im Krieg so offensichtlich gewesen sei, dass ein "Blinder mit dem Krückstock" sie hätte vorhersagen können, seien sie zur Tat geschritten. Sie hätten die faschistische Diktatur nicht beseitigen, sondern nur das "militärisch-imperialistische System" retten wollen.
Wie das Andenken des Widerstands zwischen den Fronten des Kalten Krieges zerrieben wurde, lässt sich besonders an der Widerstandsgruppe Rote Kapelle erzählen. Sie war nach dem Krieg im Westen so verhasst, wie sie im Osten verklärt wurde, beide Male ausgehend von derselben falschen Behauptung, sie sei ein kommunistischer Spähtrupp gewesen. Zwar hatte es einen zunächst in Brüssel aufgebauten Spionagering gegeben, der von den Nazis Rote Kapelle genannt und tatsächlich von Moskau geführt wurde, aber der hatte mit den Berliner Widerstandskreisen um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen nichts zu tun. Als 1942 die Brüsseler Funkstationen aufflogen, schlug die Gestapo die gleichzeitig enttarnten Berliner einfach zu den Brüsseler Agenten dazu, um auch sie wegen Landesverrats verurteilen zu können. Manfred Roeder hieß der Chefankläger in dem Prozess gegen die Rote Kapelle. Nach dem Krieg nannte er sich Generalrichter zur Wiederverwendung und tat alles, um die Legende aufrechtzuerhalten. Auch dies der Versuch einer Reinwaschung, sie funktionierte erstaunlich lange. Zwar hatten nach 1947 Mitglieder der Roten Kapelle, darunter Günther Weisenborn und seine ehemaligen Mitstreiter Adolf Grimme, der spätere Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, und die Widerstandskämpferin Greta Kuckhoff, Roeder angezeigt, aber das daraufhin eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde 1951 wieder eingestellt.
Die Medien der Bundesrepublik verbreiteten lange noch Roeders Version. Im April 1951 beschrieb die "Frankfurter Allgemeine" die Geschichte der Roten Kapelle als einen Agententhriller, den das Leben schrieb. Die Illustrierte "Stern" betitelte einen Monat später eine Serie über die Rote Kapelle: "Rote Agenten unter uns". Und selbst 1968 noch veröffentlichte der SPIEGEL eine Serie über die Rote Kapelle unter dem Titel "Kennwort Direktor", die auch als Inspiration für jeden James-Bond-Bösewicht hätte dienen können und später tatsächlich zu einer Fernsehserie umgearbeitet wurde. Erst die Öffnung der Archive nach dem Ende des Ostblocks brachte die Wahrheit ans Licht.
Die Legende von den Berliner Spionen aber wurde auch in der DDR gepflegt. Dort waren sie keine Landesverräter, sondern heldenhafte Kundschafter, die einen bedeutsamen Anteil an der Befreiung Deutschlands gehabt hätten. Greta Kuckhoff, die zusammen mit ihrem später hingerichteten Ehemann Adam zur Roten Kapelle gehörte und von 1954 bis 1958 Abgeordnete der Volkskammer und Chefin der DDR-Notenbank war, versuchte mehrfach Einfluss zu nehmen auf die Darstellung der Roten Kapelle, aber sie wurde nicht gehört. Die Tochter eines katholischen Musikinstrumentenmachers aus Frankfurt (Oder) hatte Volkswirtschaft und Soziologie studiert, zuerst in Deutschland, später auch in Wisconsin in den USA, wo sie den deutschen Juristen Arvid Harnack und dessen Ehefrau, die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Mildred Fish, kennenlernte. Zurück in Deutschland hatte Kuckhoff als Übersetzerin gearbeitet, sie übertrug sogar "Mein Kampf" ins Englische, weil sie wollte, dass Hitlers Vorstellungen international wahrgenommen wurden.
Es war das Ehepaar Kuckhoff, das den aus den USA zurückgekehrten Arvid Harnack und den ehemaligen Journalisten Harro Schulze-Boysen zusammenbrachte. Diese zwei Freundeskreise und weitere bildeten schließlich in einer losen Verbindung die sogenannte Rote Kapelle. Sie bestand aus über 150 Menschen, darunter Christen und Künstler, Ärzte, Arbeiter, Wissenschaftler, Offiziere sowie Sozialisten und Kommunisten. Schulze-Boysen war schon einmal von den Nazis verhaftet worden, arbeitete inzwischen aber im Reichsluftfahrtministerium, Harnack war im Wirtschaftsministerium tätig. Beide wollten aus dem System heraus den Widerstand organisieren.
Tatsächlich hatten Harnack und Schulze-Boysen 1941 die sowjetische Botschaft über den bevorstehenden deutschen Angriff informiert, weil sie der Meinung waren, der Krieg im Osten müsse unbedingt verhindert werden. Schulze-Boysen akzeptierte auch das Angebot der Sowjets, per Funk weitere Informationen nach Moskau zu übermitteln, gesendet aber wurde schließlich nur ein einziger Testspruch: "Tausend Grüße allen Freunden".
Es sollte lange dauern, bis sich Deutschland der eigenen Geschichte und der eigenen Widerstandsbewegung stellte. Im Dezember 1946 jedenfalls berichtete Günther Weisenborn, der frühe Archivar des Widerstands, dass die deutsche Vertreterin, eine spätere CDU-Politikerin, während des Weltfrauenkongresses in New York gegenüber der "New York Times" bemerkte, es habe keine Widerstandsbewegung in Deutschland gegeben, das sei eine Tatsache, und dies müsse man zugeben. Weisenborn schrieb: "Ich bin geneigt zu glauben, dass sie nicht im Bilde war, aber ihre Feststellung ist in vertikaler Verlängerung die gleiche Feststellung Hitlers, der die Existenz der Widerstandsbewegung in Deutschland stets knapp und apodiktisch abgestritten hatte."
Auch Bundespräsident Theodor Heuss weigerte sich noch 1950, im Rundfunk über den 20. Juli zu sprechen. 1954, zum zehnten Jahrestag des Attentats, hielt er dann als höchster Repräsentant des Staates die Gedenkrede, immer sorgsam bemüht, die Mehrheit der Deutschen nicht zu kränken und doch eine vorsichtige Würdigung des "anderen Deutschlands" zu versuchen.
Noch Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur mussten Überlebende und Angehörige des Widerstands in oft langwierigen Verfahren um offizielle Anerkennung, Entschädigung oder Hinterbliebenenrente kämpfen. Der Witwe eines Verschwörers, der sich nach dem 20. Juli in den Freitod hatte retten können, wurde dazu von Amts wegen mitgeteilt, ihr Mann habe gar kein Unrecht erlitten, er habe sich "vielmehr selbst erschossen und ein erledigendes nationalsozialistisches Unrecht nicht abgewartet". Und noch jahrzehntelang galten die meisten der Todesurteile des Volksgerichtshofs als rechtskräftig: Erst mit dem Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile im Jahr 1998 wurden diese endgültig kassiert. Die Urteile wegen "Kriegsverrats" wurden sogar erst 2009 aufgehoben.
Auch die 68er führten seltsame Verrenkungen vor, wenn es um den Widerstand ging. Man fürchtete, dass die Aufmerksamkeit für jene, die sich dem Terror widersetzt hatten, ablenke von Deutschlands großer Schuld, sie verharmlose und die Falschen freispreche. Manchmal mischten sich in diese aus der Zeit heraus vielleicht verständliche Haltung auch Ignoranz und Dünkel: Stauffenberg beispielsweise habe seine mutige Tat durch ebenso große Feigheit gleichsam entwertet, als er sich nach dem Abstellen der Bombe "für ein paar Stunden gerettet" habe – als wäre Stauffenberg von der Wolfschanze in den Bendlerblock geflüchtet.
Verleumdungen und regelrechte Schmutzkampagnen musste auch der spätere Bundeskanzler Willy Brandt immer wieder erleben, als er 1947 aus der Emigration zurückgekehrt war. Wahlweise wurde er als kommunistischer Agent, Vaterlandsverräter oder auch Gestapo-Spitzel beschimpft. Tatsächlich aber liegt die Stärke und Ausstrahlung dieses ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers vor allem in jenen Lebensjahren begründet, die er im Widerstand verbracht hatte. Gleich 1933 war er in Lübeck als Sozialist in den Untergrund gegangen, auch unter dem Einfluss seines großen Vorbilds Julius Leber. Sein Sohn Peter Brandt, ein Historiker, hat einmal gesagt, dieses Mit-sich-selbst-im-Reinen-Sein vor allem habe seinem Vater den legendären Kniefall von Warschau ermöglicht. Heute gilt Willy Brandt als einer der größten Politiker der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.
Der Blick auf all diese Menschen, die sich im Untergrund, im Staatsapparat oder in privaten Zusammenhängen gegen die Nazis auflehnten, zeigt ein anderes Deutschland. Jetzt, da die ideologischen Verkrustungen gesprengt und die verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen Aufarbeitung durchschritten sind, gilt es, das vollständige Bild des Widerstands zur Anschauung zu bringen. Und all jene vor dem Vergessen zu bewahren, die damals die "kategorische Ablehnung der Mutlosigkeit" praktizierten, wie der jüdische Schriftsteller und Totalitarismus-Kritiker Manès Sperber es an anderer Stelle treffend gesagt hat.
Die einfache Botschaft dieser Menschen lautete: Man kann immer etwas tun. Es waren nicht viele, aber viel mehr, als wir bislang wahrhaben wollten. Wir sollten sie alle für unsere Zeit, für unsere Zukunft entdecken. ■
Von Frauke Geyken und Elisabeth Ruge

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