18.07.2015

BuchkritikLosgelabert

„Das bessere Leben": Ulrich Peltzers grandioses Scheitern am Projekt Weltroman
Die Erzählung unserer Zeit heißt Geld, heißt Wirtschaft, heißt Investition, Zinsen und Gewinn. Ideale haben sich in Kapitalströme verwandelt, Idealisten in Salesmanager. Ein Roman über unsere Gegenwart muss ein Wirtschaftsroman sein, ein Roman, der die fast unsichtbaren Handelnden porträtiert, ihre Ideen, ihre Ideale, ihre Herkunft, ihre Ängste aufscheinen lässt, ein Roman, der das um den Planeten rasende Kapital für einen Moment in einem Bild einfrieren und den Leser etwas begreifen lässt, von dem er längst schon dachte, es nie mehr verstehen zu können. Ulrich Peltzer könnte der ideale Mann für einen solchen radikalen Gegenwartsroman sein. 1956 in Krefeld geboren, schrieb er großartige Bücher über, ja, die Möglichkeiten eines anderen Lebens, schrieb über Revolutionäre in Berlin-Kreuzberg, verratene Ideale, Militanz und Resignation, sein letzter und bislang bester Roman erschien 2007, heißt "Teil der Lösung" und handelt von den Keimzellen einer neuen, alles infrage stellenden politischen Bewegung im Berlin-Mitte der Nullerjahre.
Jetzt endlich erscheint sein neuer Roman, er heißt "Das bessere Leben", und Peltzer hat sich darin von Berlin verabschiedet, das Buch spielt in São Paulo und Ohio, in Amsterdam, Moskau, Zürich und in Krefeld. Sein Held heißt Jochen Brockmann, er ist Salesmanager, früher wollte er die Welt verändern, jetzt seinen Kontostand. Jahrelang war er erfolgreich, sammelte Geld und Erfolge, doch nun droht plötzlich ein ganzer Staat zusammenzubrechen. Indonesien kann scheinbar sichere Kredite nicht bedienen, Brockmann wird für das Scheitern des Geschäfts verantwortlich gemacht. Er droht zu stürzen. Ein teuflischer Investor, Sylvester Lee Fleming, könnte ihn womöglich retten. Woher kommt sein Geld?
Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem fast 450 Seiten langen Roman. Peltzer hat in seinen Büchern immer schon mit harten Schnitten gearbeitet, mit Rück- und Vorblenden, schnellen Orts- und Handlungswechseln. In seinem neuen Buch jedoch springt er so radikal und schnell umher wie noch nie. Selbst seine Lektorin erklärt in einem vorab im Onlinemagazin des Verlags veröffentlichten Gespräch mit Peltzer etwas ratlos: "Der Leser weiß nicht immer genau, wer wie in welche dubiosen Geschäfte verwickelt ist." Der Autor weist das selbstbewusst zurück: "Das glaube ich zwar nicht, aber in den Grauzonen, von denen ich sprach, verwischen sich manchmal die Konturen der Urheber und die Verantwortlichkeiten; versuch doch mal, die Geldströme zu verfolgen und zuzuordnen, die tagtäglich in rasender Geschwindigkeit um den Globus kreisen."
Ja, versuch das doch mal ... Peltzer hat es versucht, dem Geld hinterherzuhetzen und den verlorenen Idealen. Und er ist grandios gescheitert. Er hat ungefähr alles gewagt in diesem Buch, hat versucht, die Frage zu beantworten "Was tut man, was hat man getan für ein besseres Leben", hat versucht, die Wirtschaftswelt von heute in einem kleinen Ausschnitt zu beleuchten, und den Verrat der Ideale von einst. In einem wilden Ritt durch die Geschichte reitet er zurück bis ins Moskau des Jahres 1936, wir sind unter kommunistischen Emigranten, sie üben Selbstkritik und Verrat, die Tochter eines Verratenen (oder Verräters?) wird später die Russischlehrerin der Geliebten Brockmanns. Der Roman hechtet von dort weiter zu Studentenprotesten in Ohio, wo im Jahr 1970 vier Studenten von Nationalgardisten erschossen werden, Neil Young machte ein Lied daraus und Renée Green ein Kunstwerk. Erinnerungen daran scheinen im von Gewalt erschütterten São Paulo von 2006 wieder auf und in Träumen von Managern der Gegenwart.
Je länger man liest, desto weniger entsteht dabei ein großes, stimmiges Bild. Auch kein unstimmiges, kein irritierendes, kein neues, disparates Bild. Gar nichts. Es entsteht nur ein großes Durcheinander, als hätte ein Autor seine Notizen der letzten Jahre einfach zusammengeworfen und das Gerede von der Unübersichtlichkeit unserer Gegenwart als Ausrede benutzt, um selbst nichts ordnen zu müssen. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Am schlimmsten ist die Sprache. Er lässt diese Leute reden, wie sie womöglich wirklich reden, wie das aber kein Mensch über 450 Seiten lesen will: Butter vom Brot nehmen, Verträge unter Dach und Fach bringen, Zukunft kriegen wir geschaukelt, auf der Andrea Doria ist alles klar, das Bärenfell wird verteilt, dann gießen wir uns einen hinter die Binde und schlucken einfache Wahrheiten in Seelenruhe wie Sokrates den Schierlingsbecher. Umsonst ist der Tod. Und. So. Weiter. Er lässt die Leute einfach loslabern, aber anders als zum Beispiel ein Rainald Goetz in Bestform entwickelt Peltzer daraus nicht eine fantastisch neue, poetisch kraftvolle Sprache, sondern lässt all diese schrecklichen Wörter und Sätze schlaff auf die Seiten fallen. Um aber auch auf gar keinen Fall einen Lesefluss im Meer dieser Banalitäten aufkommen zu lassen, fügt Peltzer auf jeder Seite etwa drei Einschübe in Klammern in die Sätze hinein. Damit das Lesen wenigstens Mühe macht, wenn es schon sinnlos ist.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 448 Seiten; 22,99 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 30/2015
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