04.01.1993

SchriftstellerUnke an Schnecke

Der Asylkompromiß der SPD vertrieb ein prominentes Parteimitglied: Günter Graß trat aus.
Die Ehe hatte wild begonnen, vor 30 Jahren. Vor 10 Jahren war sie legalisiert worden, und nun ging sie krachend in die Brüche: Günter Graß, 65, verläßt die SPD, 102.
Ein halbes Menschenleben lang war er, als guter Onkel, der alten Tante beigestanden, erst als Wahlhelfer, dann als ordentliches Mitglied. Er gab ihr Rat zur Tat und Gefühl fürs Ziel, doch als sie sich an böse Onkels schmiegte, nahm Graß seine Pfeife und ging.
"Dumm genug, von ihrer Führung an gerechnet", sei die SPD gewesen, "sich auf dieses Ablenkungsmanöver einzulassen", so grollte er vergangenen Montag in der ARD. "Zu weich", "zu modisch einlenkend" sei diese Führung, und "unverantwortlich" sei, was unter Engholm und Klose herauskam: eine "nichtsnutze Änderung", ein "ziemliches Stück Heuchelei".
Das nichtsnutze Stück: der Asylkompromiß, auf den sich die Tante mit der Regierung einließ, die Einschränkung des Artikels 16 Grundgesetz. Der Artikel bleibe in seiner Substanz erhalten, sagte Graß, aber gleichzeitig werde eine "Bauphase zur Festung Deutschland eingeleitet"; sie werde "keinem Asylsuchenden mehr erlauben, von diesem Artikel Gebrauch zu machen".
Unkenrufe? Graß singt in einem gemischten Chor, der auch SPD-Stimmen hat. Die Reaktion der Partei auf des Poeten starken Abgang war demgemäß von Milde umflort. "Traurig und schade", so kommentierte Partei-Vize Wolfgang Thierse und wertete die Scheidung als Sache "von größerem Gewicht"; Partei-Chef Björn Engholm kurierte den Kummer in Marokko.
Graß hatte dem langjährigen Männerfreund kurz vor der stillen Nacht die Gefolgschaft aufgekündigt, per Brief. Ans Licht gekommen war der Entschluß in einem Organ des äußersten Nordens, im Flensburger Tageblatt, einem steten Begleiter der Landeskinder Graß und Engholm und von deren einst intaktem Küchenkabinett.
In seinem Försterhaus bei Ratzeburg gab Graß dem vertrauten Blatte seine grimme Absicht kund, auch seine Leiden als Literat; ein Bildnis eigener Hand, auf dem vier fette Flundern verschwörerisch tuscheln, entschlüsselte er als das "Literarische Quartett von Reich-Ranicki".
Der Bruderzwist um den Asylkompromiß hatte sich schon kurz nach einem Oktober-Ereignis, Graß' 65. Geburtstag, angekündigt. Bei einer Nachfeier, die Engholm in einer Lübecker Tränke anrichten ließ, kreuzten Jubilar und Staatsmann bereits die Argumente, vor norddeutschen Fernsehern dann noch mal. O-Ton Graß: "Björn, laß die Finger weg vom Grundrecht auf Asyl."
Auch jenes Weichtier kam da zur Sprache, das Graß für alle Zeiten an die Tante binden wird: die Titelheldin des SPD-Trommler-Büchleins "Aus dem Tagebuch einer Schnecke", Symboltier des "Fortschritts", Vermittlerin von "Melancholie und Utopie"; so Graß 1972. "Die Schnecke hat den Vorzug, sich zu bewegen", sagte Engholm weise; Graß: "Sie ist uns davongelaufen."
Und nun nur noch die Melancholie? "Ich bewundere außerordentlich Ihren persönlichen Einsatz in der Politik", so hatte Carl Zuckmayer Ende der sechziger Jahre an Günter Graß geschrieben: "Sie tun das, was wir, die Schriftsteller und Intellektuellen, in den zwanziger Jahren versäumt haben."
Graß war in die Politik gegangen, wie er einmal schrieb, um für einen "Diffamierten" zu sprechen, für den damaligen Berliner Bürgermeister Willy Brandt. Aus einem "sympathisierenden" wurde er dann zu einem "gelernten Sozialdemokraten"; ein "geborener" sei er nie gewesen.
Die unermüdliche Querschädligkeit hat ihn in vielen Köpfchen zum Don Quijote werden lassen; der Typ des zornigen alten Mannes ist, anders als in anderen Ländern, keine heimische Spezies. Als Schriftsteller ist er ein internationales Monument, und jedes Beinheben daran wirkt, heidnisch betrachtet, als Trankopfer.
Mußte der Partei-Abgang mit TV-Getöse sein? In der Berliner Zeitschrift Constructiv hatte der Heidelberger Grafiker und SPD-Genosse Klaus Staeck vor einiger Zeit darüber sinniert, "wie man als lebender Sozialdemokrat ins Fernsehen kommt".
Man komme nur rein, so das nicht völlig satirefreie Rezept, "wenn man als ausgewiesener Sozialdemokrat einen anderen Sozialdemokraten öffentlich angreift".

DER SPIEGEL 1/1993
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