05.10.1992

„Wir sind die Säbelabteilung“

SPIEGEL: Stellen Sie sich vor, Sie müßten an diesem Montag den ganzen Tag RTL plus sehen. Könnten Sie das aushalten?
THOMA: Ich würde alles gerne sehen.
SPIEGEL: Sie scherzen. Ihre Billig-Dauerwurst "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", die tägliche Seifenoper nach Feierabend, unterbietet alle denkbaren Tiefpunkte des Niveaus im Fernsehen. Da muß doch ein TV-Profi wie Sie Bauchschmerzen bekommen.
THOMA: Machen Sie sich keine Sorgen um meine Gesundheit. Die Serie ist etwas völlig Neues im Fernsehen. Über tausend Folgen sind in Australien erfolgreich gelaufen, und der Serienmacher Felix Huby, der die Sendungen für uns adaptiert, hat zugegeben, daß er von der Fülle der Handlungsstränge fasziniert war. Und, bitte schön, der Preis stimmt mit 100 000 Mark für 30 Minuten. Genauso wie die Einschaltquoten stimmen.
SPIEGEL: Sie meinen, weil sich nach anfänglicher Flaute inzwischen bis zu 3,5 Millionen die Serie ansehen. Verrisse scheren die Privaten nicht?
THOMA: Die deutsche Fernsehkritik geht von falschen Maßstäben aus. Das Privatfernsehen funktioniert nur in der Masse.
SPIEGEL: Und da gilt: Millionen Fliegen können nicht irren?
THOMA: Hören Sie doch auf. Wenn etwas richtig schlecht ist, sehen auch nicht viele Zuschauer hin. Wir sind aber kein Zielgruppenmedium für gebildete Stände.
SPIEGEL: Dann hieße das Serienrezept, daß man etwas nur lang genug senden muß, irgendwann werden die Zuschauer schon süchtig und wollen nur noch wissen, wer wen kriegt?
THOMA: Neues braucht seine Zeit, bis es sich durchsetzt, weil es dagegen natürliche Abwehrmechanismen gibt. Die Leute brauchen eine Programmkonstanz. Ein kommerzieller Fernsehsender muß sich an den normalen Tagesablauf des durchschnittlichen Deutschen halten. Die Leute müssen wissen, was sie zu jeder Tageszeit erwartet.
SPIEGEL: Zum Beispiel um elf Uhr die sogenannte Infotainment-Sendung "Viva". Da wird zwischen Kochrezepten und Bügelhilfen kurz mal über Vergewaltigung geplauscht. Alles in einen Kochtopf. Das Studiopublikum klatscht immer dankbar.
THOMA: "Viva" ist ein visualisiertes Frauenmagazin. Es mag Ihnen nicht gefallen. Aber es paßt in unser Konzept. Wir haben jetzt ein durchgängiges Programm, und zu vielen Tageszeiten sind wir die Nummer eins bei den Zuschauern unter 50 Jahren. Im Kabel übertreffen wir bei Erfolgsserien wie "Columbo" schon die öffentlich-rechtlichen Anstalten.
SPIEGEL: Nur bei den Nachrichten nicht. Information bleibt die Schwachstelle _(* Nikolaus von Festenberg und Werner ) _(Dähnhardt im Kölner RTL-plus-Studio. ) aller Privaten. Egal, ob RTL plus, Sat 1 oder Tele 5, den Verästelungen der Politik werden "Tagesschau" und "Heute" offenbar besser gerecht.
THOMA: Information ist sicherlich noch eine Bastion des öffentlichrechtlichen Fernsehens. Das muß man mal ganz wertfrei feststellen. Ich glaube aber, daß unsere Nachrichtensendungen inzwischen sehr gut bewertet werden, sehr verständlich sind. Jedes Jahr sind bei uns ein paar hunderttausend Zuschauer hinzugekommen, wir liegen in weitem Abstand vor Sat 1.
SPIEGEL: Aber weit hinter der "Tagesschau".
THOMA: Die ist eines der Phänomene der deutschen Fernsehlandschaft. Die könnten die Nachrichten in Latein verlesen mit zwei brennenden Kerzen, und die Sendung hätte immer noch gute Ratings.
SPIEGEL: Der Zuschauer empfindet die "Tagesschau" als seriöser. Die Privaten rühmen sich sogenannter heißer Bilder auf dem Schirm, aber mit der Bewertung hapert es. Die Oberfläche der Ereignisse ist Ihnen wichtiger als deren Hintergründe.
THOMA: Da muß ich Ihnen prinzipiell widersprechen. Ich glaube, daß das, was für ein Printmedium wie den SPIEGEL gilt, nämlich in die Tiefe gehende Berichte zu machen, für das Fernsehen so nicht notwendig ist. Das Fernsehen wird immer in gewisser Weise oberflächlich sein. Was ein Korrespondent vor Ort in ein paar Sätzen sagt, wird immer vom Bildeindruck übertroffen. Wenn der Zuschauer wirklich in die Tiefe gehen will, muß er ausführlich lesen.
SPIEGEL: Auch in den politischen Talk-Shows der Privaten geht es um Oberfläche, überwiegt das Marktschreierische. Bei den Redeschlachten auf dem "Heißen Stuhl" entscheidet rhetorischer Klamauk, nicht das bessere Argument.
THOMA: Bei diesen Sendungen steht man immer wieder vor einer Grundsatzfrage: Will man einen leisen, der Form nach höflichen Austausch von Argumenten und nimmt in Kauf, daß relativ wenige zuschauen, oder macht man es für viel mehr Seher etwas greller, etwas bunter und etwas lauter, wie das wirkliche Leben?
SPIEGEL: Bei dem Abstand zwischen dem Kandidaten auf dem heißen Stuhl und seinen Widersachern muß man ja schon aus räumlichen Gründen schreien.
THOMA: Das ist ja gewünscht, daß die Argumente holzschnittartig kommen. Das geht zu wie beim Fechten. Es gibt das Florett. Wir sind die Säbelabteilung. Wer das Feine will, der kann ja Herrn Alexander Kluge und sein "10 vor 11" sehen. Bloß da guckt ja leider kaum einer, und wenn, dann nur die, die das nachfolgende "Männermagazin" nicht versäumen wollen.
SPIEGEL: Stammkunden des RTL-Sex wird bald etwas fehlen. "Tutti Frutti" mit Hugo Egon Balder war einmal das Markenzeichen von RTL plus. Jetzt soll die Sendung eingehen.
THOMA: Ich verstehe den Frust. "Tutti Frutti" ist nicht an den Ratings gescheitert, obwohl die Sendung im Lauf der Jahre sicher etwas an Reiz verloren hat, sondern an der Tatsache, daß die italienischen Produzenten aufgehört haben. Aber keine Panik: Wir bereiten einen "Playboy"-Test, eine Art Erotik-Game-Show vor. Ich glaube, man kann das Thema Sex lustiger bringen . . .
SPIEGEL: . . . aber auch einen Flop landen wie mit dem _(* Oben: Peter Falk, Valerie Harper; ) _(unten: CDU-Politiker Heinrich Lummer, ) _(Moderator Olaf Kracht (am 8. September). ) unsäglichen Rokoko-Sexspiel "Schloß Pompon Rouge".
THOMA: "Pompon Rouge" war ein Flop, weil es keine wirkliche Erotikserie war. Wer Elisabeth Volkmann in voller Ausrüstung in die Badewanne setzt, der kann doch von Sex keine Ahnung haben.
SPIEGEL: Haben Sie denn da weggeguckt?
THOMA: Der Produzent bot mir eine Sendung für 5000 Mark pro Minute. Die Kosten lagen aber beim Dreifachen. Er wollte die Differenz über zwei weitere Koproduzenten hereinholen. Doch die Koproduzenten gab es gar nicht. Nach zehn Folgen ist er pleite gegangen.
SPIEGEL: Mit Hans Joachim Kulenkampff hatten Sie auch wenig Glück. Der war mit seiner Büchersendung schnell weg vom Bildschirm. Nix Kultura bei Privaten?
THOMA: Das mit Kuli war sicherlich ein ehrenwerter Versuch. Wenn es irgend jemand auf den privaten Kanälen schafft, daß beim Thema Buch die Zuschauer nicht in hellen Scharen wegzappen, dann müßte das, dachten wir, Kuli sein. Aber die Zuschauer haben dem Armen nicht die kleinste Chance gelassen, sondern sind wie eine Herde verschreckter Tiere davongeflohen.
SPIEGEL: Es ist natürlich einfacher, einen Spielfilm nach dem anderen abzunudeln.
THOMA: Tun wir doch gar nicht mehr, es werden immer weniger. Viele Kinostücke haben sich totgelaufen, man hat sie zu oft gesehen, und sie sind zuwenig deutsch. Die Quoten stimmen nur bei den absoluten Kassenrennern. Und einige von denen kann man nicht um 20.15 Uhr senden, weil sie nicht jugendfrei sind. Wir stecken unser Geld lieber in Eigenproduktionen.
SPIEGEL: Zum Beispiel in "Reality-Shows", bei denen man sich am Unglück der anderen weidet. In "Notruf" und "Auf Leben und Tod" fallen ständig Kinder in Baggerseen und werden wunderbar errettet. Wen interessiert dieses Einerlei unterm Blaulicht eigentlich?
THOMA: Da müssen Sie die Zuschauer fragen. Fernsehen besteht immer auch aus Voyeurismus. Man kann zynisch sagen, Reality-TV ist das unsägliche Glück, bei einem Unglück dabeizusein. "Notruf" ist ein Straßenfeger gerade bei den Jüngeren.
SPIEGEL: Die Reality-Show ist so eine Idee aus Amerika. Ebenso wie die Game-Shows, deren Beliebtheit drüben rapide abnimmt. Was machen Sie, wenn sich all die Glücksräder auch hier totlaufen?
THOMA: Man ist nie gegen Flops gefeit. Auf dem amerikanischen Markt haben sich im harten Existenzkampf Programmformen entwickelt, die weltweit exportierbar sind. Bei den Game-Shows ist der Haken, daß sie zwar gute Einschaltquoten haben, überwiegend aber bei den Alten, den Kreuzworträtsellösern. Da stimmen die Ratings, aber nicht die Werbe-Reichweiten in interessanten Zielgruppen.
SPIEGEL: Die Älteren verfügen über relativ hohe Einkommen und haben beträchtliche Kaufkraft.
THOMA: Aber sie ändern ihre Konsumgewohnheiten nur noch ungern. Das macht sie für die Werbung uninteressant.
SPIEGEL: Spricht Ihr Programm die Jüngeren an?
THOMA: Ja. Mit "Explosiv", mit "Elf 99" und "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gewinnen wir ein junges Publikum. Die Älteren überlassen wir dem ZDF, sozusagen dem ältesten deutschen Sender. Auch Sat 1 macht mir wenig Angst. Oder glauben Sie, junge Leute wollten Erich von Däniken sehen oder Rainer Holbes Stimmen aus dem Jenseits?
SPIEGEL: Immerhin hat Ihnen Sat 1 Ulrich Meyer weggeschnappt. Der ist kein Greis, sondern hat frischen Wind in die Moderation aktueller Sendungen gebracht.
THOMA: Wir haben Ulrich Meyer bei irgendeiner Kölner Tageszeitung abgeworben. Er hat bei uns großartig gearbeitet. Aber bei Sat 1 stößt er mit seinem "Einspruch" auf ein ganz anderes Publikum. Überspitzt ausgedrückt, ist das wie bei einem phantastischen Rap-Tänzer, der in einem Altersheim auftritt.
SPIEGEL: Mit Hape Kerkeling und vor allem Ihrer Mega-Investition Thomas Gottschalk haben Sie aber einfach Erfolgsnummern übernommen. Könnte der tägliche Gottschalk bald vielen zum Halse heraushängen?
THOMA: Wieso? Sie sehen Ihre Frau auch jeden Tag. Wenn es einem gelingen kann, das Late-Night-Schema in Deutschland erfolgreich zu etablieren, dann ist das Gottschalk.
SPIEGEL: Wieviel Quote muß der McDonald''s-Mann denn nach 23 Uhr machen?
THOMA: Das unterste Minimum liegt bei gut einer Million Zuschauern.
SPIEGEL: Und Kerkeling, darf der auch bei Ihnen auf der Bundespressekonferenz herumalbern oder sich als Königin Beatrix verkleiden ?
THOMA: Der kann machen, was er will. Und wenn er sich als Bundespräsident verkleidet. Ich gebe immer jede Unterstützung, ich lasse freie Bahn.
SPIEGEL: Eines Ihrer Eigengewächse ist die blonde Linda de Mol. Kommt das Gute in Fernseh-Europa für die Deutschen nur aus Holland? Warum probieren Sie es nicht einmal mit Franzosen?
THOMA: Linda de Mol hat Sprachkenntnisse, hat Sicherheit. Die kommt durch den Schirm, während andere trotz ausgezeichneter Fähigkeiten, wie sie etwa Desiree Nosbusch hat, nicht durchkommen. Die Holländer haben mit relativ wenig Geld eine eigene Unterhaltungskultur entwickelt. Die Franzosen dagegen hören sich viel zu gerne reden, deren Shows bestehen aus Glitzer-Glitzer und wunderschön gedrechselten Phrasen. Das wären reine Sabbersendungen.
SPIEGEL: Die ersten Coups landete das Kommerzfernsehen mit Großereignissen im Sport. Ausgerechnet beim Bundesligafußball haben Sie sich von Sat 1 ausspielen lassen.
THOMA: Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich sage immer, es gibt fünf Sportarten: Fußball, Fußball, Fußball, dann Tennis, aber nur wenn Boris Becker und Steffi Graf spielen, und neuerdings einen Sport, der sich Michael Schumacher nennt und mit einem Auto der Formel 1 verbunden ist.
SPIEGEL: Aber gerade beim Fußball sind Ihnen nur ein paar Übertragungen von einzelnen Spielen geblieben.
THOMA: Was wir haben, reicht mir. Sat 1 hat seine ganze Seligkeit an die Bundesliga-Berichterstattung am Freitag und Samstag gehängt. Aber ich war darüber nur bedingt unglücklich, denn der Preis ist viel zu hoch.
SPIEGEL: Eine Verwertungsgesellschaft der Kirch-Gruppe und des Axel Springer Verlags, denen Sat 1 gehört, hat 700 Millionen Mark für fünf Jahre zahlen müssen.
THOMA: Sat 1 muß, um seine Werbepreise zu rechtfertigen, für die Werbe-Breaks eine Reichweite von vier Millionen Zuschauern erzielen, und das sehe ich auf die Dauer nicht. Ich denke, daß wir beim Fußball die oberste Obergrenze erreicht haben, die sich nur durch den Konkurrenzkampf in der Investitionsphase rechtfertigen läßt.
SPIEGEL: Gilt das auch für Ihre Live-Übertragungsrechte?
THOMA: Ja. Drei bis fünf Millionen Mark für ein Spiel sind purer Irrsinn. Wenn inzwischen auch Sat 1 zu rechnen beginnt, und das tun sie, werden die Preise wieder zurückgehen - wie bei den Olympischen Spielen, mit denen der große Erfolg zuletzt auch nicht zu erzielen war.
SPIEGEL: Aber die ARD hat Sat 1 doch, mit 30 Millionen Mark für die Bundesliga-Nachspielrechte schon im ersten Jahr, eine große Bürde abgenommen.
THOMA: Da zweifle ich wirklich an der Vernunft der ARD-Häuptlinge. Zusammen mit dem ZDF sind es sogar 55 Millionen Mark im Jahr.
SPIEGEL: War das ein Abschluß mit politischem Rückenwind?
THOMA: Aber natürlich. Gar keine Frage. Fragen Sie mal Herrn Nowottny, den Intendanten des Westdeutschen Rundfunks, der mit Herrn Plog vom Norddeutschen Rundfunk die Gegenfront aufbauen wollte, wer da als erster umgefallen ist. Der Bayerische Rundfunk ist von Anfang an für den Ankauf eingetreten. Wie man hört, hat die Politik alles darangesetzt, um dem armen Sat-1-Sender zu der Fußball-Berichterstattung zu verhelfen.
SPIEGEL: Und wenn die Sat-1-Betreiber, mit der Hilfe der CDU/CSU, in den nächsten Jahren noch höhere Zweitverwertungsmillionen bei den öffentlichrechtlichen Sendern kassieren?
THOMA: Wenn die ihren Bundesliga-Deal weiter so gut bei ARD und ZDF verkloppen, haben sie ein relativ günstiges Geschäft gemacht, das ist richtig.
SPIEGEL: Vielleicht wird die Ware Sport noch teurer. Es könnte, nach Eurosport und dem Sportkanal, ein drittes Sportprogramm geben: Leo Kirch hat die Umwandlung von Tele 5 in das Deutsche Sportfernsehen verkündet.
THOMA: Was hat der schon alles verkündet. Das Sport-Label macht sich vielleicht erst mal besser bei den Landesmedienanstalten, die Kirch seine neue Beteiligung bei Tele 5 genehmigen sollen. Im Grunde braucht er den Sender für etwas ganz anderes. Der hat gerade wieder einen Exklusivvertrag mit Warner-Film in Amerika abgeschlossen und muß ungeheure Mengen von Material runterjubeln. Dafür braucht er den Spielfilmkanal Pro 7, den Kabelkanal und eben wahrscheinlich auch Tele 5, das wäre logisch.
SPIEGEL: Muß ein Vollprogramm wie RTL plus eine Abwanderung von immer mehr Zuschauern zu den Spartenkanälen fürchten? Die Filmfreaks gehen zu Premiere, die Teenager zum Londoner Videoclip-Sender MTV, die Tele-Börse von Sat 1 ist womöglich ausbaufähig zu einem Wirtschaftskanal. Der Time-Warner-Konzern will den künftigen Nachrichtenkanal n-tv ankurbeln, Bertelsmann den Informationskanal Vox, und Kirch kauft jede Menge Kindersendungen - für ein reines Kids-Programm?
THOMA: Gut möglich. Aber ich glaube, in absehbarer Zeit, meinetwegen bis zum Jahr 2000, wird die Aufsplitterung des Publikums noch nicht so arg. In Amerika gibt es 100 Programme, aber die drei großen Networks liegen bei einem Zuschaueranteil von 67 Prozent.
SPIEGEL: Wir haben jetzt über Kabel und Satellit 24 deutschsprachige Programme. Wie geht''s weiter?
THOMA: In fernerer Zukunft rechne ich noch einmal mit einer Revolution der audiovisuellen Technik durch die sogenannte Kompression, also die Verdichtung mehrerer Programme auf den Sendekanälen. Allein über die luxemburgischen Astra-Satelliten kommen dann 288 Programme, deutsch- und fremdsprachige.
SPIEGEL: Wie wollen die alle existieren?
THOMA: Dann wird es relativ eng begrenzte Zielgruppenprogramme geben, die weniger durch Werbung finanziert werden als durch direkte Bezahlung der Einschaltzeiten, das sogenannte Pay per view, etwa für neue Spielfilme und große Sportereignisse. Nur die Massenprogramme werden sich ausschließlich mit Werbung finanzieren.
SPIEGEL: Auch für Sie wird es eng. RTL plus macht sich demnächst sogar selbst Konkurrenz: mit RTL 2.
THOMA: Ich will RTL 2 als Konkurrenten haben, mit dem wir auch Geschäfte machen können - als natürlichen Verbündeten gegen das größte Medienmonopol der westlichen demokratischen Welt. Die Politik hat Kirch gestattet, sich wie _(* In der ersten Folge der täglichen ) _("Gottschalk"-Sendung am Dienstag ) _(vergangener Woche. ) ein Krake im Privatfernsehen auszubreiten. Zusammen mit seinem Partner, dem Metro-Gründer Otto Beisheim, erreicht er Dimensionen, von denen Alfred Hugenberg . . .
SPIEGEL: . . . der deutschnationale Film- und Presse-Tycoon der Weimarer Zeit . . .
THOMA: . . . wahrscheinlich nur geträumt hat. Kirch kann auf fünf von sechs Privatprogrammen seine gewaltigen Vorräte abspielen, er ist Fernsehbetreiber und Programmacher in einer Person. Eine derartige Vermischung der Funktionen wäre beispielsweise in Amerika nie möglich. Hier aber haben die Politiker nur Kinkerlitzchen geregelt. Die Grundsatzfrage, wie sie ein demokratiegefährdendes Medienmonopol verhindern können, war ihnen völlig Wurscht. Das ist ein Armutszeugnis sondergleichen.
SPIEGEL: Wird auch das Informationsprogramm Vox zu Ihren Verbündeten gehören, das Ihr RTL-plus-Teilhaber Bertelsmann besonders vorantreibt?
THOMA: Es wird schon deshalb dazu gehören, weil es nicht zu Kirch gehört. So holzschnittartig sehe ich das.
SPIEGEL: Kann denn der Boulevardsender RTL plus mit dem Informationskanal Vox überhaupt kooperieren?
THOMA: Bevor es zu einer Kooperation kommen kann, muß man erst mal sehen, was Vox macht und was die unter einem "informationsbetonten Vollprogramm" verstehen. Nach meiner Erfahrung kann es so, wie es offenbar geplant ist, überhaupt nicht laufen. Ich glaube kaum, daß Bertelsmann und die Westdeutsche Landesbank Hunderte von Millionen in ein Faß stecken werden, das vielleicht nie zu füllen ist.
SPIEGEL: Wenn das Programm nicht massenwirksam ist, läge es doch nahe, Vox und RTL 2 zusammenzulegen.
THOMA: Ich denke, Vox muß erst mal anlaufen. Dem WDR sind gerade Frequenzen für ein neues Informationsprogramm weggenommen worden. Also müssen die das ja wohl auch bieten. Aber ich würde jede Wette eingehen, daß Vox sich bald was Neues einfallen lassen muß, um Zuschauer zu gewinnen.
SPIEGEL: Das müssen auch andere. Nun will sich das ZDF auch noch mit dem amerikanischen Nachrichtensender CNN oder vielleicht auch mit der ARD zu einem Nachrichtenkanal zusammentun.
THOMA: Ich denke, die öffentlichrechtlichen Sender wären gut beraten, nicht auch noch ihre letzte Bastion, die Informationssendungen, mit einer kommerziellen Organisation wie CNN zu teilen.
SPIEGEL: Erst einmal gibt es aber eine Pause für Neugründungen. Die Landesmedienanstalten, die neue Programmpläne früher nur lax geprüft hatten . . .
THOMA: . . . durch Wegschauen statt durch Hinschauen . . .
SPIEGEL: . . . blockieren jetzt die Projekte RTL 2 und Vox. Sie wollen auch n-tv und die Umwandlung von Tele 5 prüfen. Und die Hamburger Medienanstalt will Tele 5, wenn es zum Sportprogramm gemacht wird, die Sendelizenz entziehen. Wächst den Aufsehern die Zunahme des Neuen über den Kopf?
THOMA: Nein, denen ist endlich klar geworden, was für Verflechtungen der Herr Kirch da unter ihren Augen aufgebaut hat. Die Landesmedienanstalten stehen ja ziemlich arm da. Die können weder die Polizei holen noch sonstige Behörden einschalten. Denen kann Herr Kirch in fünf eidesstattlichen Erklärungen versichern, was er lustig ist. Das ist der helle Wahnsinn. Und nun, da die ersten neuen Konkurrenten gegen Kirch auftreten, sind sie plötzlich aufgewacht und schicken Fragebogen zur Prüfung heraus. Ich finde das im Prinzip richtig, aber nun müssen sie auch die schon eingerissenen Fehlentwicklungen prüfen.
SPIEGEL: Der Beginn des RTL-2-Programms, das schon voreilig von der Programmpresse gedruckt wurde, mußte verschoben werden. Wann rechnen Sie mit der Genehmigung?
THOMA: Ich nehme an, daß das noch in diesem Jahr erledigt wird. Wie ich höre, soll RTL 2 Ende November am Start sein.
SPIEGEL: Wie wird die Fernsehlandschaft der nächsten Jahre aussehen? Wie viele Vollprogramme können sich halten?
THOMA: Ich denke, mehr als drei große Programme, die voll durch Werbung finanziert werden, kann es auf Dauer nicht geben: RTL plus, Sat 1, letztlich vielleicht doch Vox auf dem dritten Platz, wenn der Sender durch Frequenzzuweisungen die nötige Reichweite bekommt und schließlich auch ein attraktives Programm macht.
SPIEGEL: Herr Thoma, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
[Grafiktext]
__68_ Besitzverhältnisse b. d. privaten Fernsehsendern;
_____ / Anteile der jeweiligen Gesellschafter in Prozent
[GrafiktextEnde]
* Nikolaus von Festenberg und Werner Dähnhardt im Kölner RTL-plus-Studio. * Oben: Peter Falk, Valerie Harper; unten: CDU-Politiker Heinrich Lummer, Moderator Olaf Kracht (am 8. September). * In der ersten Folge der täglichen "Gottschalk"-Sendung am Dienstag vergangener Woche.
Von N. v. Festenberg und W. Dähnhardt

DER SPIEGEL 41/1992
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