05.10.1992

„Mit Haß kann ich nicht leben“

Es gibt Bilder, die Ignatz Bubis, 65, immer wieder einfallen, obwohl er sie eigentlich vergessen möchte.
Er sieht sich als 15jährigen im Zwangsarbeitslager der polnischen Stadt Deblin, den Judenstern auf der Brust. An einem Septembertag 1942 entdeckt der Junge inmitten einer Kolonne, die draußen am Zaun vorbeigetrieben wird, seinen Vater. Verzweifelt versucht er, an den Wachen vorbei zur Kolonne zu laufen, den Vater zu begleiten. Soldaten halten ihn mit Gewalt zurück.
Die Schläge retten ihm das Leben. Die Kolonne marschiert zum Bahnhof, wo Züge zum Vernichtungslager Treblinka warten. Bubis sieht seinen Vater nie wieder. Auch ein Bruder und eine Schwester werden umgebracht, ihn selber befreien Sowjettruppen im Januar 1945.
Seit in der Bundesrepublik Ausländerunterkünfte brennen, jüdische Gedenkstätten zerstört werden und Rechtsradikale ihr "Deutschland den Deutschen" mit dem Ruf "Juden raus" ergänzen, bedrängen die alten Bilder den Holocaust-Überlebenden öfter als sonst.
Er erinnert sich an die Fassungslosigkeit, mit der Freunde und Verwandte nach dem Krieg auf seine Entscheidung reagierten, im Land der Täter zu bleiben. "Ich versuche dich zu verstehen", erklärte ihm damals ein ehemaliger Mithäftling, "aber ich kann dich nicht begreifen."
"Ein Jude, der in Deutschland lebt", heißt es noch heute bei Nazi-Opfern in Israel, "der ist kein Jude mehr."
Seit Mitte September ist Ignatz Bubis aus Frankfurt Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Direktorium, führendes Gremium der 35 000 bekennenden Juden, wählte ihn zum Nachfolger des verstorbenen Heinz Galinski.
Bubis übernimmt das Ehrenamt in schwieriger Zeit. In vielen der 75 Gemeinden hat sich der Konflikt zwischen den Holocaust-Überlebenden und der um Einfluß ringenden nächsten Generation verschärft. Orthodoxe und Reformer streiten, ob Judentum über Religion oder Volkszugehörigkeit zu definieren sei. Etwa 30 000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, meist mittellos und ohne Deutschkenntnisse, müssen in die Gemeinden eingegliedert werden.
Im erweiterten Deutschland, vorwiegend mit sich beschäftigt, ist es schwerer geworden, Interessen von Minderheiten zu vertreten. "Wir werden nicht mehr so gehört wie früher", sagt Ignatz Bubis.
Der neue Mann ist kein Intellektueller, er ist Kaufmann. Weil die Nazis den gebürtigen Breslauer ins Ghetto und ins Arbeitslager pferchten, besuchte er nur sechs Jahre die Schule. Die meisten Fähigkeiten, die er zum Überleben brauchte, brachte er sich selber bei.
Seine Erfahrungen als Verfolgter haben Bubis geprägt, aber - im Gegensatz _(* Mit Außenminister Kinkel (M.) sowie ) _(dem ehemaligen KZ-Häftling und ) _(Bubis-Stellvertreter Max Willner (l.) am ) _(Dienstag letzter Woche, drei Tage nach ) _(dem Brandanschlag. ) zu vielen anderen Opfern - nicht lebenslang verbittert: "Mit Rachegefühlen und Haß kann ich nicht leben."
Anders als sein Vorgänger, der zuletzt in seiner Rolle als unnahbarer Mahner geradezu erstarrt schien, hat Bubis keine Berührungsängste, sucht den Dialog. Streitet sich gelegentlich sogar mit unverbesserlichen Antisemiten und Ignoranten.
Als Frankfurter Fußballfans einen Schiedsrichter mit dem Slogan "Jude nach Auschwitz" schmähten, stellte Bubis sie zur Rede: "Kennen Sie einen Juden? Nein? Darf ich mich vorstellen: Ich bin einer. Was haben Sie gegen mich?" Die Fans reagierten verblüfft.
Der untersetzte, agil wirkende Mittsechziger, der stets ein wenig so wirkt, als würde ein Taxi auf ihn warten, hat die heikle Position des Zentralratsvorsitzenden zäh angestrebt. Sie gibt ihm Gelegenheit, wie er offen bekennt, sich "politisch noch mehr einzumischen".
An Durchsetzungsvermögen mangelt es Bubis nicht. Im Umgang zuvorkommend, gelegentlich jovial, kennen ihn Kontrahenten aus Politik und Wirtschaft als Widersacher, der Vorteile zu nutzen weiß. "Solange Macht nicht mißbraucht wird", sagt Ignatz Bubis, "sehe ich daran nichts Unrechtes."
Politischen Einfluß hat Ignatz Bubis schon bislang ausgeübt: bei den hessischen Freidemokraten, wo er zeitweise bis zum Mitglied des Landesvorstandes aufstieg und 1982 für die Wende stritt. Beim Hessischen Rundfunk, dessen Rundfunkrat er seit 1987 vorsitzt. In der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, die er seit neun Jahren führt.
Dabei verschaffte sich Bubis Respekt. Er gilt auch bei politischen Gegnern als Liberaler, der andere Meinungen gelten lassen kann. Die Wiederwahl im Rundfunkrat, erzählt Bubis stolz, sei "auch mit Hilfe von Roten und Schwarzen" zustande gekommen, die seine Fähigkeiten zum Ausgleich honoriert hätten.
Doch Klartext reden kann er auch. Bundeskanzler Helmut Kohl erteilte er nach dessen Verbeugung vor SS-Gräbern in Bitburg öffentlich den Rat, sich die Reden künftig vom Bundespräsidenten schreiben zu lassen. Prompt kam ein böser Brief aus Bonn.
Seine wirtschaftliche Unabhängigkeit hat es Bubis erleichtert, ohne Hemmungen seine Meinung zu sagen - doch sein Erfolg als Kaufmann brachte ihn zugleich des öfteren in Verruf. Denn Bubis, der mittellos in die Bundesrepublik kam, hat etwas geschafft, was Juden in Deutschland noch immer schnell übelgenommen wird: Er wurde reich, besitzt Firmen, Häuser, Hotels.
Sein Metier, der Immobilienhandel, trug Bubis vor allem Anfang der siebziger Jahre den Anwurf ein, er sei ein skrupelloser Spekulant.
Beim Kampf um die besetzten Bürgerhäuser im Frankfurter Westend, die zum Teil ihm gehörten, machten Hausbesetzer, Studenten und Linke den Juden Ignatz Bubis als Schurken aus. Daß zuvor die Villenbesitzer ihre Häuser teuer verkauft hatten und der sozialdemokratisch geführte Frankfurter Magistrat den Abriß wünschte, um für Bürohochhäuser Platz zu schaffen, paßte nicht zum Feindbild.
Dagegen wurde in der Szene schnell spekuliert, daß Rainer Werner Fassbinder bei Abfassung seines Theaterstücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" mit der Figur des bösen "reichen Juden" Ignatz Bubis gemeint habe.
Über den "reichen Juden" heißt es im Drama: "Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen." Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, Ignatz Bubis mittendrin, verhinderten 1985 mit einer Bühnenbesetzung die Aufführung in Frankfurt; Fassbinder war damals bereits tot.
Bubis hat zwar cleveres Geschäftsgebaren unter Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten stets eingeräumt, aber immer bestritten, "auch nur einen einzigen Mieter rausgeekelt" zu haben. Das Gegenteil konnte nicht bewiesen werden.
Verallgemeinernde Urteile über deutsche Schuld früher und heute hat Bubis nie gefällt, auch jetzt nach dem Brandanschlag auf die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Sachsenhausen nicht. Zwar forderte der neue Zentralratsvorsitzende, "energischer gegen den Vandalismus" vorzugehen. Geradezu beschwörend, als müsse er eigene Angst bannen, verkündet Bubis jedoch, die Übergriffe seien dem Nazi-Terror "politisch nicht vergleichbar". In der Bundesrepublik gebe es "keine Wiederholung des Dritten Reiches".
Die Gewalt von rechts trifft Bubis zweifach: als Juden, der nur durch Zufall der Vernichtung entging; als Deutschen, der sich "als ein Teil dieses Staates" empfindet. Als "deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", wie er sich selber definiert, lebt er auf zwei verschiedenen Ebenen.
Der Jude Ignatz Bubis ist tief in den Traditionen seiner Vorfahren verwurzelt. Obwohl er nicht an den biblischen Gott glaubt, sondern nur, in philosophischer Form, an eine Art "höheres Wesen", glaubt er doch fest an die "ethische Ordnung der Religion", an deren Regeln er sich seit seiner Kindheit hält.
Am Todestag seiner Mutter etwa, die noch vor dem Holocaust starb, betet er in der Synagoge alljährlich das dafür vorgeschriebene Kaddisch. "Nicht weil ich denke, daß es ihr da, wo sie jetzt sein mag, deshalb bessergeht", erklärt der Sohn, "sondern weil sie es von mir erwarten würde."
Strikte Einhaltung orthodoxer Grundsätze erwartet er auch von der nächsten Generation. Sollte seine einzige Tochter einen Mann nichtjüdischen Glaubens heiraten, würde das Ignatz Bubis jedenfalls "sehr weh tun".
Das Bekenntnis zu Israel, für Juden in der Diaspora patriotische Pflichtübung, hat der Zentralratsvorsitzende bis vor kurzem nur mit Einschränkungen abgelegt. Die Siedlungspolitik der abgewählten Schamir-Regierung mißbilligte er zum Mißvergnügen Strenggläubiger ebenso wie Exzesse bei der Bekämpfung des Palästinenseraufstandes.
Bubis, der sich die neue Regierung von Ministerpräsident Jizchak Rabin geradezu "gewünscht" hatte, setzt auf eine weniger starre Haltung Israels bei den Nahost-Friedensverhandlungen. Er hält eine Autonomie in den besetzten Gebieten für "erforderlich", einen unabhängigen Palästinenserstaat lehnt er ab: "Da kann ich als Jude nicht dafür sein."
Den Deutschen Ignatz Bubis quält ein ständiger Zwiespalt. Einerseits fühlt er sich zugehörig, würdigt "unsere Demokratie" als "beste, die wir je hatten", lobt "unsere Verfassung, eine der liberalsten Europas". Auf dem Jüdischen Weltkongreß in Jerusalem befürwortete der ehemalige Ghettobewohner die Wiedervereinigung.
Andererseits wird Bubis immer mal wieder klargemacht, "daß ich in den Augen der anderen kein Deutscher bin". Zum Beispiel, wenn ihn ein Parteifreund, den er seit 15 Jahren kennt, mit der Frage verblüfft: "Sag mal, Ignatz, fährst du eigentlich an Ostern wieder nach Hause?"
* Mit Außenminister Kinkel (M.) sowie dem ehemaligen KZ-Häftling und Bubis-Stellvertreter Max Willner (l.) am Dienstag letzter Woche, drei Tage nach dem Brandanschlag.
Von Bruno Schrepp

DER SPIEGEL 41/1992
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