05.10.1992

„Vermisse das Wort Pinscher“

Bestritten hat er es bis zuletzt: Hermann Kant, einst Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und Mitglied im ZK der SED, wehrte sich erbittert gegen den Vorwurf, ein „Stasi-Helfer“ gewesen zu sein. Nun fanden sich in der Berliner Gauck-Behörde zahlreiche Dokumente, in denen die Spitzeltätigkeit Kants detailliert belegt wird.
Nun mal raus mit der Sprache, lieber Hermann Kant, exklusiv für das Neue Deutschland", so jovial versuchte das PDS-Blatt im März dieses Jahres zu erkunden, ob der Autor der Stasi gedient habe. Kant blieb unbeeindruckt. Das habe ihn kürzlich schon der SPIEGEL gefragt. Seine Antwort sei "nein" gewesen, und dies sei eine "ehrliche und zuverlässige Antwort".
War es nicht. Hermann Kant, 66, hat fast zwei Jahrzehnte für die Stasi gearbeitet, zunächst als "Kontaktperson" (KP), dann als "Geheimer Informator" (GI), dann als "Inoffizieller Mitarbeiter" (IM).
Kant hat seine Freunde bespitzelt, er hat Journalisten, Verleger, Lektoren und Literaten in beiden Teilen Deutschlands gründlich ausgehorcht. Kant schlug vor, wer veröffentlichen - oder wer diszipliniert werden sollte. Seine steile Karriere im SED-Staat, vom namenlosen Jungautor bis zum Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, vom einfachen Genossen bis zum ZK-Mitglied, erklärt sich nicht zuletzt mit dieser überraschend skrupellosen Kooperation. _(* Im November 1987 beim ) _(DDR-Schriftstellerkongreß in Ost-Berlin. )
Die Akte Kant lagert in neun Bänden, zusammen etwa 2500 Blatt, mit der Registriernummer 5909/60 in der Berliner Gauck-Behörde. Sie enthält Spitzel-Prosa, die den Schriftsteller als emsigen Zulieferer entlarvt: Treff-Berichte, Quittungen für Geschenke und Lobeshymnen seiner Führungsoffiziere. "Der IM", so bescheinigte ihm 1974 die Stasi, "beweist ständige Einsatzbereitschaft und exakte Durchführung seiner Aufgaben . . . Auf Grund seiner Funktion und seines Einflusses auf Schriftsteller ist er in der Lage, bestimmte feindliche Kräfte in ihren Aktivitäten zurückzudrängen."
Kants Stasi-Dienste waren streng konspirativ. Auch nach der Wende, nach dem Zusammenbruch der DDR, verschwieg und bestritt er jede Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Wer auch immer ihn der Stasi-Mitarbeit beschuldigte, wurde sofort vor Gericht gezerrt: *___Schon 1983 hatte der DDR-Dissident Joachim Seyppel in ____der Welt behauptet, Kant arbeite für die ____Staatssicherheit. Kant ließ diese Behauptung vom ____Hamburger Landgericht für unzulässig erklären und ____erzwang eine Gegendarstellung. *___1990 schrieb der SPIEGEL, Kant sei im Zusammenhang mit ____der Maßregelung Erich Loests als "Stasi-Helfer" ____aufgetreten. Wieder zog Kant vor Gericht; der SPIEGEL ____verlor den Prozeß. *___Schließlich verklagte Kant sogar ein ehemaliges ____Stasi-Opfer, den Schriftsteller Reiner Kunze. Der hatte ____ein Stasi-Schriftstück entdeckt und veröffentlicht, in ____dem Hermann Kant mit der Empfehlung zitiert wird, Kunze ____solle aus der DDR ausgewiesen werden. Kant überzeugte ____das Gericht davon, daß dieses Dokument eine Fälschung ____sein könne.
Richtig in Gang kam Kants Stasi-Karriere an einem grauen Novembertag des Jahres 1958, als der damals 32jährige wissenschaftliche Assistent der Berliner Humboldt-Universität in den Redaktionsräumen der Studentenzeitung tua res arbeitete. Ein Besucher stellte sich vor, ein Herr "Richter" vom MfS, ein alter Bekannter.
Der Stasi-Offizier wollte vom Genossen Kant einiges über die Situation bei den Humboldt-Germanisten erfahren. Kant erwies sich laut Stasi-Protokoll als sehr gesprächig. So redeten die beiden Herren diesmal über ihre weitere Zusammenarbeit. Sie sollte "regelmäßiger" werden, meinte der Stasi-Mann, und "dazu dienen, uns gegenseitig zu unterstützen". Das MfS könne Kant bei der Zeitschrift helfen, und er solle "über alle Vorkommnisse" an der benachbarten Freien Universität "informieren, besonders was die Tätigkeit des Feindes anbetrifft".
Kant, so notierte der Stasi-Offizier, "war damit einverstanden, daß wir uns regelmäßig alle drei Wochen treffen. Als ich eine schriftliche Verpflichtung von meiner Seite andeutete, war er der Meinung, daß das nicht notwendig sei. Er habe von seiten der Partei sowieso eine Vertrauensstellung, und er gibt uns auch ohne Verpflichtung alles, was wir brauchen. Ich versicherte ihm, daß wir tun werden, was wir können, daß dies aber auf Gegenseitigkeit beruht".
Aus Gründen der Sicherheit, so schärfte der Offizier dem Jungliteraten ein, sei es allerdings notwendig, daß niemand von dieser Zusammenarbeit erfahre, selbst die Genossen der SED nicht.
Kant war bereit. Er besorgte Protokolle, übergab Briefe, fertigte Personenporträts. Vom MfS wurde er vorerst lediglich als "Kontaktperson" (KP) eingestuft.
Ausführlich berichtete Kant über eine achttägige Reise nach Westdeutschland im Jahre 1959. Er besuchte unter anderem die Firma Bayer in Leverkusen, die Ford-Werke Köln, VW in Wolfsburg und mehrere Werften. Sein Vorwand: Besichtigung der Werksbibliotheken.
Kant spielte dabei den trickreichen Geheimagenten: Stolz erzählt er, mit welchen Tricks er sich Zugang zu den Unternehmen verschaffte. Und schließlich gibt er noch Tips für die Zukunft: "Für ähnliche Unternehmungen", hält der MfS-Offizier fest, "empfiehlt es sich, Visitenkarten dabeizuhaben, auf denen irgend etwas von Literatur steht, bloß nicht Journalist, sonst ist gleich die Pressestelle eingeschaltet."
Der junge Spitzel nennt die Namen der Angestellten in den Werksbibliotheken, zitiert deren Äußerungen, beschreibt die Details der Büchereien. Zuweilen schildert er absurd minutiös (Bei Bayer war "Die Blechtrommel" sechsmal ausgeliehen).
Im Dezember 1960 wird Kant ein zweiter MfS-Mitarbeiter zugeteilt: Herr "Wegner", angeblich ein "Verbindungsmann zum Schriftstellerverband". Der interessiert sich sogleich für den nächsten Literaten-Kongreß. Treffprotokoll: "Genosse Kant erklärte sich ohne zu zögern bereit, solche Auskünfte zu geben."
Bei einem Treffen in seiner eigenen Wohnung habe Kant von einer Veranstaltung des PEN in Hamburg berichtet, bei der "auch eine Anzahl Verräter anwesend (Zwerenz, Raddatz)" gewesen seien. Es folgen Details, das Protokoll der Tagung wolle er noch beschaffen. Weiterhin habe Kant mitgeteilt, so notiert sein Stasi-Gesprächspartner, "daß der Schriftsteller J.* ein Buch fertiggestellt hat, in welchem er praktisch die Geschichte von Harich** gestaltet. Nach seiner Auffassung kann man dieses Buch in der vorliegenden Fassung nicht verlegen".
Kant berichtet nun von Schriftsteller-Kongressen, von der Frankfurter Buchmesse, von Besuchen bei Verlegern und Lektoren. 1961 schätzt er Günter Graß ("guter Kontakt") so ein: _____" Grass ist ein Mensch ohne jede feste politische " _____" Einstellung und Haltung. Er schießt praktisch nach allen " _____" Seiten und kommt sich dabei imposant vor. Er möchte immer " _____" als ein Freiheitsapostel erscheinen. " ** Wolfgang Harich, regimekritischer DDR- _(Philosoph. * Wolfgang Joho. ) Er tritt gelegentlich auch in derselben Form wie bei uns gegen Adenauer auf, während er Tage später wieder vollkommen auf dessen Linie einschwenkt. Grass verkehrt sehr viel im Künstlerlokal Holler-Keller.
Kant hat diese Kneipe noch nicht besucht, "wird sich aber nach den Sommerferien nach dort einladen lassen", wie sein Führungsoffizier vermerkt. "Mit ihm wurde festgelegt, welche Punkte uns interessieren und auf die er besonders achten soll. Es sind dies: Wer ist der Leiter des Kellers, gibt es ein Führungsgremium und aus welchen Personen setzt es sich zusammen? An welche politische Strömung lehnen sich die Leute an? Wer nimmt von Schriftstellern und Künstlern aus der DDR an den Lesungen teil?"
Der Informant berichtet über einzelne Schriftsteller: "Stefan Heym arbeitet zur Zeit an . . ., Franz Fühmann arbeitet an . . ., Heiner Müller arbeitet an . . ." Die Stasi-Offiziere freuen sich und notieren über Kant: "Die Kontaktperson war sehr aufgeschlossen . . . antwortete bereitwilligst und brachte zum Ausdruck, mit uns unter dem Decknamen ,Martin'' zusammenzuarbeiten. Die KP erklärte sich bereit, bei Vorkommnissen sofort unsere Dienststelle zu benachrichtigen und erhielt die Telefonnummer 2621 mitgeteilt."
In einem Vermerk der Stasi-Hauptabteilung V/1/IV, datiert auf den 3. Oktober 1962, heißt es: "Die KP Martin ist der Schriftsteller Kant, Hermann." Genosse Otto sei ihm als "Richter" bekannt. Und Genosse Otto schätzt "Martin" wie folgt ein: "Die ,KP Martin'' ist bei intensiver Arbeit als GI geeignet. Die KP ist mit einigen Fragen der Entwicklung nicht ganz einverstanden, er ist jedoch ehrlich und aufrichtig. Die Zusammenarbeit . . . der HA II mit der KP Martin wird als gut eingeschätzt. Die KP ist befreundet mit den Schriftstellern H., N., B. u. a. Verpflichtet wurde die KP bisher nicht."
Ein Vorschlag "zur Werbung eines GI" (Geheimen Informators) wird schon einen Monat später verfaßt. Darin schwärmen die MfS-Kader über Kant: _____" Der Kandidat hat in seiner politischen, beruflichen " _____" und fachlichen Entwicklung eine Aufwärtsentwicklung " _____" genommen. Er ist in der Lage, auf Grund seines " _____" politischen Wissens die politische Lage, Personen, " _____" Bücher, Zeitungen und Zeitschriften richtig einzuschätzen " _____" und zu beurteilen . . . Die bisher vom Kandidaten " _____" gegebenen Informationen besitzen operativen Wert, da der " _____" Kandidat Kontakt zu Personen hat, die unter operativer " _____" Kontrolle stehen. Der Kandidat muß im Prinzip als ein " _____" politisch-ideologisch sehr klarer und intelligenter " _____" Genosse eingeschätzt werden. "
Bei nächster Gelegenheit will die Stasi Kant in seiner Wohnung verpflichten. In der Akte "Martin" findet sich ein "Bericht über die Werbung des Kandidaten Kant, Hermann, als GI" aus dem Februar 1963. Darin heißt es: "Da der Kandidat mit dem MfS seit dem 6.08.1957 inoffiziell zusammen arbeitet wurde bei dem Kandidaten von einer schriftlichen Verpflichtung abstand genommen." Kant sei nochmals auf "die Notwendigkeit der Einhaltung der Konspiration hingewiesen" und zur "systematischen Zusammenarbeit mit dem MfS" angehalten worden. Zufrieden stellt Oberleutnant Treike, der das Gespräch führte, fest: "Der Kandidat brachte zum Ausdruck, dass er weiterhin bestrebt sein wird mit dem MfS zusammenzuarbeiten."
Und Kant arbeitet. Er besucht den West-Berliner Verleger Klaus Wagenbach, horcht ihn aus. Er lauert "2 Stunden" an einem West-Berliner "Einsatzort", dem DGB-Jugendhaus, um zu sehen, ob dort Jugendliche zur Beratung und Teilnahme am "Deutschlandtreffen 1964" anrücken. Dazu streift er wie ein Agent umher, kontrolliert Briefkästen, beobachtet Fenster. Der Bericht ist handschriftlich unterzeichnet mit "10.VI.64 Martin".
400 Seiten Spitzelberichte füllen einen verschlissenen, orangefarbigen Aktenordner für die Jahre 1960 bis 1966. Kant spricht dem Führungsoffizier auf Tonband, der tippt alles wörtlich ab. Manche Berichte sind in der Ich-Form gehalten und bis zu 14 engbeschriebene Seiten lang.
Kant erklärt, wer von den DDR-Schriftstellern eine "gute", wer eine "schlechte" Rolle spielt. Er erzählt von Gesprächen in der Wohnung von Stephan Hermlin, zuerst zögerlich, da dieser ein enger Freund ist, dann konkreter. Er schildert seinem Stasi-Protokollanten das Auftreten von Stefan Heym ("Von sich selbst überzeugt, was er nicht merkt. Versuchte erfolglos eine Plattform gegen die Partei zu schaffen"). Kant will "mit anderen" reden, um gegen Heym Stimmung zu machen.
Er stimmt Interviews und öffentliche Äußerungen ab und macht der Zensur Vorschläge. So empfiehlt Kant laut Stasi-Bericht, "daß die Kulturzeitschriften in erster Linie nur solche Dinge veröffentlichen, die auch tatsächlich den gegenwärtigen Anforderungen entsprechen, d. h. keine aufgeweichten Arbeiten veröffentlichen".
Den neuen Simmel-Roman "Lieb Vaterland, magst ruhig sein" übergibt Kant "zur Auswertung und Einschätzung". Mit seinem Führungsoffizier bespricht er taktische Verhaltensweisen, ob oder wie er Briefe von republikflüchtigen Autoren beantwortet.
Am 11. April 1963 erhält Kant "als Anerkennung für die bisherige Zusammenarbeit mit dem MfS" eine Luftpistole nebst Munition und Schießscheiben als Geschenk.
Kant macht in diesen Jahren eine steile Karriere: als Vorstandsmitglied des DDR-Schriftstellerverbandes und Feuilletonist des Neuen Deutschland. Sein Roman "Die Aula" (1965) wird ein Erfolg - auch in Westdeutschland, wo er sich bei seinen Reisen als junges, nonkonformistisches DDR-Talent aufspielt.
Vor und nach jeder Reise berät er sich mit den Führungsoffizieren. Und die loben ihn stets: "Der IM hat im Auftrag der Hauptabteilung mehrfach Aufträge in Westdeutschland durchgeführt, die so gehalten waren, daß eine Dekonspiration ausgeschlossen war."
Nach einem Artikel des späteren stellvertretenden Kulturministers Klaus Höpcke im Neuen Deutschland, in dem der Liedermacher Wolf Biermann als Künstler übel verrissen wurde, schickt Kant an Höpcke ein Glückwunschtelegramm zur Ermunterung, Biermann noch eins drauf zu geben: "Vermisse erstaunt das Wort Pinscher."
1966 wird der Stasi-Mann Paroch neuer Führungsoffizier von Kant. Zwei Jahre später übergibt Paroch "Martin" über Major Karl Brosche an den Kollegen Schönfelder. Bald darauf wird Kant umregistriert. Kants Stasi-Zeugnis 1969: "In der Zusammenarbeit zeigte der GI eine umfassende und zuverlässige Berichterstattung." Er besitze viele "operativ interessante Verbindungen" zu westdeutschen Journalisten. "Verdachtsmomente der Unehrlichkeit sind bisher bei dem GI nicht aufgetreten . . . Es wird vorgeschlagen, den GI als IMS umzuregistrieren."
Kant bittet selbst um Treffen mit der Stasi und ruft an. Sein Offizier freut sich darüber und schreibt: "Der IMS äußerte sich dazu in der Form, daß er der Meinung sei, daß man nicht nur platonische Erklärungen zum Aufbau des Sozialismus zum Ausdruck bringen kann, sondern sich auch dafür aktiv einsetzen muß, schließlich sei er Genosse und nicht nur ein Parteibuchträger, das MfS sei seiner Meinung nach ein Teil der Partei und demzufolge sei es seine Pflicht, auch das MfS zu unterrichten."
Sein Führungsoffizier notiert in dieser Phase über Kant: "Er machte einen sehr aufgeschlossenen Eindruck und war sehr erfreut, eine Aussprache mit dem MfS zu führen . . ." Ähnlich beflissen schildert ihn ein weiteres Treffprotokoll aus dem April 1971: _____" Kant äußerte als Schlußfolgerung, daß wir als DDR " _____" konsequenter gegen solche feindlichen Elemente wie " _____" Biermann vorgehen müßten. Er könnte nicht verstehen, wie " _____" Biermann in der DDR noch Sonderrechte genießt und sich " _____" grobe Ordnungswidrigkeiten ohne Strafe erlauben kann. So " _____" habe er selbst und sein Sohn vor kurzem gesehen, wie " _____" Biermann bei Gelb über eine Kreuzung fuhr, daß die " _____" Passanten auseinanderspringen mußten, um nicht unter das " _____" Fahrzeug zu geraten. "
Bei einem der nächsten Treffen fragt Führungsoffizier Pönig, was Kant eigentlich von seiner Stasi-Mitarbeit halte. Und als Antwort notiert Pönig: Die "Zusammenarbeit mit dem MfS", insbesondere mit Oberleutnant Pönig, "mache dem IM Spaß", und "die Treffs geben ihm auch persönlich manches". Weitere Reisen nach Westdeutschland wolle er "zielgerichtet" mit der Stasi abstimmen. Kant habe vorgeschlagen, sich über Personen "mit feindlicher Einstellung", wie Graß und Johnson, "Gedanken" zu machen, "um dazu Vorschläge bei den nächsten Treffs zu unterbreiten".
Im Juli 1971 erteilt Oberleutnant Pönig Kant wieder einmal gute Noten: Der IMS "Martin" treffe sich regelmäßig auch in konspirativen Wohnungen ("Casino" oder "Serenade"). Kant sei "einsatzbereit und stets bemüht, die Aufgaben des MfS gewissenhaft durchzuführen". 1965 habe es allerdings "Anzeichen einer Dekonspiration" gegeben, in Schriftstellerkreisen sei das "Gerücht" verbreitet worden, "daß der Schriftsteller Kant für das MfS arbeitet". Die "Quelle dieser Gerüchte" habe nicht ermittelt werden können.
Kant - so verzeichnen es die Stasi-Protokolle - tritt immer wieder als Scharfmacher auf. Er beklagt nach einem Prozeß gegen Regimegegner in Moskau, daß man diese mit nur drei Jahren Zuchthaus viel zu milde bestraft habe. Den Fall Sacharow sehe er ähnlich wie den Robert Havemanns. Die Verurteilten seien vom politischen Größenwahn befallen und begingen Verbrechen gegen den Sowjetstaat, deshalb könne man nicht entschieden genug auch in der DDR gegen solche Elemente auftreten.
Der inzwischen prominente Spitzel denunziert seine Kollegen. So gibt er persönliche Briefe von Stefan Heym weiter, in denen dieser von Veröffentlichungen in der BRD berichtet. Die Stasi kopiert sich die Briefe, und Kant bietet an, Heyms nähere Absichten am Telefon auszukundschaften.
Nach einem Treffen in der konspirativen Wohnung "Serenade" charakterisiert die Stasi Kant als treibende Kraft in der Auseinandersetzung mit unliebsamen Schriftstellern: "Er hat sich selbständig Gedanken gemacht und unterbreitete Vorschläge zur Einengung negativer und schwankender Kräfte unter den Schriftstellern mit der Zielstellung, sie in ihrer politischen Wirksamkeit gegen die DDR zurückzudrängen." Der IM "Martin" habe von sich aus Vorschläge entwickelt, wie er dazu beitragen könne, "das feindliche Wirken des Schriftstellers Stefan Heym einzuschränken".
So möchte Kant bei seiner nächsten Westreise den Kabarettisten Dietrich Kittner fragen, ob der nicht in seinem Programm Heym verspotten könne. Die westdeutsche Literaturzeitschrift Kürbiskern will Kant so beeinflussen, daß sie eine Rezension des Werkes von Heym veröffentlicht, in der Heym "als langweilig, literarisch uninteressant und als Pantoffelschreiber" beschrieben wird.
Kant ist auch während der siebziger Jahre ein einsatzwilliger IM, obwohl sein Gesundheitszustand nach einem Autounfall im Jahre 1973 labil ist. Die Stasi verspricht ihm eine Spezialbehandlung. Stasi-Generalmajor Rudi Mittig selbst schaltet sich ein. Kant wird immer wieder in der Charite, im Regierungskrankenhaus Buch und später in der Sowjetunion behandelt. Doch die Unfallfolgen machen ihm schwer zu schaffen.
Im Frühjahr 1975 mischt sich Kant im Ost-Berliner Haus der jungen Talente unter das Publikum einer "Eintopp"-Veranstaltung mit der Liedermacherin Bettina Wegner. Danach soll er voller Abscheu berichtet haben, "daß er sich bis zu dieser Veranstaltung nicht vorstellen konnte, daß es bei uns einen solchen stinkenden kulturellen Untergrund gibt". Kant will dennoch weiterhin hingehen, um dort mit anderen "progressiven Schriftstellern" aufzutreten.
1976, Kant begeht im Juni seinen 50. Geburtstag, schlägt sein Führungsoffizier Pönig vor, "den IMS ,Martin'' mit der ,Medaille der Waffenbrüderschaft'' in Silber auszuzeichnen". Begründung: Kant arbeite nunmehr seit 19 Jahren inoffiziell mit dem MfS zusammen und bewies "Zuverlässigkeit, Verschwiegenheit sowie hohe Einsatzbereitschaft und Ehrlichkeit".
Im selben Jahr wird die inoffizielle Zusammenarbeit durch die üblichen offiziellen Kontaktmöglichkeiten abgelöst, da Kant inzwischen zum Mitglied der Berliner SED-Bezirksleitung gewählt worden war. Mit Kant sollen keine konspirativen Wohnungen mehr aufgesucht werden, der Deckname "Martin" entfällt. Der leitende Stasi-Offizier Karl Brosche will bei dem Treffen mit Kant persönlich anwesend sein, um diese Status-Änderung als normalen Stasiinternen Registrierungsvorgang zu erklären. Kant soll wissen, daß die Kontakte fortgesetzt werden können.
In einer Abschlußbeurteilung des IM "Martin" mit der Registriernummer 5909/60 schwelgen seine Führungsoffiziere 1976 in höchsten Lobestönen: _____" In der inoffiziellen Zusammenarbeit erwies sich der " _____" IM als zuverlässig, verschwiegen und einsatzbereit. Bei " _____" der Durchführung von Aufträgen zur Aufklärung operativ " _____" angefallener Schriftsteller, sowie der Klärung und " _____" Einschätzung von " _(* Undatiertes Paßbild aus dem ) _(Stasi-Archiv. ) Sachverhalten entwickelte der IM nützliche Eigeninitiative. Der klare Klassenstandpunkt und das parteiliche Einschätzungsvermögen, sowie die Fähigkeit des IM größere und vielseitige Vorkommnisse in ihren inneren Zusammenhängen zu sehen, ermöglichen es dem IM, eine Vielzahl operativ bedeutsamer Informationen und Hinweise zu Personen zu erarbeiten. _____" Der IM war stets auf die Einhaltung der Konspiration " _____" bedacht. Er versuchte nie, die Zusammenarbeit mit dem MfS " _____" zur Erlangung persönlicher Vorteile auszunutzen oder bei " _____" den Treffs Forderungen und persönliche Wünsche " _____" vorzubringen. Da die Einstellung der inoffiziellen " _____" Zusammenarbeit des IM auf Grund der Wahl des IM als " _____" Mitglied der Bezirksleitung der SED Berlin am 28.3.76 " _____" erfolgte, und es sich bei dem IM um einen der Partei und " _____" dem MfS treu ergebenen Genossen handelt, wird " _____" vorgeschlagen, die Einstellung der inoffiziellen " _____" Zusammenarbeit in einer würdigen Form zu vollziehen. " _____" Es erscheint angebracht, dem IM für seine langjährige " _____" inoffizielle Zusammenarbeit mit der Überreichung einer " _____" Auszeichnung unseren Dank als MfS für seine geleistete " _____" Arbeit auszusprechen. Bei Vorliegen besonderer " _____" sicherheitspolitischer Erfordernisse im kulturellen " _____" Bereich kann jederzeit offizieller Kontakt zu dem " _____" Genossen Kant gehalten werden. "
Kant stößt als Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes - das wird er im Mai 1978 - auf immer mehr Widerstand und Kritik aus den Reihen der Autoren. Zum Eklat kommt es, als im Juni 1979 neun unliebsame Schriftsteller ausgeschlossen werden, nicht zuletzt auf Betreiben Kants (siehe SPIEGEL 51 und 52/1990). In einem Gespräch mit Hermlin, so dokumentierte es die Stasi, vertrat Kant eine Woche vor der entscheidenden Mitgliederversammlung die Ansicht, "daß wir unter den gegenwärtigen Bedingungen keinesfalls die ständigen feindlichen Angriffe einzelner Autoren unwidersprochen hinnehmen können".
In Kants Stasi-Akte fehlen weitere Details über den Ausschluß der Schriftsteller. Deutlich wird aber, daß diese Vorgänge Kant fortan schwer zu schaffen machen. Enge Freunde kritisieren ihn wegen der Ausschlüsse. Kant flieht aus Berlin, "um sich zu verkriechen", wie ein Bekannter berichtet.
Während der Auseinandersetzung innerhalb des Verbandes habe Heym ihn einen "Faschisten" genannt, berichtet die Stasi. Das habe Kant besonders getroffen, "weil er an alles, was seit 1945 im Bereich der DDR geschehen sei, geglaubt habe. Deshalb fühle er sich gegenwärtig mitverantwortlich für die Entwicklung auf kulturpolitischem Gebiet, da er sie durch seine Aktivitäten mit vorbereitet habe".
Kant scheint zu resignieren, fühlt sich von Mitstreitern geschnitten, wird öffentlich als "SED-Schleimer" beschimpft. Es gibt Ärger mit dem stellvertretenden Kulturminister Höpcke, Ärger mit dem Chefideologen Joachim Herrmann wegen Kants Engagement für Erwin Strittmatters Buch "Der Wundertäter III". Höpcke will ihn beim nächsten Verbandskongreß nicht wieder als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR vorgeschlagen sehen. Doch Kant redet sich heraus, bleibt verbissen in seiner Stellung.
Später, im März 1981, läuft Kant mit seinem Rücktrittsbrief an Kurt Hager in der Tasche herum. Er schickt ihn aber nicht ab. Der Erste Sekretär des Schriftstellerverbandes, Gerhard Henniger, und der Schriftsteller Gerhard Holtz-Baumert - beide haben ebenfalls Stasi-Kontakte - konsultieren Honecker, um Kant anzuschwärzen. Honecker entscheidet: Kant soll bleiben.
Er läßt Kant zu sich vor. Der ist sich seiner Sache wieder sicher und berichtet Mitarbeitern des Schriftstellerverbandes, das Gespräch mit Honecker habe ihn optimistisch gestimmt.
Doch Kant kann seine alte Rolle nicht wieder einnehmen. Anfang der achtziger Jahre, aus Anlaß der Veranstaltung "Schriftsteller für den Frieden", werden Kants Ausführungen mehrfach kritisiert, sie seien "ohne klare politische Aussage" und eigneten sich "nicht für die Verbreitung in den bewaffneten Organen".
Eine Stasi-interne Einschätzung bezeichnet den Schriftstellerverband als "desolat". Bei dem Schriftsteller-Treffen "Berliner Begegnung" habe Kant "mangelhafte ideologische Arbeit geleistet", die zu Zweifeln an der SED-Kulturpolitik führe. Die "eigenwillige, selbstherrliche und stark subjektiv geprägte Tätigkeit" Kants stoße auf Ablehnung bei vielen Mitgliedern.
Doch zum Bruch will sich Hermann Kant nicht durchringen. Die Chance, nach der Wende alles auf den Tisch zu packen und somit zu erhellen, wie eine deutsche Diktatur funktionieren konnte, hat Hermann Kant alias IM "Martin" vertan.
* Im November 1987 beim DDR-Schriftstellerkongreß in Ost-Berlin. ** Wolfgang Harich, regimekritischer DDR-Philosoph. * Wolfgang Joho. * Undatiertes Paßbild aus dem Stasi-Archiv.

DER SPIEGEL 41/1992
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