13.04.1992

„Wanzen, Flöhe, Perser, Israelis“

Inspekteure der Vereinten Nationen haben im Irak zahlreiche Beweise für die Beteiligung deutscher Firmen an der Giftgasproduktion entdeckt. Dort sollte auch VX, ein Nervengas der jüngsten Generation, hergestellt werden. Vor dem Darmstädter Landgericht beginnt der Prozeß gegen zehn deutsche Manager.
Auf dem Betriebsgelände der irakischen Staatsfirma Muthanna State Establishment war es totenstill. Keine Bewegung, kein Rauch, kein Maschinenlärm. Inspekteure der Vereinten Nationen protokollierten "Szenen unglaublicher Zerstörung".
Die Ruinenlandschaft, 40 Kilometer vor Samarra, ist Sinnbild für die Omnipotenzphantasien des irakischen Diktators Saddam Hussein. Wie Reißzähne ragen aus dem Wüstensand die Reste zerbombter Todesfabriken - weitläufige Anlagen mit ausgefeilter Technik.
Dort wurde bis kurz nach Ausbruch der Kuweit-Krise im Oktober 1990 Senfgas in großdimensionierten Anlagen mit einer Kapazität von bis zu 1700 Tonnen im Jahr produziert - genug, um ganze Landstriche zu verpesten. In einem benachbarten Komplex mußten die Arbeiter rund um die Uhr malochen, um die Nervengase Sarin und Tabun herzustellen (siehe Schaubild Seite 81).
Als im Frühjahr 1988 der Umrührer eines Kessels ausfiel, stockte der Betrieb nur kurz. Rasch wurde die Sarin-Produktion in ein anderes Gebäude verlagert - das Tagessoll von zweieinhalb Tonnen mußte erfüllt werden, egal wie.
Das Staatskombinat bei Samarra war die Erfindung eines bösen Gehirns. Uno-Inspekteure, vom Sicherheitsrat zur Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen und ihrer Produktionsstätten ausgesandt, entdeckten auf einer Fläche von 10 mal 15 Kilometern den Tod in allen Varianten und Kalibern.
Auf dem Muthanna-Gelände wurde von Granatwerfermunition, Kaliber 122 Millimeter, bis hin zu 500-Kilogramm-Fallbomben fast das ganze konventionelle Munitionsarsenal mit Giftgas befüllt. Von 1990 an wurden in der riesigen Anlage auch die Gefechtsköpfe für Scud-Raketen, wie sie der Irak im Golfkrieg auf Israel abfeuerte, für die chemische Kriegführung umgerüstet.
In der Mabuse-Werkstatt mixten Techniker die Vorprodukte für die chemische Vernichtung von Menschen zusammen. Wissenschaftler tüftelten an Rezepturen für den Kampfstoff Soman, garantiert tödlich in winzigen Dosierungen. Das 1944 entwickelte Gift ist wie das ältere Senfgas oder die Gase Tabun und Sarin eine deutsche Erfindung.
Voraussichtlich wird es Jahre dauern, bis die Uno-Inspekteure alle Giftgasvorräte im Irak vernichtet haben. Innerhalb von zwei Jahren aber soll in Deutschland die Entstehungsgeschichte dieser einzigartigen Kampfstoffanlage aufgearbeitet werden.
Am Montag nach Ostern beginnt vor der 13. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt der Prozeß gegen zehn deutsche Manager. Sie sollen am Bau der irakischen Giftgasfabrik mitgewirkt haben.
Neben Kaufleuten der einschlägig bekannten Unternehmen Karl Kolb und Pilot Plant aus dem hessischen Dreieich sowie der Hamburger Water Engineering Trading (W.E.T.) müssen auch Komparsen aus der Zulieferindustrie vor Gericht erscheinen. Ihnen werden Verstöße gegen die Außenwirtschaftsverordnung vorgeworfen, Höchststrafe: drei Jahre Gefängnis.
Die Ermittlungen hatten bereits vor fünf Jahren mit der Durchsuchung zahlreicher Firmen begonnen. Vor Beginn des Prozesses, der auf 70 bis 100 Verhandlungstage angesetzt ist, herrscht im Lager der Angeklagten Uneinigkeit. Einige sind allenfalls zu Teilgeständnissen bereit, andere wollen rückhaltlos auspacken.
Ein widerliches Geschäft sei da betrieben worden, räumt der Unternehmer Jürgen Stockmeier ein, Chef eines Zulieferbetriebes im niedersächsischen Laatzen. Eine Firma des Chemiekaufmanns hatte über 30 Tonnen Phosphoroxidchlorid (POCl3) geliefert, die auf Umwegen in den Irak gelangt waren. POCl3 ist Ausgangsstoff für Tabun und Sarin.
Er könne sich "ohrfeigen", weil er bei der Prüfung eines Auftrages der Hamburger W.E.T. "20 Sekunden" nicht aufgepaßt habe, sagt Stockmeier. "Ich bin von einer Gesellschaft von Mitangeklagten umgeben, die mich ankotzt." Dennoch wolle er die "Verantwortung für die Leichtfertigkeit meiner Mitarbeiter bei der Abwicklung dieses Geschäfts" übernehmen.
Solchen Bekennermut, wenn er denn ernst gemeint ist, lassen andere Manager vermissen. Und auch die Bundesregierung, durch Mitwisserschaft in die Giftgasgeschäfte verstrickt, spielt eine blamable Rolle.
Zunächst bestritt Bonn glatt die Existenz deutscher Giftgasanlagen im Irak. Obwohl eindeutige Hinweise des israelischen und amerikanischen Geheimdienstes schon Anfang 1984 vorlagen, lief die Ausfuhr des Produktionszubehörs bis 1989 heimlich weiter. Kein Politiker in den zuständigen Ressorts für Wirtschaft und Auswärtiges mochte dafür bisher Verantwortung übernehmen.
Als Bonn Mitte der achtziger Jahre Teillieferungen untersagen ließ, verlangten Kolb-Kaufleute dreist eine Entschädigung vom Staat. Die Bundesregierung verhandelte damals sogar ernsthaft mit den Managern über die Regreßforderungen.
Aus bislang unter Verschluß gehaltenen Unterlagen geht hervor, daß die Bundesregierung Mitte der achtziger Jahre bereit war, den Lieferanten eine Abfindung in Höhe von sechs Millionen Mark zu zahlen, wenn sie das Geschäft sausenließen. Auch dieser Kabinettsbeschluß wird im Darmstädter Prozeß zur Sprache kommen.
Die Zusammenarbeit ging noch weiter: Den W.E.T.-Manager Peter Leifer warb der Bundesnachrichtendienst (BND) 1986 als Mitarbeiter. Fast zwei Jahre lang kungelte Leifer mit dem Geheimdienst und lieferte Informationen über den Irak.
Bis heute mauert die Bundesregierung in der Giftgasaffäre: Die vertraulichen Uno-Berichte über die deutsche Beteiligung an den irakischen Todesfabriken wurden von Bonn nicht an das Darmstädter Gericht weitergereicht.
Das Außenministerium des Liberalen Hans-Dietrich Genscher erklärte dem Vorsitzenden Richter Alfred Pani, keiner der deutschen Uno-Inspekteure dürfe als Zeuge auftreten. Offizielle Begründung: Die Vereinten Nationen lehnten es strikt ab, die Schweigepflicht für Inspekteure aufzuheben.
Doch die Version aus der New Yorker Uno-Zentrale klingt weniger harsch. Zwar könne, so Tim Trevan von der Sonderkommission für den Irak, tatsächlich keine Aussagegenehmigung erteilt werden. Die Vereinten Nationen seien aber durchaus bereit, gewisse Dokumente zur Verfügung zu stellen.
Das kann von Bedeutung sein. Denn die Papiere, die mittlerweile unter den Verteidigern und Staatsanwälten kursieren, bestätigen weitgehend die Puzzle-Arbeit der deutschen Ermittler.
Bislang hatten Firmen wie Kolb aus Dreieich stets beteuert, bei den exportierten Fabriken handele es sich um harmlose Anlagen zur Herstellung von Pflanzenschutzmitteln. Doch die Uno-Inspekteure konnten auf dem riesigen Muthanna-Gelände keine einzige Pestizidfabrik sichten.
Die wichtigsten deutschen Anlagen, die vermutlich an der Herstellung von Senfgas, Tabun und Sarin beteiligt waren, sind zwischen Februar 1983 und März 1985 geliefert worden. Nach Angaben der Iraker wurde die Giftgasproduktion 1986 aufgenommen.
Auch nach dem Ende des irakisch-iranischen Krieges 1988 wurden die deutschen Exporte, so die Uno-Inspekteure, heimlich fortgesetzt. Das stützt die Ergebnisse deutscher Ermittler. Bagdad räumte jetzt ein, das Giftzeug sei bis Oktober 1990 abgefüllt worden.
Ferner passen die Erkenntnisse deutscher Ermittlungsbehörden über die Standorte der Kampfstoffbetriebe weitgehend _(* Beim Reinigen kontaminierter ) _(Schutzanzüge. ) zu den Feststellungen der Uno-Rechercheure.
Wie schlechte Satire klingt angesichts der Fakten aus Muthanna ein Diskurs aus dem vergangenen Jahr. Heinrich Weiss, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hatte nach dem Golfkrieg befunden: "Es sind keine Giftgaswaffen von deutschen Unternehmen geliefert worden."
Fachblätter wie die Bonner Wehrtechnik assistierten. Vielleicht gebe es überhaupt "kein Giftgas aus irakischer Produktion". Und die bunte Wirtschaftsillustrierte Forbes aus dem Hause Burda wußte es in einer Schlagzeile ganz genau: "Die Giftgas-Lüge".
Doch all die Versuche, das widerwärtige Geschäft mit dem Tod zu verdrängen, fruchteten nicht. Auch die Hinweise, schließlich hätten Franzosen, Spanier, Italiener, Russen und Rumänen am Giftgas mitverdient, brachten keine Entlastung: Etwa 80 Prozent der Anlagen in Muthanna, so neue Erkenntnisse der Bundesregierung, stammten aus Deutschland.
Und das war kein Geheimnis. "Jeder hat gewußt, um was es ging", resümiert Ingenieur Fritz-Willi Dörflein. Der Techniker aus dem hessischen Rodgau war 1983 an Ort und Stelle im Irak. "Was macht ihr hier?" wollte er nach eigenen Angaben von einem Arbeiter wissen. Dessen Antwort laut Dörflein: "Wir stellen Mittel gegen Ungeziefer her - gegen Wanzen, Flöhe, Heuschrecken, Perser, Israelis." Dörflein will das vor Gericht bezeugen.
Hat auch jeder gewußt, was am "Sauerkraut Boulevard" los war? So nennen Uno-Inspekteure flapsig eine der Hauptstraßen des Muthanna-Areals. Anders als in der East 86th Street in New York, wo es den anderen "Sauerkraut Boulevard" gibt, waren bei Muthanna keine Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald oder Nußknacker aus dem Erzgebirge zu haben. Gefragt war beste deutsche Technik.
Sie steckt in Versuchsanlagen, die inmitten von 13 Fabrikattrappen das Bombardement der Alliierten überstanden haben. "Das Design der Fabrik", schildern Uno-Berichterstatter den Betrieb, sei "modern und aus Höchstqualitäts-Materialien hergestellt, mit einem sehr hohen Standard an Ingenieurkunst". Obwohl die Konstruktion von den Irakern lediglich als Versuchsanlage bezeichnet werde, handele es sich um eine "beachtliche Einrichtung".
Dahinter stecke, mutmaßt Uno-Chefinspekteur Peter Dunn, eine besondere Teufelei von Saddam Hussein: In der Fabrik könne das Nervengas VX hergestellt worden sein, das in noch geringeren Konzentrationen als Tabun oder Sarin tödlich wirkt. Seine Vermutung stützt Dunn unter anderem, so das Uno-Protokoll, auf "das Layout" der Anlage.
Geschäftspapiere geben keinen Aufschluß mehr, die Uno-Inspekteure fanden überall nur noch "Haufen aus Asche". Eine Menge Unterlagen waren offenbar vor der Visite der Inspekteure eilig verbrannt worden. Um Aufklärung gebeten, erklärten die zuständigen Iraker, der Strom sei ausgefallen - deshalb hätten sie ein Feuerchen gemacht.
Uno-Fotograf Pernacca Sudhakaran nahm die Typenschilder in den Versuchsanlagen auf. 19 Lieferanten konnten identifiziert werden, 17 kamen aus Deutschland. "Die meisten Teile der Ausrüstung", so die Uno, "wurden von Pilot Plant geliefert." Auch Unternehmen wie die Ludwig Hammer GmbH aus dem bayerischen Kleinostheim werden aufgeführt.
Die Firma hat für etliche Gebäude des Muthanna-Komplexes die Belüftungs- und Elektroanlagen geliefert. Hammer war im Irak vorwiegend Subunternehmer der Heberger Bau aus Schifferstadt. Dem pfälzischen Baulöwen, der in Muthanna insgesamt acht Gebäude hochzog, hat der Irak-Einsatz nicht geschadet. Heberger bekam erst im Vorjahr den imagefördernden Auftrag, die Villa von Kanzler Helmut Kohl in Oggersheim zu umfrieden.
Ein Stück von den Versuchsanlagen entfernt hat auch ein Gebäude, von den Inspekteuren als "Inhalationskammer" bezeichnet, den Krieg überstanden. Die Anlage aus "rostfreiem Stahl" ist deutschen Experten ein Begriff.
Die Firma Rhema Labortechnik GmbH aus Hofheim im Taunus hatte ein "Inhalationssystem für toxikologische Untersuchungen" nach Samarra verkauft. Für erste Gasversuche wurden Beagle-Hunde mitgeliefert. Später schickten die Chemiker Esel in die stählerne Gaskammer. Und dann wurde angeblich sogar getestet, wie iranische Kriegsgefangene auf Nervengas reagierten. Laut Uno könnte mit dieser "Einrichtung" die "tödliche Wirkung von Mitteln" untersucht werden.
Deutschen Ermittlern ist längst bekannt, daß diese Versuchsanlagen und die Stahlkammer von hier aus in den Irak geliefert worden sind. Dennoch tauchen die Exporte in der Darmstädter _(* Vor der Firma Karl Kolb in Dreieich. ) Anklage nicht auf. Der Nachweis, die Anlagen seien für den bösen Zweck besonders konstruiert worden, war nach Meinung der Strafverfolger nicht zu erbringen.
Längst nicht alle deutschen Spuren konnten beim Ortstermin in der Wüste aufgeklärt werden. Zerbombt ist beispielsweise die Abfüllanlage, die von Kaufleuten der Hamburger W.E.T. ausgestattet worden sein soll. Zerstört ist die Bombengehäusefabrik, für die das westfälische Unternehmen Schwender geliefert haben soll. Wahre Giftmüllgruben sind die meisten Anlagen von Kolb und Pilot Plant, die zur Herstellung der Kampfstoffe gedient haben sollen.
Bei Falludscha, ungefähr 40 Kilometer vom Muthanna-Areal entfernt, entdeckten Uno-Inspekteure immerhin Anlagen zur Herstellung von Vorprodukten. Eine solche Fabrik im Wert von rund 20 Millionen Mark hatte W.E.T. unter der Projektnummer 33/85 nach Falludscha geliefert. In einem Gebäude mit der Nummer 162 stöberten die Uno-Leute 35 Container mit 875 Kilogramm CS-Tränengas auf. Er war von Hamburg nach Kuweit geliefert worden und in den Irak gelangt.
Die Spurensucher der Uno werden auf Schritt und Tritt von wachsamen Irakern begleitet. Dr. Imad Hussein el-Ani etwa gilt als kenntnisreicher Gesprächspartner und kundiger Diskutant. Früher war der "leitende Beamte in der Organisation von Muthanna" (Uno) als Einkäufer unterwegs. Anfang der achtziger Jahre stellte er in der Bundesrepublik die Todesfabriken zusammen.
Kein Dr. No, nur ein freundlicher Handlungsreisender, der zusammen mit anderen leitenden Angestellten ein Refugium mit Basketballplatz, Schwimmbad, Billardsaal und Turnhalle bewohnen durfte - 16 Kilometer südlich der Giftgasfabriken, in sicherer Distanz.
[Grafiktext]
__81_ Irak: Muthanna State Establishment:
_____ / Herzstück der irakischen Hauptanlage f. chem. Kampfstoffe
[GrafiktextEnde]
* Beim Reinigen kontaminierter Schutzanzüge. * Vor der Firma Karl Kolb in Dreieich.

DER SPIEGEL 16/1992
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