13.04.1992

WertpapiereZweifache Prüfung

Betrüger warfen massenhaft gestohlene US-Obligationen auf den Markt. Hinter dem Coup, vermutet das FBI, steht die Mafia.
Martin Bürgisser, Abteilungsleiter bei der Kripo in Zürich, führt einen aussichtslosen Kampf. "Wenn wir in einem Fall klarsehen", klagt er, "tauchen zwei neue auf, und wir tappen wieder im dunkeln."
In der "riesigen Affäre mit immensen Verzweigungen" (Bürgisser) geht es um Betrügereien mit gestohlenen US-Obligationen. Allein in der Schweiz, der Drehscheibe des Deals, wurden Wertschriften für 300 Millionen Dollar sichergestellt; ein gutes Dutzend Verdächtige ist bereits in Haft.
Inzwischen beschäftigt sich auch die Polizei in Deutschland und in den Niederlanden mit den Obligationen. Mit Verhaftungen ist zu rechnen.
Die Affäre begann 1981 in den USA. Eine MSM Destruction Corporation in New Jersey übernahm von der Citibank in New York den Auftrag, Schuldverschreibungen von Firmen wie Dow Chemical, Shell, Monsanto oder Armco Steel zu vernichten. Sie waren zuvor am unteren Rand perforiert und damit entwertet worden.
Die Papiere in Stückelungen von 10 000 bis zu 500 000 Dollar hatten Laufzeiten bis über die Jahrtausendwende hinaus; das FBI schätzt ihren Wert auf mindestens drei Milliarden Dollar.
Plötzlich, im vergangenen Sommer, tauchten die vermeintlich vernichteten Obligationen bündelweise in der Schweiz wieder auf. Der Rechtsanwalt Hansjörg Zürcher, 43, aus dem Städtchen Bülach beispielsweise bot über die deutsche Interbeam GmbH in Dachau der Firma Balco International B.V. in Amsterdam "AAA-Bonds im Nominalwert von 20 Millionen Dollar" an.
Anfang September eilte Balco-Chef Balakrishnan ("Bally") Menon in die Schweiz und vereinbarte, den Deal über die Incofin Group AG abzuwickeln. Einziger Verwaltungsrat dieser Firma war Hansjörg Zürcher.
"Um das System zu testen", berichtete Zürcher seinen Partnern, habe er aus dem Paket "von jeder Company einen Bond" bei der Bülacher Filiale einer Großbank plaziert - mit Erfolg: Die Bank belieh die wertlosen Papiere.
Vier Wochen später, am 30. September, stockte die Geldmaschine. Das Bankhaus H. Aufhäuser in München reichte die ihm per Post zugeschickten Obligationen zurück. "Die Wertpapiere", bedauerten die Bayern, könnten erst "nach einer rechtmäßigen Prüfung" ins Depot genommen werden.
Doch Zürcher - oder seine Auftraggeber - wollen so schnell nicht aufgeben. Am 23. Oktober kamen die Papiere über die Vaduzer Dalema Establishment zur Liechtensteinischen Landesbank (LLB). Die veräußerte sie, angeblich nach zweifacher Prüfung in der Schweiz und in den USA, für knapp 6,2 Millionen Dollar an die New Yorker Brokerfirma Smith Barney.
Die Amerikaner brauchten elf Tage, um herauszufinden, daß sie einem Schwindel aufgesessen waren. Sie verlangten umgehend ihr Geld zurück. Doch das war schon, über die Dalema Establishment und über die Balco, einem Konto der Haener und Kurth Finanz AG im Berner Vorort Zollikofen gutgeschrieben worden - zugunsten von Hansjörg Zürcher.
Schweizer Finanzexperten wundern sich inzwischen, wie mehrere Banken dazu kamen, entwertete Obligationen zu akzeptieren oder - genauso schlimm - die als annulliert erkannten stillschweigend zurückzuschicken. Denn Zürchers Tatendrang wurde nach dem ersten Flop und einer Strafanzeige der LLB keineswegs gestoppt.
Anfang Februar 1992 reiste im Auftrag seines Bülacher Kollegen der Jurist Roman Abegg, 58, aus Olten in die USA. Zunächst wandte er sich nach Pennsylvania, wo er bei der Miners Bank in dem kleinen Kaff Pottsville einen 600 000-Dollar-Kredit mit Obligationen finanzieren wollte. Als die Banker Alarm schlugen, war der Schweizer schon fort.
In Boca Raton in Florida wurde er am 6. Februar verhaftet, als er versuchte, Papiere im Wert von 47 Millionen Dollar zu verkaufen. Wahrscheinlich war er in eine FBI-Falle getappt. Agent Wayne Stiles behauptet jedenfalls, Abegg habe angegeben, er verfüge über Obligationen im Wert von 500 Millionen.
Später, berichtete Stiles aufgrund einer heimlich gemachten Videoaufzeichnung, habe Abegg allerdings eingeräumt, die Papiere seien entwertet, er biete sie deshalb für 15 oder 16 Cent per Dollar Nominalwert an.
Abegg bestreitet das. Doch die Beteuerungen halfen bisher wenig: Eine Woche nach Abegg verhaftete die Zürcher Polizei Zürcher und Ende Februar den wegen gewerbsmäßigen Betrugs vorbestraften Pietro Arrigo Zäch.
Zäch, 49, fanden die Ermittler heraus, war Zürchers Lieferant. Woher er die Papiere hatte, ist bislang aber nicht klar. Geklaute Obligationen tauchten jedenfalls auch anderswo auf.
US-Fahnder glauben, daß es sich bei der Obligationen-Affäre um ein professionell eingefädeltes Mafia-Geschäft handelt. Die gestohlenen Wertschriften wurden planmäßig und paketweise nach Europa lanciert - nachdem über zehn Jahre lang kein einziges der entwerteten Papiere irgendwo aufgetaucht war. "Gewöhnliche Verbrecher", weiß der Zürcher Ermittler Martin Bürgisser, "wollen nicht so lange warten."
Besonders verdächtig: Die Müllmänner von MSM Destruction Corporation in New Jersey, die vor über zehn Jahren die Obligationen vernichten sollten, gaben ihr Geschäft von einem Tag auf den andern auf. Die Hallen stehen gespenstisch leer; am Telefon meldet sich eine barsche Frauenstimme, die keine Auskunft geben will.
Nach Mitarbeitern der geheimnisvollen MSM suchte das FBI intensiv - aber bislang vergebens.

DER SPIEGEL 16/1992
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