13.04.1992

Der Eigenputsch des Don Fuji

Als der langsam näherkommende Strahl des Wasserwerfers den Mann im weißen Hemd erreichte, hatte der Getroffene einen genialen Einfall: Statt zurückzuweichen, blieb er lächelnd stehen - und machte eine höfliche Verbeugung.
Das ging natürlich nur, weil die Wasserkanone keineswegs mit vollem Druck arbeitete; sie zielte ja am letzten Montag nur schonend auf peruanische Parlamentsabgeordnete. Und der unbekannte Volksvertreter wußte die Fernsehkameras auf sich gerichtet, als er im künstlichen Regen seine kleine Zeremonie vollführte: Die Hände an der Hosennaht, verneigte er sich in Zeitlupe, förmlich, tief - genau wie ein Japaner.
Der Hintersinn dieser Steißbeuge konnte keinem Mitglied der gebildeten Stände Perus verborgen bleiben. Der Abgeordnete richtete offenkundig einen sarkastischen Gruß an seinen Staatspräsidenten, der in der Nacht davor den Notstand ausgerufen und sich die Vollmachten eines Diktators verschafft hatte: Der 53jährige Alberto Kenya Fujimori, genannt "El Chino", genannt "Don Fuji", genannt auch "Hirohito", ist ein Nisei - ein Peruaner, dessen Eltern aus Japan eingewandert sind.
Anspielungen auf die ethnische Herkunft des Staatschefs, des ersten Asiaten auf einem Präsidentenstuhl der westlichen Hemisphäre, sind nichts Ungewöhnliches mehr. Als am Donnerstag die Angestellten des geschlossenen, von Militärs umstellten Parlaments demonstrierten, trugen sie eine Fujimori-Karikatur vor sich her; sie zeigte den Präsidenten als schlitzäugigen Mandarin.
Die Oberschicht hatte sich im Juni 1990 nur mühsam damit abfinden können, daß ein Nichtweißer - in der Stichwahl gegen den Schriftsteller und peruanischen Weltbürger Mario Vargas Llosa - zum Präsidenten gewählt worden war. Schon damals wechselte Don Fuji die lilienweiße Führung von Marine und Luftwaffe aus und stützte sich fortan auf das von Indios und Mestizen beherrschte Heer, um überhaupt mit dem Regieren beginnen zu können.
Jetzt aber, fast zwei Jahre später und am dritten Tag nach dem Putsch, kann der Präsident es sich leisten, selber diskret seine asiatische Herkunft auszuspielen: In einer Rede vor dem peruanischen Exporteursverband hebt Fujimori hervor, daß die Menschen ihm auf den Straßen von Lima neuerdings mit dem Ruf "Dale, Chinito!" (Vorwärts, kleiner Chinese) zujubelten.
Der Chinito hat Mut. Dies ist schließlich das Land mit der (nach den kambodschanischen Khmer Rouge) radikalsten, schlagkräftigsten und grausamsten Guerilla-Armee der Welt, den Kämpfern des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades; doch der Präsident der Republik streckt sich geschmeidig durchs offene Fenster seines gepanzerten Mercedes und fährt - den Kopf und den Oberkörper nach allen Seiten darbietend - eine halbe Stunde lang im Schrittempo durch das Menschengewimmel von Lima.
"Dale, Chinito!" rufen sie tatsächlich, die Familien auf den Trottoirs, die sich in der Siebenmillionenstadt Lima zu Hunderttausenden im Straßenhandel durchschlagen oder unter choleraträchtigen Bedingungen ihren köstlichen Ceviche, den rohen, mit Limone und Zwiebeln marinierten Fisch, zum Verzehr anrichten. Ganz anders als die Abgeordneten und Senatoren, die nun zum großen Teil in den feinen Vorstädten San Isidro und Miraflores unter Hausarrest stehen, haben diese Menschenmassen eine vorwiegend kupferbraune Hautfarbe.
Nur wenig mehr als zehn Prozent der 23 Millionen Peruaner sind reine Weiße, vielfach Abkömmlinge der Konquistadoren; die Hälfte der Bevölkerung besteht aus Indios, der große Rest aus Mestizen.
Es fällt der Mehrheit der Peruaner somit nicht allzu schwer, sich nach beinahe einem halben Jahrtausend weißer Herrschaft zumindest probehalber mit dem "Chinesen" Fujimori zu identifizieren - diesem Sohn eines japanischen Blumenhändlers, der Agrarwissenschaft studieren durfte und als Nichtweißer ebenfalls unter dem Dünkel der Elite zu leiden hatte.
Seine Partei Cambio 90 (Wechsel 90) hat Don Fuji erst im September 1989 gegründet, als er noch ein völlig Unbekannter war. Sieben Monate darauf erzielte er gegen seinen Mitbewerber Mario Vargas Llosa, den auf der Welt bekanntesten Peruaner, bei der Stichwahl um die Präsidentschaft 56 Prozent der Stimmen (gegenüber nur 36 für Vargas Llosa). Beinahe zwei Jahre später, und eine Woche vor seinem Verfassungsbruch, bekam Don Fuji in den Meinungsumfragen eine Zustimmungsrate von 66 Prozent.
Putschen ist vorerst populär in Peru: Nach der Ausrufung seiner "Notstandsregierung des nationalen Wiederaufbaus" hat Alberto Fujimoris Beliebtheit - Umfragen von Meinungsforschern zufolge, deren Zuverlässigkeit unbestritten ist - die verblüffende Höhe von 75 Prozent erreicht; nur 19 Prozent sprachen sich letzte Woche gegen ihn aus.
Für das trübselige Schicksal der 60 Senatoren und 180 Abgeordneten im geschaßten peruanischen Parlament scheint indessen nur eine Minderheit ein Herz zu finden: Trotz der Zensur hat Lima TV der Nation schon am Abend nach dem Putsch zeigen können, wie die Soldaten gegen ungebärdige Parlamentsmitglieder vorgingen - mit zufälliger, nachlässiger, betont unzimperlicher Gewaltanwendung; die Reaktion des Volkes auf die Tritte und Knüffe gegen seine gewählten Vertreter war augenscheinlich weniger von Empörung als von Schadenfreude geprägt.
Aus den frühen siebziger Jahren, als in Peru linksnationalistische Putschgeneräle zwar ehrlich, aber erfolglos einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchten, stammen die schweren sowjetischen Waffen: Schützenpanzer riegeln das Geviert um den ehrwürdigen Palacio Pizarro ab, in dem Präsident Fujimori die meiste Zeit residiert, und sperrige Ungetümer mit erigierten Kanonenrohren bewachen den Sitz des Obersten Gerichtshofs, den Don Fuji nicht erst jetzt, sondern schon bei seinem Amtsantritt als "Palacio de la Injusticia" definiert hat.
In solchen Äußerungen des Präsidenten spiegelte sich durchaus die (damalige und derzeitige) Meinung der Peruaner über ihre Institutionen wider. Im Juni letzten Jahres gaben 96 Prozent an, "nur wenig oder gar kein Vertrauen" in die Justiz zu haben. Daß viele Richter käuflich sind, hatten nicht nur die üblichen Geschäftemacher gemerkt, sondern sogar die Guerrilleros vom Sendero Luminoso: Um ihre in Haft geratenen Terroristen freizubekommen, benutzten die leuchtenden Pfadfinder nicht nur Morddrohungen, sondern (noch überzeugender) üppige Geldgeschenke.
Klopfzeichen aus dem Untergrund: Ein Fernsehsender in Lima durfte am letzten Mittwoch trotz der Zensur eine Tonbandaufzeichnung des einstigen Präsidenten Alan GarcIa senden, in der Fujimoris unmittelbarer Amtsvorgänger aus seinem Versteck die Bevölkerung dazu aufrief, sich gegen das illegitime Regime Don Fujis zu erheben.
Das Volk empfindet aber noch keine derartige Neigung. Im Gegenteil: Das Parlament, in dem die Volksmehrheit sich repräsentiert fühlen sollte, ist zutiefst unbeliebt, von Klientelismus und Korruption zerfressen.
Die Mehrzahl der Peruaner hat den früheren Präsidenten Alan GarcIa in Erinnerung als einen Verschwender, der die Beziehungen zum Internationalen Währungsfonds ruinierte und die Inflation im Lande allein im Jahr 1989 auf 2775 Prozent zu steigern vermochte. Nach GarcIas ruhmlosem Abgang vollbrachte Fujimori das Kunststück, die Hyperinflation, die 1990 noch auf 7650 Prozent geklettert war, im folgenden Jahr auf eine vergleichsweise geringe Geldentwertung von nur noch 139 Prozent zu drosseln - wobei die verarmte Mehrheit die größten Opfer bringen mußte.
"Autogolpe" pflegten die Lateinamerikaner es zu nennen, wenn ein demokratisch gewählter Präsident die Verfassung außer Kraft setzte, das Parlament nach Hause schickte und die Justiz entmündigte, um fortan mit Hilfe der Militärs zu regieren. Doch auf dem Rest des Kontinents wirkt der Eigenputsch des Don Fuji zweifellos als Anachronismus.
Dieser Staatsstreich paßte anscheinend überhaupt nicht mehr in die Landschaft Lateinamerikas - schon gar nicht in die des Landschaftsgestalters George Bush, der den (zunächst noch unblutigen) Coup Fujimoris mit Vehemenz verurteilte und alle Wirtschaftshilfe an Peru - außer der rein humanitären - abzuschneiden versprach.
Die Abschaffung der Demokratie in jedem lateinamerikanischen Land ahndet Bush als schweres Vergehen gegen seine "neue Weltordnung". Noch vor einem Jahr hatten die Amerikaner Anlaß zu glauben, nur noch das kommunistische Regime Fidel Castros stehe der vollkommenen Demokratisierung ihres Kontinents im Wege.
Seither aber ist in Haiti der messianische Befreiungstheologe Jean-Bertrand Aristide aus dem Präsidentenpalais verjagt worden, und in Venezuela muß das korrupte Regime des Sozialdemokraten Carlos Andres Perez sich schon wieder gegen einen Volksaufruhr zur Wehr setzen, der vom Säbelgerassel in den Kasernen begleitet wird. Das demokratische Gebäude der Hemisphäre, das Bush mindestens bis zur Wahl im November retten wollte, schwankt bedenklich.
Fujimori, vorerst Diktator auf Zeit, will in 18 Monaten eine neue Verfassung schaffen und - so beteuert er - einer echten Demokratie wenigstens den Boden bereiten. Peru mag vor dem Eigenputsch Fujimoris eine Formaldemokratie gewesen sein - ein Rechtsstaat konnte es mit der käuflichen und parteiischen Justiz niemals werden.
"El Chinito", der temperamentvolle Japaner im Palast des Eroberers Pizarro, ist kein geschmeidiger Taktiker. Mit einem Parlament, das vor allem auf Obstruktion aus war, hätte er schwerlich regieren können. Aber er ist, soweit erkennbar, der derzeit beliebteste Staatschef der amerikanischen Hemisphäre - wenngleich er sich nun auf eine von Korruption und Kokaingeschäften reichlich angekränkelte Armee stützen muß.
Falls die industrialisierte Welt Fujimori die Kredite sperrt, um in Peru der Demokratie auf die Beine zu helfen, dann dürfte in der Andenrepublik nur eine Kraft davon profitieren, deren Existenz bisher schon 25 000 Todesopfer kostete: jene Steinzeit-Kommunisten, die das Volk der Peruaner auf einem leuchtenden Pfad in den Abgrund führen wollen.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 16/1992
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