05.07.1993

GeheimdiensteEin Herz im Osttakt

Jahrelang haben Verfassungsschutzchefs die DDR mit Echt-Informationen aus Westdeutschlands geheimstem Computer beliefert.
Mehr als 20 Jahre lang spionierte Joachim Moitzheim, heute 68, für die Stasi. Als Agent "Wieland" schickte er geheime Daten, Fahndungsbücher und Alarmpläne der Kölner Staatsschutz-Kripo nach Ost-Berlin. Sein letzter, zugleich hoffnungsvollster Zulieferer war ein Regierungsrat aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), welcher Zugang zum "Nachrichtdienstlichen Informationssystem" (Nadis) hatte.
Ost-Berlins Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), das Spionageressort des Stasi-Ministeriums, war von Moitzheim angetan. Die HVA entlohnte den Mann, der schon während der Kriegsgefangenschaft vom sowjetischen KGB-Vorläufer NKWD angeworben worden war, mit Monatsgehalt, Orden und goldenen Uhren.
Im Jahre 1980 schien die Karriere des "Wieland" abrupt beendet: In Köln verstellten ihm zwei gutgekleidete Herren den Weg, ein großer Dicker namens "Tappert" und ein Untersetzter, der sich "Kluge" nannte. Sie baten ihn dringlich zum Gespräch in ein Kölner Hotel.
Nachdem der Dicke die Minibar des Zimmers ausgeräumt und die ersten Fläschchen geleert hatte, kam das Duo zur Sache. "Wieland" mußte erfahren, daß der Nadis-Beamte seine Dienstoberen eingeweiht hatte, die den HVA-Kundschafter daraufhin monatelang observierten.
Tappert und Kluge stellten Moitzheim vor die Wahl, von Stund an für ihre Behörde zu arbeiten oder die nächsten sechs Jahre im Kölner Gefängnis Klingelpütz zu verbringen. Moitzheim ("Was sollte ich denn machen?") gab sofort klein bei und wurde am gleichen Tag "Counterman" (Geheimdienst-Jargon für Doppelagenten).
Er bekam nun auch aus Köln ein Pseudonym ("Keil") sowie monatlich 2000 Mark. Ziel der "Keilkissen" getauften Aktion war es, Informationen über Moitzheims DDR-Auftraggeber zu erlangen, das Referat A4 der HVA-Abteilung IX. Speziell der Leiter dieses für den Verfassungsschutz zuständigen Referats, Oberstleutnant Bernd Trögel, war von Interesse, obwohl die Kölner noch nicht wußten, daß er ein Schwiegersohn des HVA-Leiters Markus Wolf war.
Der Vorgang galt in Köln als Chef-Sache und großer Coup. Die stolzen Verfassungsschützer ahnten allerdings nicht, daß "Wieland" ("Mein Herz schlägt im Osttakt") die Nachricht von der Zweitwerbung sogleich nach Ost-Berlin getragen hatte. Dort wurde er denn auch prompt ein weiteres Mal umgedreht und bekam die HVA-Order, das Doppelspiel weiterzuführen.
Das anfängliche Entsetzen der DDR-Spionage über den Werbeerfolg der Kölner Konkurrenz wich bald Staunen: Zur Pflege seiner Legende in Ost-Berlin durfte Moitzheim der HVA weiterhin hochinteressant klingende Daten aus dem Bundesamt übermitteln.
Um sicherzugehen, machte die Stasi gelegentlich Stichproben und ließ ihren "Wieland" in Köln nach Fällen fragen, die bei der HVA schon registriert waren - meist deckten sich die Kölner Antworten mit der östlichen Vorlage. Das Bundesamt, so war jetzt klar, griff - wohl um den vermeintlich eigenen Mann besonders glaubwürdig auszustaffieren - auf gegnerische Anfrage allen Ernstes in die echten Datenbestände.
Die Verwendung von unechtem Material verbot sich, so vergangene Woche ein mit der Aktion damals befaßter Spitzenbeamter zum SPIEGEL, "schon um darzutun: Unser Mann spielt nicht falsch". Der Profit für die Behörde aus den Überprüfungswünschen der HVA habe nicht zuletzt in der Information gelegen, "daß sich die Knaben für die und die Person interessierten".
So nachvollziehbar die Argumentation, so aberwitzig die Folgen: Fünf Jahre lang hatte die HVA Zugang zum Super-Computer Nadis, einer gemeinsamen Einrichtung von Verfassungsschutz, Militärischem Abschirmdienst und Bundesnachrichtendienst.
Aus den Nadis-Datenbeständen gingen auf diese Weise Personenangaben über nahezu 800 Bürger nach Osten. Dazu zählten - durchweg ohne Wissen der Betroffenen - Daten von Managern aus Rüstungsbetrieben wie MBB, linkslastigen Lehrern und Spionageverdächtigen aller Couleur. Dann und wann wurden sogar Daten über echte Kandidaten für den Verfassungsschutz übermittelt, so einmal über ein Paar aus Bayern, das dann nicht mehr eingestellt werden konnte.
Die geheimdienstliche Posse gewann eine neue Dimension, als Ost-Berlin Ende 1982 den nächsten Treffer landete und auch einen von "Wielands" Vernehmern, den untersetzten Kluge, unter Vertrag hatte. Erst nach der Wende erfuhr Agent "Wieland", daß BfV-Kluge in Wahrheit der mit der Führung von Doppelagenten betraute Klaus Kuron war, der sich der HVA angedient hatte.
Kuron berichtete, noch ahnungslos, seinen neuen Auftraggebern als erstes vom Doppelspiel seines Zöglings "Wieland", während "Wieland" die Ost-Berliner arglos weiterhin über "Kluge" auf dem laufenden hielt.
Zur Erbauung der HVA komplettierte sich das Verwirrspiel, als 1985 auch noch Kluges Partner Tappert die Seite wechselte. Der Dicke war kein anderer als der für die DDR-Gegenspionage zuständige Hansjoachim Tiedge, dessen Verratsfall für das Kölner Bundesamt die bislang wohl größte Schlappe darstellte. So war das Trio von der Minibar endlich auf der gleichen Seite vereint.
Dabei blieb es auch nach der Wende. Während Tiedge noch flüchtig ist, sind Kuron und Moitzheim in zwei voneinander unabhängigen Prozessen zu zwölf und zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.
Kuron hatte der HVA und nach seiner Festnahme auch den westdeutschen Strafverfolgern gesagt, daß die Weitergabe der Nadis-Auskünfte nach Ost-Berlin von den Amtspräsidenten Richard Meier und Heribert Hellenbroich gebilligt worden sei.
Obwohl die amtliche Preisgabe von Daten und Dienstgeheimnissen nach dem Datenschutz- und auch nach dem Strafrecht mit Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren geahndet werden kann, hatten die Chefs an der Prozedur offenbar nichts Anstößiges gesehen.
"Das Spiel mit dem Gegner" sei als nachrichtendienstliches Mittel vom Gesetz gedeckt, glaubt ein hochrangiger Aktionsbeteiligter. So sieht es bislang wohl auch die Justiz. Sie hat die peinliche Affäre noch nicht aufgegriffen.
"800 Namen, das sind 800 Verstöße gegen die Persönlichkeitsrechte", empört sich "Wieland". Die Kölner Verfassungsschützer, findet er, "gehörten eigentlich auf die Anklagebank".

DER SPIEGEL 27/1993
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