05.07.1993

Unternehmen Berlin

Als die Großen Koalitionäre von Berlin beschließen, das Schiller Theater einzusparen, fehlen vorsätzlich zwei zentrale Gestalten - der schniegelglatte Klaus-Rüdiger Landowsky, 50, von der CDU und der krausköpfige Sozialdemokrat Ditmar Staffelt, 43. Am Ergebnis der Beratungen hätte ihre Anwesenheit nichts geändert. Für den Bestand des vom Wähler erzwungenen Bündnisses zwischen den Großparteien CDU und SPD aber sind ihre Absenzen unverzichtbar.
Denn wer könnte sich sonst aufregen und dem anderen den Schwarzen Peter in den Ärmel schieben? "Populistisch" schilt Staffelt die vagen Hinhalte-Appelle seines Kollegen Landowsky. Als "Befreiungsschläge" empfindet der solche Auswürfe. So geht es eben zu bei "geschäftsmäßigen Scharmützeln".
Nur so können die beiden Fraktionschefs in einem eingespielten Ritual von veröffentlichter Empörung bei unpopulären Entscheidungen ihre Parteien und ihre jeweilige Klientel bei der Stange halten.
Kultur? Gewiß, aber nur als Signal. Die Große Koalition in Berlin ist ein Bündnis zur Besitzstandswahrung. Ihr Ziel heißt: Wer viel hat, vor allem der Westen also, soll möglichst viel behalten.
Nun wird es eng. Im Reizklima der Sparzwänge scheint der Ton rauher zu werden - nicht nur zwischen den Parteien generell, sondern auch zwischen dem notorisch netten Gemütssozialisten Staffelt und dem jovialen Unions-Demagogen Landowsky, die bis dahin Geist und Technik der Großen Koalition in demonstrativer Eintracht vorgelebt hatten.
Persönlich reden sie noch immer so freundlich und wortgleich übereinander, als hätten sie eine Diskette verschluckt, die auf Anfrage Koalitionslyrik auswirft. "Grundehrlich" findet Landowsky den Staffelt, sowie "fair", "vernünftig", "verläßlich" und "undogmatisch". Wohingegen der Sozialdemokrat zu Landowsky ein "Grundvertrauen" entwickelt hat, weil er ihn als "fair", "vernünftig", "zuverlässig" und "relativ unkonventionell" erlebt.
Das ist Kalkül, versteht sich, das schwarz-rote Regierungsbündnis unter Eberhard Diepgen ist von Anfang an für innere Zerwürfnisse anfällig gewesen. Und mehr denn je stehen die beiden heimlichen Bürgermeister heute unter Zwillingszwang. Aber ist es nur Nützlichkeit, die zwei Politprofis so innig voneinander schwärmen läßt?
Natürlich sind es nicht die Inhalte und politischen Ziele, die eine absonderliche Gemeinsamkeit suggerieren. Da hat es auch früher schon mal Zoff gegeben. Es ist auch nicht der persönliche Lebensstil, der sie zusammenschweißt. Gegensätzlicher könnten sie sich kaum präsentieren - der Linke, der über Schafskäse mit Zwiebeln die Koalition und seinen Partner preist, und der Konservative, der beim Gegenloblied im eleganten schwarzen Ledersessel seines Bankboudoirs über Brust und rotseidenem Ziertuch die Hände faltet.
Daß der Sozi von der milden Sorte, der ausgleichende, freundliche, entgegenkommende Ditmar Staffelt, den Verbalrüpel Klaus-Rüdiger Landowsky überhaupt aushält, erscheint auf den ersten Blick befremdlich genug. Weich wirkt der SPD-Mann, eindringlich und werbend pflegt er zu reden - ein Genußmensch, der Konfrontationen meidet und immer "alle mit auf die Reise nehmen will". Schon wenn er das Wort "streiten" nur ausspricht, schiebt er reflexartig mit liebebettelndem Blick eine Grinsegrimasse hinterher: Ist ja nicht so gemeint.
Landowsky dagegen, so glatt und makellos gestylt er auch daherkommt, kokettiert herzhaft mit seinem Rabauken-Image. Er liebt es, als Kämpfer, Demagoge und Populist zu gelten: "Ich bin schließlich nicht gewählt worden, um der Nice guy der Stadt zu sein."
"Härte" ist eine seiner Lieblingsvokabeln. Wenn er kantig wirken will, schiebt er das Kinn vor, als spiele Lino Ventura den Meister Proper. Menschen durch eine Art Brutalcharme zu verblüffen bereitet ihm sichtlich Vergnügen.
In der politischen Auseinandersetzung ist er - etwa beim Thema Asyl - zu giftigen Ausfällen fähig, die Unions-Rechtsaußen Heinrich Lummer nicht überbietet. Landowksy: "Es kann nicht sein, daß ein Teil der Ausländer bettelnd, betrügend, ja, auch messerstechend durch die Straßen zieht, festgenommen wird, und nur weil sie das Wort ,Asyl' rufen, dem Steuerzahler auf der Tasche liegen."
Kann Staffelt, dessen Ehefrau aus Jugoslawien stammt, mit solchen Hetzereien leben? Inhaltlich natürlich nicht, sagt er. Schon bevor er sich unlängst mit der alternativen Abgeordneten Renate Künast, 37, zu einer privaten rot-grünen Liebeskoalition zusammenfand, fühlte sich der Sozialdemokrat "von der Lebensphilosophie her emotional mit den Grünen verbunden". Daß "der erbitterte Gegner CDU plötzlich unser Partner sein sollte", machte ihm nach der Wahl 1990 erheblich zu schaffen. Und wer hätte intensiver versucht, "Menschen auf übelste Art und Weise gegen uns in Position zu bringen" als "der Wadenbeißer" Landowsky?
Tatsächlich ist auch dem Unions-Mann die neue schwarz-rote Harmonie nicht nur angenehm gewesen. Ihm fehlt das Feindbild. Daß ihm das mit dem Zusammenbruch des Sozialismus abhanden gekommen ist, "hinterläßt eine große Leere", klagt er. Früher "war man Antikommunist, lebte auf der richtigen Seite, war relativ wohlhabend, und das Weltbild stimmte".
Jetzt managen die ungleichen Männer schon mehr als zwei Jahre lang gemeinsam "das Unternehmen Berlin", wie Staffelt es ausdrückt. Den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen - seit 31 Jahren mit Landowsky befreundet - leisten sie sich dabei als eine Art Aushängeschild.
Berlin-Nostalgie, Parteidisziplin und die Reduzierung von Politik auf schiere Machttechnokratie - die Kriterien der Dreieinigkeit, auf der die Große Koalition der Hauptstadt gründet, sind in den Selbstbeschreibungen ihrer Anführer schnell auszumachen. Sie ergeben ein aggressives Abwehrklima, das die scheinbaren Zwangszwillinge als Wahlverwandte kenntlich macht - als Ideologen des Status quo.
Beide sind stolz auf ihre Herkunft aus dem Kleinbürger-Kiez von Neukölln, der studierte Jurist und Banker Landowsky nicht weniger als der promovierte Historiker Staffelt.
Mit 19 Jahren traten beide ihren Parteien bei. Die nächsten Schritte erscheinen geradezu naturwüchsig in der Parteienlandschaft der alten Teilstadt: JU-Landesvorsitz und Parteigeneralsekretär für den Unions-Mann, Kreisvorsitz und Landesvorstand für den Sozi; Mandate im Abgeordnetenhaus verstehen sich von selbst.
Schon in jungen Jahren sind sie ausgebuffte Machttechniker. Ob sie nun direkt, trickreich und einschüchternd mit Druck arbeiten wie Landowsky oder schmeichelnd die eigene Nettigkeit instrumentalisieren wie der "subtil autoritäre" Staffelt, der diese Einschätzung dem verstorbenen SPD-Linken Harry Ristock verdankt - ohne Willen zur Macht wären beide nicht in ihren Schlüsselrollen.
Die Fähigkeit, politische Überzeugungen und moralische Prinzipien von den Erfordernissen alltäglichen Machtmanagements ablösen zu können, gehört dabei zu den wichtigsten Erfolgsmerkmalen.
"Genossen, macht daraus keine Grundsatzfrage", beschwor Ditmar Staffelt auf dem letzten Landesparteitag die Delegierten, die über den Bau eines Autotunnels durch den Tiergarten diskutieren wollten. Wörtlich benutzte der SPD-Vorsitzende die Formulierung, mit der CDU-Kollege Landowsky seine Partnertauglichkeit zu preisen pflegt: "Der Staffelt macht nicht aus jedem Problem eine Grundsatzfrage."
Derart pragmatische Bekenntnisse lassen beider Karrieren als Modelle erscheinen für den klassischen West-Berliner Politikstil - jene enge Verzahnung des Aufstiegs in Partei, Gesellschaft und Beruf, die den alten Parteien ein Image verläßlicher Zwielichtigkeit gesichert hat. Legal mag das sein, demokratisch einladend wirkt es nicht.
Neben dem "roten Filz", wie die Unions-Christen dieses System zu verteufeln pflegten, solange sie nicht teilhatten, wuchert inzwischen üppig der schwarze. Darum treffen, wenn sich Klaus-Rüdiger Landowsky und Ditmar Staffelt zum Koalitionsgespräch zusammensetzen, nicht nur die Fraktionsvorsitzenden von CDU und SPD aufeinander.
Nein, dann sitzt in der Person des selbständigen Rechtsanwalts Landowsky auch der Sprecher des Vorstandes der Berliner Hypotheken- und Pfandbriefbank am Tisch, der 1994 Vorstand einer geplanten Berliner Großbank wird. Zugleich ist der Aufsichtsrat der Berliner Revisions-AG, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Steuerberatungsgesellschaft anwesend, das Mitglied des Berliner Anwaltvereins, des Rundfunkrates, des Vorstandes der Karl-Hofer-Gesellschaft und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Vertreten ist durch Landowsky auch der Deutsche Städtetag und der Stiftungsrat der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.
Mitleid mit dem armen kleinen Sozi Staffelt könnte einen beschleichen angesichts dieser Verschwörung des kapitalistischen Großklüngels in einer Person - wäre der nur der promovierte Historiker und beurlaubte Abteilungschef der FTB Stahlbau-Fertigungstechnik GmbH Berlin, der zur Zeit hauptamtlich als SPD-Fraktionschef arbeitet. Aber auch Staffelt sitzt ja dort in vielfältiger Funktion - als Landesvorsitzender der Sozialdemokraten, als stellvertretender Aufsichtsrats-Vorsitzender der Genossenschaft für Wohnungs- und Bauwesen.
Er sitzt da zudem als Mitglied der IG Metall, der Arbeiterwohlfahrt, des Arbeiter-Samariter-Bundes, der Europa-Union Berlin, der Partnerschaft der Parlamente, der Europäischen Akademie e.V., des Fördervereins der Gustav-Heinemann-Gesamtschule, des Hauptausschusses des Deutschen Städtetages, des Stiftungsrates Preußische Seehandlung und ebenfalls der G-10-Kommission des Landes Berlin.
Filz pur, organisiert als Regierung - im Grunde, so behauptet die Grünen-Abgeordnete Renate Künast, werde die Millionenstadt Berlin von Staffelt und Landowsky allein regiert: "Wenn den beiden etwas nötig erscheint, dann kann kein Senator, kein Regierender Bürgermeister etwas dagegen sagen."
Daran hat sich nichts geändert, nur weil es beiden Großkoalitionären heute mehr Mühe bereitet, die jeweiligen Unmutsbekundungen in den eigenen Reihen aufzufangen. Wahr ist, daß das Feld der politischen Gemeinsamkeiten schmaler geworden ist. Aber das Verständnis der beiden Männer für die tagespolitischen Tricksereien des anderen hat damit nicht abgenommen.
Nicht "brüchiger", wie lokale Beobachter vermuten, sondern eingespielter erscheint der Machtmechanismus der Großen Koalition in Berlin, haltbar genug sogar bei individuellen Extravaganzen. Mag auch den CDU-Mann das private rot-grüne Chaos des Genossen Staffelt amüsieren; mag der auch verblüfft wahrnehmen, wie ungeniert der Diepgen-Freund Landowsky - "'ne Runde für die Ehre wäre auch nicht schlecht" - mit eigenen Bürgermeisterambitionen liebäugelt, die Machtkomplizenschaft der beiden bleibt intakt.
Noch ist Ditmar Staffelt ja dabei, wenn Klaus-Rüdiger Landowsky ihm zuzwinkert, daß es für Berlin "sowieso am besten wäre, wenn wir zwei die Stadt regieren".
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Als heimliche Bürgermeister *
verstehen sich die Berliner Fraktionschefs Ditmar Staffelt (SPD) und Klaus-Rüdiger Landowsky (CDU). Einträchtig halten sie die Große Koalition zusammen, die jetzt durch die Absicht, das Schiller Theater zu schließen, in Bedrängnis geriet. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen dient dem ungleichen Tandem als eine Art Aushängeschild. Zugleich sind die beiden Multifunktionäre ein Beispiel für den Berliner Filz, organisiert als Regierung.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 27/1993
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