13.07.1992

„Ich will endlich Kräne sehen“

Investoren stürmen Dresden, doch in der Planung für den Ausbau der sächsischen Landeshauptstadt herrscht Chaos. Ein selbstherrlicher Ministerpräsident und die in sich zerstrittene Stadtverwaltung können sich nicht einigen, in welchem Ausmaß das berühmte „Elbflorenz“ westlichen Kapitalgebern preisgegeben werden soll.
Wird Dresden zum Opfer seiner eigenen Attraktivität? Muß die Stadt, nach dem Inferno von 1945 und dem Grauen sozialistischen Wiederaufbaus, durch ein weiteres Martyrium?
Der sächsischen Hauptstadt, so befürchten einheimische Architekten, drohe der "schlimmste Angriff seit dem 13. Februar 1945" - sofern die Bauwut westlicher Investoren nicht in geordnete Bahnen gelenkt werden kann.
Dabei hat keine andere Stadt im deutschen Osten eine so gute Ausgangslage. Einerseits wirken der Mythos vom "Elbflorenz", der Ruhm der barocken Residenz, der Ruf der Kunststadt nahezu ungeschmälert fort. Andererseits sind weite Teile Dresdens unbebaut - insgesamt eine riesige Brache, die von einer übergreifenden Planung sinnvoll bestellt werden könnte. Doch daran hapert es. In Dresden herrscht Chaos. _(* Mit Brühlscher Terrasse, Ständehaus, ) _(Schloßturm und Hofkirche. )
Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) und der Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU) haben sich gegen den Dezernenten für Stadtentwicklung, Ingolf Roßberg (FDP), verbündet. Die Treuhand verhökert an Spekulanten ganze Areale, über die sie gar nicht verfügen kann. Wettbewerbe für empfindlichste Teile der Stadt finden isoliert, ohne gesamtstädtische Strategie, bei ungeklärten Eigentumsverhältnissen statt. Investoren bringen ihre Hausarchitekten und deren Modelle gleich mit.
Die Stadt wird aufgeteilt, obwohl völlig ungeklärt ist, wieweit historische Teile rekonstruiert, wie der Verkehr geführt, wie mit den Hinterlassenschaften der DDR umgegangen werden soll - und obwohl, dies vor allem, niemand weiß, was wirklich wem gehört.
Das müßte so nicht sein. Schon im letzten Sommer hat Dezernent Roßberg ein detailliertes "Planungsleitbild Innenstadt" vorgelegt und dazugehörige Einrichtungen angeregt: Beirat, Forum, Stiftung. Der 31jährige Roßberg wollte auch dem 62jährigen Landesvater klarmachen, daß eine andauernde wirtschaftliche Attraktivität Dresdens vor allem von der Qualität des Wiederaufbaus abhänge - und daß man nicht alles, am Ende die ganze Stadt, der Wirtschaft opfern dürfe.
Damit war der Bauplaner beim erklärten Wirtschaftsförderer Biedenkopf untendurch. Der Ministerpräsident ließ "höchstpersönlich die Puppen tanzen". Roßbergs Projekte wurden gestrichen, die Leitideen kamen ins Archiv. Freistaat und Landeshauptstadt reaktivierten, "zur zügigen Entwicklung und Förderung von Investitionen", den pensionierten Münchner Stadtbaurat Uli Zech - als Leiter einer "Projektgruppe" in einem "Lenkungsausschuß", an Roßberg vorbei.
Dresdens Oberbürgermeister Wagner, ein Informatiker aus dem Mecklenburgischen, beendete die "Negativdiskussion" mit dem klassischen Ausspruch: "Der Worte sind genug gewechselt, ich will jetzt endlich Kräne sehen!"
Eine Menge davon ragen seit geraumer Zeit über die ramponierte, grandiose und nun heftig bedrängte Schönheit der Elbkulisse - zwischen Brühlscher Terrasse und Semperoper, vor allem über das Schloß und die Ruine des Taschenbergpalais. Wenigstens über die Rekonstruktion der berühmtesten historischen Bauten und deren Nutzung halten sich auch bei Landesregierung und Stadtverwaltung die Meinungsverschiedenheiten in Grenzen.
Das Taschenbergpalais, nur noch in Rudimenten vorhanden, soll als Grandhotel der Kempinski-Kette wiedererstehen, mit Ladenpassage, Whirlpool und Ballsaal hinter Pöppelmanns Barockfassade, wobei die Rekonstruktion mit 250 Millionen und der Hotelausbau mit 90 Millionen Mark veranschlagt sind.
Das Schloß, einst Residenz Augusts des Starken, gehört dem Freistaat Sachsen und soll bis zur 800-Jahr-Feier Dresdens im Jahre 2006 als Bleibe für die Staatlichen Kunstsammlungen wiederaufgebaut sein, Kosten: rund eine Milliarde Mark.
Der Schloßturm, mit 100 Metern die höchste Erhebung im Elbpanorama und eines der Wahrzeichen der Stadt, trägt schon wieder seine Haube. Fehlt, als letzter Zacken in der Stadtkrone, nur noch der Turm der Frauenkirche - und auch für deren Wiederaufbau ließ sich, nach langem Für und Wider, bei den zuständigen Gremien eine Mehrheit gewinnen.
Gegen alle Einwände - etwa: daß es wenig sinnvoll sei, eine Kirche ohne Gemeinde zu errichten; oder: die Ruine und der Trümmerhaufen sollten als Mahnmal dienen - setzten sich der Trompeter Ludwig Güttler als Stiftungsvorstand und das Dezernat für Kultur und Tourismus durch: Die Kopie soll mit 160 Millionen Mark aus Spenden finanziert werden.
Zum Schluß wurde sogar ein so nüchterner Mann der Moderne wie der Architekt Günter Behnisch aus Stuttgart sentimental: Der 70jährige gebürtige Dresdner willigte ein, die Herstellung der Kopie zu planen.
Keine Mehrheit bei den Stadtoberen dürfte - nach anfänglich verlegen gezeigtem Interesse - ein anderes Vorhaben finden, das gleichfalls aus Spenden finanziert und in außerordentlich prominenter Lage angesiedelt werden soll: das als "mäzenatisch" angediente Engagement der Kölner Kunstsammler Rolf und Erika Hoffmann.
Dicht am Zwinger, in Der Herzogin Garten, soll der amerikanische Farbfeldmaler Frank Stella eine sogenannte Kunsthalle Dresden errichten, tatsächlich eine Ansammlung amorpher Pavillons aus Teflon und Polymerbeton in Technicolor, deren Folgekosten durch Mieteinnahmen von Büroflächen zu decken wären.
Befürworter begrüßten das krude Projekt als "Zeichen neugewonnener Freiheit", durchdrungen vom "Geist des Barock"; Gegner schmähten es als "postbarocke Napfkuchen und Käseecken" und als "stadtzerstörerische Persiflage des Zwingers". Der OB will es jedenfalls nicht verantworten. Als die Hoffmanns ihm jetzt ein Ultimatum stellten, entschied er: Die Stadt habe "Dringlicheres" zu tun.
Auch Landesfinanzminister Georg Milbradt (CDU) will andere "Prioritäten setzen" und eine "investorenfreundliche Gesinnung ausprägen": In Dresden werde zuviel über Kultur, aber zuwenig über Geld diskutiert. Klar, aus welchen Quellen er es sich erhofft: von den Banken.
Die großen Geldinstitute waren als erste da und optierten sofort auf alle strategischen Stellen der Innenstadt:
Die Dresdner Bank belegte den Altmarkt, den ältesten Platz, das historische Herz der Stadt; die Deutsche Bank sicherte sich den Neumarkt an der Ruine der Frauenkirche; die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank bekam den Postplatz; die Commerzbank meldete sich am Pirnaischen Platz an.
Die Herren der Dresdner Bank wollten den Verantwortlichen der Stadt "Orientierungshilfen für die anstehenden Investitionsentscheidungen" vermitteln. Sie finanzierten einen Workshop für Architekten und forcierten den ersten großen Wettbewerb. Den Bankern war es angeblich egal, welcher Vorschlag umgesetzt würde - wenn der Bau nur "unsere Belange berücksichtigt, dem Gesicht der Dresdner Bank entspricht" und "prononcierte Lage" zeige.
Am Ende hatte der Hamburger Großarchitekt Meinhard von Gerkan die Nase vorn, mit einem routiniert entworfenen Großkomplex ohne Beziehungen zum Umfeld. Die Veranstalter hatten den Wettbewerb durchgezogen, obwohl nur 20 Prozent des Areals im Besitz der Stadt sind.
Zwar wurde das Gerkan-Modell unter dem Druck der Bevölkerung verworfen. Doch nun bastelt eine städtische Planungsgruppe an einem eigenen Entwurf, und der Wirtschaftsdezernent Rolf Wolgast, ein Sozialdemokrat aus Hamburg, betont beharrlich, daß auf jeden Fall "die Bank baut" - ungeachtet der Tatsache, daß alte Dresdner Familienunternehmen wie das Kaufhaus Renner und die Konditorei Kreutzkamm alle Kaufangebote der Bank ausgeschlagen und Rückübertragungsansprüche angemeldet haben, selbst investieren und notfalls bis zur letzten Instanz gehen wollen.
Währenddessen klettern die Preise; ein Quadratmeter Altmarkt ist zur Zeit nicht mehr unter 16 000 bis 18 000 Mark zu haben. Und im Amt zur Regelung offener Vermögensfragen stapeln sich die Restitutionsansprüche: 40 000 sind es mittlerweile, bei einem Bearbeitungstempo von 100 im Monat.
Nicht anders als am umkämpften Altmarkt sieht es in der Prager Straße aus - wenngleich auch von dieser einstmals elegantesten Adresse nichts übriggeblieben ist: Die DDR hat die 14 bis 17 Meter schmale Geschäftsstraße zwischen Hauptbahnhof und Altmarkt in eine 68 bis 85 Meter breite Fußgängerzone verwandelt. Die Stadt will Teile davon als "Prager Platz" erhalten, andere Abschnitte dicht bebauen.
40 Investoren wollen hier insgesamt sieben Milliarden Mark anlegen, darunter Karstadt, Kaufhof, Hertie, C&A, die Dresdner Bank und die Philipp Holzmann AG. Ihren Plänen stehen 500 Rückübereignungsansprüche entgegen, auch von jüdischen Alteigentümern.
Um den Wirrwarr zu vollenden, funkt die Treuhand immer wieder mit dubiosen Grundstücksgeschäften dazwischen. So veräußerte sie das Kernstück des Ostra-Geheges, eine denkmalgeschützte Schlachthofanlage, an einen niederbayrischen Großmetzger - während die Behörden gerade erörterten, ob sie die verwilderte Auenlandschaft samt der Gebäudegruppe zu einem Volkspark, einem Gewerbegebiet oder einem Ausstellungszentrum ausbauen sollten.
Ihr bislang tollstes Stück in Dresden leistete sich die Treuhand mit der übereilten Vergabe von 1000 Metern Elbufer, quasi der Fortsetzung der Brühlschen Terrasse, an die Berliner Klingbeil-Gruppe, die auch gleich eine fertige Planung präsentierte, Verfasser: Meinhard von Gerkan.
Diesmal hatte der Hamburger Meisterplaner ein Kongreßzentrum in gewaltigen Dimensionen entworfen, eine monumentale Folge gleichförmiger Bauten, mit 15geschossigen Zylindern, Ladenpassagen und "Lusthäuschen". Dabei wollte er den denkmalgeschützten Packhof, eine frühe Stahlbetonkonstruktion des angesehenen Dresdner Stadtbaurats Hans Erlwein aus dem Jahre 1913, entkernen und mit einem Luxushotel auffüllen.
Die Stadt, die in dem Speicher die Sächsische Landesbibliothek unterzubringen gedenkt, legte Protest ein, erfolgreich - die Treuhand mußte den Deal mit Klingbeil rückgängig machen.
Nur selten nimmt ein Bubenstück hier ein so glimpfliches Ende. Vieles wird, nach bekanntem Muster vom westdeutschen Immobilienmarkt, wohl unwiderruflich verlorengehen.
So gilt Roßbergs Sorge auch der Dresdner Neustadt, die gleich hinter Biedenkopfs Amtssitz, einem bombastischen Bau der Jahrhundertwende am Königsufer, beginnt. Das Quartier blieb weitgehend erhalten, wenn auch in marodem Zustand; es vermittelt aber immer noch viel vom berühmten alten Dresden, der barocken Bürgerstadt und ihrem gestalterischen Reichtum.
Die Neustadt ist außerordentlich gefährdet; hier kaufen sich nicht nur Thurn und Taxis ein. Um- und Fehlnutzungen, zunehmender wirtschaftlicher Druck und steigende Mieten bedrohen noch intakte Funktionen: Die Leute fliegen raus.
Roßberg machte Biedenkopf gegenüber kein Hehl daraus, daß er es weder für sinnvoll noch für wünschenswert hält, wenn sich hier ein Regierungsviertel mit allen lästigen Begleitumständen herausbildet.
Mittlerweile erfüllen sich Roßbergs Befürchtungen rapide. Der Freistaat zieht einen Wettbewerb für die Planung des Regierungsviertels am Neustädter Elbufer vis-a-vis der Brühlschen Terrasse durch; die Verdrängung ist in vollem Gange. Überall in den schönen Straßen verschwinden barocke Bürgerhäuser unter Plastikplanen; Tafeln annoncieren ihre Umwandlung in Geschäftshäuser, deren Bauherren in München, Frankfurt oder Stuttgart wohnen. An anderen Gebäuden künden Messingschilder von der Flächennahme durch Kanzleien, Niederlassungen, Spekulanten - an einer einzigen Haustür 13 einschlägige Büros.
Auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung sagte der bekannte Globetrotter Lothar Späth (CDU), von seinem Parteifreund Bernhard Vogel als "Baumeister eines überaus erfolgreichen Landes" eingeführt: Die Menschen müßten hier ganz schnell "an jeder dritten Ecke ein Gerüst" sehen, sonst bräche die Stimmung zusammen. Er riet den Dresdnern, "draufloszufummeln", auch auf die Gefahr von Fehlinvestitionen. Späth: "Sie müssen hart am Rande von Gesetzesverstößen operieren."
Die Dresdner beherzigen den Rat. Bei der Grundsteinlegung für das Landtagsgebäude gleich hinter der Semperoper meinte Finanzminister Milbradt: Die Eigentumsfrage sei zwar noch nicht ganz geklärt, doch Sachsen schaffe nun einfach Fakten.
Fakten schafft auch die Asphalt-Fraktion: Ohne jegliche rechtliche Grundlage begann Tiefbauchef Reinhard Dietze (CDU) am Hauptbahnhof mit einem sinnlosen Tunnelbau - zwei Röhren für 160 Millionen Mark. Die Abgeordneten ließen sich beknien, die Torheit nachträglich abzusegnen, als schon die ersten Millionen verbaut waren. Roßberg: "Der größte Schwarzbau der Stadt."
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_197_ Dresden: Innenstadt
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* Mit Brühlscher Terrasse, Ständehaus, Schloßturm und Hofkirche.

DER SPIEGEL 29/1992
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