05.07.1993

DDR-VergangenheitChance für Stasi-Leute

SPIEGEL: Sie haben in Sachsen fast 10 000 politisch belastete Lehrer aus DDR-Zeiten aus dem Dienst gefeuert. Jetzt sprechen Sie davon, den Geschaßten wieder eine Chance zu geben. Woher der Sinneswandel?
NOWAK: Wenn ich aus Unachtsamkeit ein Kind angefahren habe, wird die entsprechende Eintragung nach einigen Jahren aus dem Strafregister getilgt - die Gesellschaft zeigt sich bereit zur Versöhnung. Mit ehemaligen Stützen des DDR-Regimes sollten wir nicht gnadenloser umgehen als mit Straftätern. Nach einer Karenzzeit von fünf Jahren bin ich bereit zu einer Art Generalamnestie für Menschen, die politisch verstrickt waren.
SPIEGEL: Wollen Sie auch die Unterdrücker von der Stasi freisprechen?
NOWAK: Es geht nicht um Freispruch, sondern darum, daß wir in der Gesellschaft keine Kaste von Aussätzigen schaffen sollten. Auch ehemalige Leute der Staatssicherheit müssen wieder eine Chance bekommen. Eine Grenze würde ich allerdings an der Stelle ziehen, wo jemand anderen Menschen konkret geschadet hat.
SPIEGEL: Haben Sie keine Zweifel an der fachlichen Qualifikation politisch belasteter DDR-Lehrer?
NOWAK: Partei und Stasi haben nicht die Schlechtesten als Funktionäre und Helfer genommen. Ich bin dafür, daß wir diese Leute nach Ablauf der Fünf-Jahres-Frist mit den gleichen Kriterien auf ihre Tauglichkeit für den sächsischen Schuldienst prüfen sollten wie alle anderen Bewerber.

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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