05.07.1993

JustizTreibgut im Meer

Kaum beachtet von der Öffentlichkeit, zieht sich der Prozeß gegen Honeckers Verteidigungsminister Keßler dahin.
Noch blasser, noch grauer als im Gerichtssaal wirkt der einstige DDR-Verteidigungsminister in seiner zerknitterten Kleidung im Knast. Dabei bemüht sich Heinz Keßler sichtlich um Haltung, als hätte er nie die Uniform ausgezogen. Doch die Besucherzelle im Haftkrankentrakt der Moabiter Justizvollzugsanstalt ist kein militärisches Hauptquartier und der Häftling Keßler kein General im Dienst mehr. Das Kommando hat hier der Wärter, und der befiehlt: "Nichts zum Prozeß, sonst breche ich ab!"
Wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr sitzt der General a. D. seit über zwei Jahren gemeinsam mit seinem ehemaligen Stellvertreter Fritz Streletz in Untersuchungshaft. Keßler schüttelt darüber den Kopf: "Wohin, bitte schön", fragt er in der Besucherzelle, "hätte ich denn flüchten sollen?"
In eine bayerische Berghütte vielleicht, wie es der Staatsanwalt bei einer Vernehmung vermutete? Da kann Keßler nur lachen: Er heißt ja nicht Alexander Schalck-Golodkowski. Außerdem, meint der Untersuchungshäftling ironisch, ginge das wohl schlecht, und schlägt sich dabei auf sein steifes Knie. _(* In der DDR-Volkskammer 1989. )
Der Prozeß gegen führende DDR-Funktionäre dümpelt nun schon wochenlang richtungslos vor sich hin. Heinz Keßler hat die Hoffnung aufgegeben, vor Prozeßende aus dem Knast herauszukommen. Seit den Richtern und Staatsanwälten der Hauptangeklagte Erich Honecker nach Chile abhanden gekommen ist und das Verfahren gegen Stasi-Chef Erich Mielke abgetrennt wurde, fühlt sich das Ex-Politbüromitglied der SED als letzter Sündenbock.
Tatsächlich braucht ihn die Justiz dringender denn je. Keßler ist der (vorläufig) letzte prominente Vertreter aus der Regierungsmannschaft des real nicht mehr existierenden Sozialismus auf der Anklagebank.
Der stille, graue, semmlige General a. D. ist als Kronzeuge nur bedingt tauglich. Erst relativ spät stieg er in den engeren Zirkel der Macht auf. 1985 wurde er Verteidigungsminister, im Jahr danach in das SED-Politbüro aufgenommen. Als Scharfmacher galt Keßler nicht, eher als leiser, manchmal kritischer Kopf.
Sein Dilemma ist nur: Man hat niemand anderen. Honecker ist in Chile, Ministerpräsident Willi Stoph todkrank, Stasi-Chef Erich Mielke sonderbar, Wirtschaftsboß Günter Mittag verhandlungsunfähig, Volkskammerpräsident Horst Sindermann längst verstorben und Honecker-Nachfolger Egon Krenz noch nicht einmal angeklagt.
Scheinbar klaglos fügt sich der Greis in die ihm zugedachte Hauptrolle. Ganz Militär, verfolgt er reglos den quälenden Fortgang des Prozesses. Nur manchmal, wenn das steif gewordene linke Bein und der verkrümmte Rücken allzusehr schmerzen, verzieht er kurz den Mundwinkel - bloß keine Gefühle zeigen. Auch in der Besucherzelle zähmt er verstohlen den Schmerz. Gegeben wird der ungebeugte Kommunist, der immer tapfer durch- und aushalten will, ein braver Parteisoldat im Schützengraben, dem die Klassenjustiz nichts anhaben kann. Nur bleibt seine Botschaft unbemerkt. Die Medien haben sich längst farbigeren Prozessen zugewandt.
Der alte Militär, der weder Wut noch Tränen kennt und sich keine Gefühlsausbrüche gestattet, ist mit sich im reinen. Selbst die heftigsten Anwürfe des zeitweiligen Nebenkläger-Vertreters Hanns-Ekkehard Plöger, der ihn einen "Schreibtischmörder" nannte, hat er ungerührt eingesteckt.
Plögers Tiraden und das anfängliche Mediengeheul haben ihm geholfen, sich nicht als Täter, sondern als Opfer zu fühlen. Keßler befindet sich im Knast und auf der Anklagebank erneut im Widerstand. Wie damals in der Nazi-Zeit, da er als junger Soldat schon frühzeitig zu den Russen überlief.
Während seiner Haftzeit hat Heinz Keßler die Feindbilder neu sortiert. Es sind die alten geblieben, nur kamen einige hinzu, der damalige Berliner Parteichef Günter Schabowski zum Beispiel. Oder Mittag, der einst allmächtige Wirtschaftslenker. Beide legt er mit einer geringschätzigen Handbewegung ab: "Kampfgefährten verrät man nicht."
Da bleibt der "glasklare Stalinist" (Schabowski über Keßler) im Gegensatz zu den Abtrünnigen auf Posten. Niemals würde er sich gestatten, über das Desaster einer Idee und den persönlichen Anteil daran öffentlich nachzudenken.
In der Besucherzelle ist es stickig geworden. Keßler pafft und schwitzt. Draußen im Anstaltshof tippelt Mielke seine Runden.
14 Tage hat Keßler darüber nachgedacht, ob er das Angebot der Anstaltsleitung annehmen soll, in eine "Stromzelle" umzuziehen. Davor hatte er 13 Monate in einer Buchte ohne Steckdose zugebracht und sich natürlich nicht darüber beschwert. Er selbst hätte nie einen Umzugsantrag gestellt, da würde er sich lieber die Zunge abbeißen.
Seit August vergangenen Jahres liegt Keßler nun im Krankentrakt des Moabiter Knasts. Ein Leistenbruch, der trotz Operation immer noch nicht ausgeheilt ist, machte die Verlegung notwendig.
Nein, er hat sich nie nach Vergünstigungen gedrängt, auch zu DDR-Zeiten nicht. In Wandlitz hat er nie gewohnt, und Verteidigungsminister wollte er auch nicht werden. Das habe letztlich Honecker, sein Freund aus alten FDJ-Zeiten, entschieden.
Der Untersuchungshäftling zögert mit seinen Erklärungen und mustert angestrengt die gefalteten Hände auf dem Tisch. Alles klingt ihm plötzlich nach Entschuldigung, wo er doch nur erklären will. Daß die Grenze und ihr Regime so sein mußten, weil zwei feindliche Gesellschaften voneinander getrennt werden mußten, würde er den Angehörigen der Mauertoten persönlich erläutern - wenn sie ihm denn zuhören würden.
Keßler bricht ab und schweigt. Er habe, sagt er schließlich, eine Position zu seinem Leben und zu der Zeit. "Ohne die wäre ich wie Treibgut im Meer."
Seine Augen haben plötzlich einen feuchten Schimmer. Der Wärter ist längst eingenickt. Verlegen suchen Keßlers Hände Halt. Sie finden nur den Tabak. Im dritten Jahr, so haben ihm Häftlinge erzählt, droht der Knastkoller.
5.45 Uhr in der Frühe, wenn seine beiden Mitgenossen in der Krankenzelle noch schlafen, steht der Untersuchungshäftling Keßler auf. Nach dem Frühstück und dem Hofgang beginnt sein Tagesprogramm.
Vormittags lesen - den Tagesspiegel, das Neue Deutschland, später dann Bücher. Hemingway hat er längst durch, Thomas Mann auch. Zur Zeit liest er Krimis und politische Literatur - die Memoiren Andrej Gromykos, des langjährigen sowjetischen Außenministers, zum Beispiel. Nachmittags schreibt er selbst.
Gewerkschaftsboß Harry Tisch hat während seiner Haftzeit mit den Zellengenossen gezockt. Keßler hilft ihnen, Anträge und Gesuche zu schreiben. Ab und zu wird er auch als Dolmetscher gebraucht, wenn etwa russische Häftlinge zum Anstaltsarzt müssen. Seine Zellenbewohner mögen den Promi, obwohl er manchmal mit ihnen im Streit liegt, weil ihn am frühen Abend das Fernsehgeplärr beim Studium marxistischer Blätter stört. Dem Ukrainer in seiner Zelle, der sich - an oder mit - einer zerbrochenen Glasscheibe die Pulsader aufgeschnitten hatte, rettete Keßler unlängst das Leben.
Von Hafttag zu Hafttag hangelt er sich scheinbar gleichmütig an seinem strengen Korsett. "Ansonsten wäre ich schon verrückt geworden", gesteht er ein. Sein Blick wandert hinaus in den Hof, wo Mielke noch immer seine Runden dreht.
Nur einmal, als er von den Anklägern erfuhr, daß der alte Kämpe Streletz als IM "Birnbaum" auch ihn im Auftrage von Mielke beschnüffelt hat, war er wirklich betroffen. Da wankte die Front. Der Feind stand jahrelang im eigenen Vorzimmer.
Lange hat er gezögert, die IM-Akte zu studieren. Er wollte einfach nicht enttäuscht werden. Aber dann hat er sie natürlich doch gelesen und angeblich mehr über "Birnbaum" als über sich selbst darin gefunden. Zumindest habe auch Mielke gewußt, daß "Streletz ehrgeiziger als ich war", kolportiert er lächelnd das Stasi-Konvolut. Daß ihn sein Vertrauter bei Mielke fälschlich als Trinker denunzierte, übergeht er geflissentlich.
Als Stasi-Opfer fühlt sich Keßler dennoch nicht. Auch wenn er Mielke, diesen "selbstherrlichen Intriganten", nie leiden mochte, gibt er ihm draußen beim Hofgang die Hand. Irgendwie gehören sie eben doch zusammen, als Täter und als Sündenböcke.
* In der DDR-Volkskammer 1989.

DER SPIEGEL 27/1993
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