05.07.1993

„Alles Gute aus Amerika“

Der Mann kündigt sich, mit süddeutschem Akzent, wie ein guter Freund an: "Ich heiße Ernst Zündel und komme zu Ihnen."
Es folgt eine halbstündige Radio-Tirade mit Begriffen wie "Asylbetrüger" und "Bonner Bonzenregierung". Bevorzugt wettert der Moderator über die "russischen, polnischen und litauischen Okkupatoren in Ostpreußen" und fordert "Wiederbesiedlung" durch Deutsche. "Alles Gute aus dem fernen Nordamerika", grüßt er zum Schluß.
Die militanten Töne verbreitet der deutsch-kanadische Nazi-Verleger Ernst Zündel, 54, weltweit - über einen leistungsstarken Satellitensender aus Nashville/Tennessee.
In Deutschland ist das Agitprop-Programm "Deutsche Stimme der Freiheit" über eine Kurzwellen-Frequenz seit 20. Juni klar zu hören.
Polit-Missionar Zündel ist ein führender Kopf der deutschen Neonazis, der eine "Internationale der Nationalen Kräfte" will. Sein Verlag in Toronto verbreitet Propagandamaterial, das den Holocaust an Juden im Dritten Reich leugnet. Zweimal stand der Nazi wegen Volksverhetzung vor Gericht.
Nun setzt der Alt-Ideologe auf grenzüberschreitende Medien. Für seine braunen Botschaften mietete sich der Ex-Kunstmaler für rund 15 000 Dollar pro halbe Stunde beim Veranstalter Worldwide Christian Radio (WWCR) in Nashville ein.
Dort kommen hauptsächlich religiöse Eiferer zu Wort. Auch Rechtsextremisten wie Zündel sind hoch willkommen. WWCR brachte Gegner so in Rage, daß die Anfang April das Sendergebäude anzündeten.
Rechtlich ist Zündels Radikal-Radio schwer zu stoppen. Die US-Rundfunkgesetze sehen eine Zensur nur bei Pornographie vor. Auch die deutsche Regierung ist machtlos. Für einen Einsatz von Störsendern wären die Länder zuständig.
Womöglich scheitert Zündel am Geld. In jeder Sendung bittet er um Spenden: "Die Unkosten sind bei weitem nicht gedeckt." Werbeeinnahmen sollen helfen: Eine Minute Reklame kostet 90 Dollar, Verbände und Gruppen zahlen 65 Dollar für eigene Kurznachrichten. In Deutschland treibt der Münchner Nazi-Yuppie Bela Ewald Althans, ein alter Zündel-Mitstreiter, Werbung ein.
Der rechtsextreme Clan bastelt an einem Kommunikationsnetzwerk. Gesinnungsgenossen seien so besser zu erreichen, Aktionen könnten blitzschnell abgesprochen werden.
"Der Rundfunk", verkündet Althans, "soll unser zentrales Medium werden." In den USA und in Kanada ist Zündels 30-Minuten-Hetze seit kurzem sogar auf dem Bildschirm: im Kanal "Showcase America", vom Satelliten Galaxy 3 verbreitet - als "erstes revisionistisches Fernsehen".

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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