05.07.1993

AutoindustrieNeue Gesichter

Weitere Unruhe bei VW: Konzernchef Piech feuert seinen Stellvertreter Goeudevert.
Ferdinand Piech, 56, ist bekannt dafür, daß er nicht gerade sanft mit seinen Kollegen umgeht. Seit der Porsche-Enkel im Januar dieses Jahres Chef des Volkswagen-Konzerns wurde, mußten bereits fünf Vorstandsmitglieder ihren Posten aufgeben.
Nun ist der sechste dran: Daniel Goeudevert, 51, scheidet Ende des Monats "im gegenseitigen Einvernehmen" bei VW aus.
VW-Manager wissen seit langem, daß zwischen Piech und seinem Stellverteter nicht Einvernehmen, sondern handfester Streit herrscht. Der technikbegeisterte Piech und der umweltbesorgte Goeudevert hatten lange um die Nachfolge des ehemaligen VW-Chefs Carl Hahn gerangelt.
Die Aufsichtsräte entschieden sich für Piech; ihm trauten sie eher zu, die Kosten des angeschlagenen Konzerns zu senken. Für Piech-Kenner war klar: Der neue Chef würde seinen Konkurrenten aus dem Unternehmen drücken. Ein Piech vergißt nie.
Im März verpflichtete der neue Chef den Basken Ignacio Lopez von General Motors. Seither präsentieren sich die beiden als Führungsduo; Goeudevert hatte keine Chance.
Ende des Jahres, so vermuteten VW-Manager, würde es soweit sein. Piech hatte den Führern der Konzernmarken Audi, Seat, Skoda und Volkswagen feste Vorgaben für die Kosteneinsparungen gemacht und angekündigt: "Entweder es stimmen die Zahlen, oder ich will neue Gesichter sehen."
Goeudevert, verantwortlich für die Marke Volkswagen, gab nicht auf. Der Franzose arbeitete verbissen und hatte gute Aussichten, zumindest besser abzuschneiden als einige seiner Kollegen.
Das Automobilgeschäft bricht bei Audi, wo Piech zuvor arbeitete, bislang wesentlich stärker ein als bei Volkswagen. Wenn die Marke VW zum Jahresende besser als Audi abschneidet, hätte Piech den Rauswurf Goeudeverts nur schwer begründen können.
Piech reagierte schnell. Er habe jegliches Vertrauen zu Goeudevert verloren, erklärte er dem Aufsichtsrat. Hinter manchem für Piech wenig schmeichelhaften Presseartikel vermutete er Goeudevert als Informanten.
Der Franzose, der seit Monaten Kontakte mit Journalisten ablehnt, konnte sich kaum wehren. Der VW-Aufsichtsrat nickt, wenn Piech ein Nicken erwartet. Europas größter Autokonzern ist so angeschlagen, daß nun, so glauben die Räte, nur eine Radikalkur hilft.
Im VW-Management wächst inzwischen die Nachdenklichkeit. Der neue VW-Chef mußte sicherlich viele Fehlentwicklungen beseitigen, er mußte auch manche Fehlbesetzung korrigieren.
Der sechste Rauswurf eines Vorstands in Folge aber ist nicht nur teuer: Goeudevert hatte noch einen Vertrag, der ihm viereinhalb Jahre jeweils mehr als eine Million Mark sicherte. Diese Aktion Piechs schafft auch Unsicherheit: Die Konzentration auf die Arbeit falle schwer, so ein VW-Manager, wenn man sich ständig fragen müsse: "Wer ist der nächste?"

DER SPIEGEL 27/1993
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