04.10.1993

FamilienunternehmenJeder gegen jeden

Im traditionsreichen Modehaus Gucci haben nun reiche Araber das Sagen. Der letzte Sproß der Gründerfamilie mußte gehen.
Vor wenigen Wochen noch gab sich Maurizio Gucci siegessicher. "Ich fühle mich wie Rocky Marciano", verglich sich der stets elegant gekleidete Chef des florentinischen Mode- und Luxuswarenhauses Guccio Gucci kürzlich mit dem grobschlächtigen ehemaligen Boxweltmeister. "In jedem Kampf war sein Gesicht blutverschmiert", so Gucci, "aber am Ende hat er immer gewonnen."
Bisher hatte Gründer-Enkel Maurizio die im feinen Haus Gucci üblichen Fehden, Finten und Intrigen alle überstanden. Er war das einzige Mitglied der Sippe, das sich in dem Familienunternehmen halten konnte.
Vergangene Woche kapitulierte jedoch auch der letzte Gucci. Nach langem erbittertem Streit mit einer arabischen Investmentgesellschaft, die den Guccis vor einigen Jahren bereits 50 Prozent des Aktienkapitals abgekauft hatte, trat Maurizio seine Unternehmenshälfte an den Gegner ab.
Die in Bahrein beheimatete Investcorp legt das Geld reicher Golfaraber an; sie kontrolliert fortan den Hersteller und Händler feinster Schuhe, Handtaschen sowie zahlreicher anderer modischer Accessoires.
Es war höchste Zeit für den Rückzug. Vom ständigen Hickhack gelähmt, konnte die einst hochprofitable Firma im August nur noch mühsam das Geld für die Löhne aufbringen. Eine kräftige Kapitalspritze der finanzstarken Araber ist dringend nötig.
Die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Gucci-Dynastie zeigt einmal mehr, daß der Niedergang eines Familienimperiums meist bereits dann programmiert ist, wenn der Gründer mehr als einen Sprößling hat. Im Streit um Macht und Moneten fallen dann manchmal schon die Kinder, spätestens jedoch die Enkel des Patriarchen übereinander her.
Das war bei den Nachfahren des 1953 gestorbenen Guccio Gucci nicht anders. Die zweite Generation vertrug sich noch halbwegs, die dritte aber befehdete sich mit einer höchst ungewöhnlichen Energie.
Nach dem Tod des Alten trieb Aldo, der energischste seiner Söhne, die Expansion der Firma in die USA und andere Teile der Erde voran. Als Hollywood-Stars wie Katharine Hepburn oder Grace Kelly den Chic von Gucci-Artikeln entdeckten, war der Weltruf der Marke gesichert.
Aldos Bruder Rodolfo, der in jungen Jahren unter dem Pseudonym Maurizio d'Ancora selbst Filmschauspieler war, begnügte sich mit der Juniorrolle im Konzernmanagement. Ein weiterer Erbe, Vasco, zog das beschauliche Landleben der Mitarbeit in der Familienfirma vor.
In den achtziger Jahren aber kämpfte in der Gucci-Sippe fast jeder gegen jeden. Aldos Söhne Giorgio, Paolo und Roberto bezichtigten Maurizio, den einzigen Sproß Rodolfos, nach dem Tod des Vaters im Jahre 1983 dessen Unterschrift gefälscht zu haben. Maurizio, so behaupteten die feindlichen Vettern, habe Eigentumsübertragungen rückdatiert, um Erbschaftsteuern zu sparen.
Tatsächlich verurteilte ein Gericht Maurizio deswegen einige Jahre später zu einer Gefängnisstrafe. Doch eine zweite Instanz sprach ihn frei.
Aldo-Sohn Paolo wiederum zog sich den Zorn der gesamten Familie zu, als er eine eigene Gucci-Firma gründen wollte. In allen wichtigen Absatzländern gingen die Florentiner vor Gericht, um Paolo daran zu hindern, den Mythos des Namens Gucci für eigene Zwecke zu nutzen. Die Paolo-Gegner obsiegten.
Der rächte sich, indem er Vater Aldo in den USA als Steuerhinterzieher anschwärzte. Mit Erfolg: Ein US-Gericht verhängte 1986 eine Haft- und Geldstrafe gegen den über 80jährigen Gucci-Veteranen.
Gegen Ende der achtziger Jahre schien endlich wieder Frieden ins Haus Gucci einzukehren. Entnervt verkauften Aldos Söhne ihre Anteile von insgesamt 50 Prozent an Investcorp. Vetter Maurizio war das recht.
Die Araber, die sich zuvor schon an so exquisiten Firmen wie den Juwelieren Tiffany und Chaumet beteiligt hatten, versprachen, sich auf die Rolle des "schlafenden Partners" zu beschränken. Im Gegenzug gelobte Maurizio, das exklusive Image der in den achtziger Jahren heruntergewirtschafteten Gucci-Marke wiederherzustellen.
Doch die Araber wurden ungeduldig, als die Sanierung des Unternehmens allzulange auf sich warten ließ. Sie warfen Maurizio vor, daß er total unfähig sei.
Die Partner zerstritten sich und zerrten sich in diesem Sommer gegenseitig vor Gericht. Doch diese Schlacht war für Maurizio nicht zu gewinnen. Mit einem Vermögen von etwa einer Milliarde Dollar hätte das arabische Finanzhaus einen langen, kostspieligen Rechtsstreit locker durchgehalten.
Dem Gucci-Erben ging es daher zuletzt nur noch darum, einen möglichst hohen Preis für seinen Anteil herauszuschlagen. Die Araber boten zunächst lediglich 50 Millionen Dollar.
Am Ende aber ersparte Investcorp dem Gucci-Sproß doch noch die Blamage, seine Firmenhälfte billiger abgeben zu müssen als die verhaßten Vettern. Mit 170 Millionen Dollar zahlten die Araber für Maurizios Anteil in etwa den gleichen Preis wie einst für die ersten 50 Prozent der Firma. Y

DER SPIEGEL 40/1993
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