05.07.1993

Ochsenfetzen mit Soße

Zur Premiere nahm Dagmar Haase, Chefin der Deutschen Service-Gesellschaft (DSG) der Bahn, den Mund reichlich voll: Karlsbader Sahnegulasch mit Spätzle. "Ganz köstlich", befand die Feinschmeckerin.
Die umstehenden Zuggäste im ICE Saphir konnten die Mahlzeit kaum fassen. Sie bekamen nichts ab. "Schweinerei", murrten die hungrigen Kunden, "wieder so eine Schnapsidee von der Bahn."
Die DSG-Obere nennt es "ein Experiment". Seit Donnerstag vergangener Woche gibt es für ICE-Reisende erster Klasse zwischen Hamburg und Basel nur noch dann ein Menü, wenn sie das Essen tags zuvor bestellt und bezahlt haben.
Seither herrscht Chaos in den Zügen. Bordstewards ahnen nicht, was sie servieren dürfen. Fahrgäste wissen kaum, was sie essen sollen.
Dabei haben sich die Eisenbahner auf den Tag X durchaus vorbereitet. Das Bordrestaurant im Superzug wurde eilig umgebaut. In der Mitte gibt es ein kleines Podest, darauf thronen vier lederne Sessel. Der einstige Speiseraum heißt nun Lounge.
Bei rechtzeitiger Vorbestellung könnten Gäste der ersten Klasse, so heißt es im Bahnprospekt, nunmehr einen "Am-Platz-Service" genießen. Geschultes Personal trage das Essen durch den Zug bis zum Kunden, das sei "fast so schön wie Frühstück ans Bett".
So gebe es etwa Ochsenfetzen mit Austernpilzen in Thymian-Sauce, dazu Altländer rote Grütze und ein Kaltgetränk gratis. Zum "Verwöhnpreis" von 25 Mark.
Was im Zug tatsächlich aufgetischt wird, bleibt zunächst unbekannt. Sicher ist nur, daß die Kost lau aufgewärmt in Plastikschalen angeschleppt wird.
Reisende sollten ihre Termine genau auf den Fahrplan abstimmen. Wenn sie den Zug verpassen, ist ihr vorbestelltes Essen auf Rädern enteilt.

DER SPIEGEL 27/1993
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