05.07.1993

TreuhandTäter und Opfer

Ein schwäbischer Unternehmer nahm seine Ostbetriebe aus. Und die Treuhand merkte nichts.
In Göppingen, seinem Heimatort, galt Wolfgang Greiner stets als solider Mittelständler. "Wer sagt, der Greiner sei immer schon ein krummer Hund gewesen, der lügt", meint Klaus-Peter Sturm, Betriebsratsvorsitzender in Greiners Firma Bellino.
Nun sitzt der schwäbische Unternehmer in U-Haft. Die Geschichte vom kleinen Unternehmer, der auszog, im Osten des Landes ein ganz Großer zu werden, ist zu Ende. Einige Firmen stehen vor dem Ruin, Hunderte von Arbeitsplätzen sind gefährdet, etliche Millionen verschwunden. Und auch Greiners Stammfirma Bellino befindet sich im Vergleich.
Der Fall des Mittelständlers, der die eigenen Grenzen nicht kannte, ist vor allem auch ein Fall Treuhand: Ohne tätige Mithilfe der Berliner Behörde wäre Greiner nicht so hoch gestiegen - und so tief gestürzt.
"Mir geht es darum, daß die Unternehmen drüben Erfolg haben", erklärte Greiner pathetisch, als er im Osten Firma um Firma kaufte. In Halle ließ er sich als Retter aus dem Westen feiern. Wolfgang Greiner träumte vom schnellen Aufstieg.
In den neuen Bundesländern fand der bullige Schwabe günstige Angebote. Zunächst kaufte er die Firma Ingenieurtechnik Halle. Die hatte die Entwicklungsingenieure, die er brauchte.
"Der Greiner hatte Konzepte, die überzeugten", erinnert sich Matthias Nauerth, Treuhand-Mitarbeiter in Halle. "Da liefen ganz normale Verkaufsgespräche mit einem soliden Schwaben."
Die Wertschätzung war gegenseitig und hatte Folgen. Die Privatisierer der Treuhand Halle sahen plötzlich die Chance, einen großen Teil ihres Firmenbestands bei Greiner abzuladen. "Der Druck auf die Treuhand-Manager, endlich fertig zu werden, hat da vielleicht eine Rolle gespielt", gibt Nauerth zu.
Greiner kaufte immer mehr Firmen, die nichts mit seinem traditionellen Arbeitsfeld Autoindustrie zu tun hatten. Größte Neuerwerbung der Bellino-Gruppe war im März 1992 die Firma Dampfkesselbau Hohenthurm (DH) bei Halle.
Bei den 587 Beschäftigten weckte der neue Besitzer große Hoffnungen. "Alle dachten: Jetzt geht's richtig los hier", sagt Betriebsrat Günther Schumann.
18 Millionen Mark wollte der Käufer in die Firma investieren. So stand es im Kaufvertrag. Doch es passierte nichts.
Statt dessen holte sich Greiner 1,65 Millionen Mark als Firmendarlehen, auf das DH-Arbeiterwohnheim nahm er eine Hypothek über 2 Millionen auf. In Hohenthurm präsentierte Greiner kein Unternehmenskonzept, nur windige Pläne. Er wollte ein Auto-Recycling-Zentrum bauen. Auf dem DH-Gelände sollten alte Autos zerlegt werden. Die aufbereiteten Teile sollten nach Südafrika gehen.
Schumann hielt das für Humbug. Mißtrauisch fragte der Betriebsrat bei Behörden, ob Greiner wirklich um die notwendigen Genehmigungen nachgesucht habe. Die wußten von nichts.
Der Betriebsrat wandte sich an die Treuhand. Doch für die war der Fall erledigt. "Privatisiert ist privatisiert", lautete die Antwort.
Fast zwei Dutzend Unternehmen und diverse Immobilien gehörten Greiner inzwischen. Er hatte gemerkt, daß Unternehmenskäufe bei der Treuhand kein Geld kosten, sondern Geld bringen. Jede neu erworbene Firma gab ihm Zugang zu neuen Firmenkonten.
Und Greiner brauchte dringend Geld. Die Geschäfte im Osten gingen schlecht, der Aufschwung blieb aus.
Im Westen lief es nicht besser. Die Ostabenteuer des Mittelständlers bekamen seiner Stammfirma schlecht. In Göppingen war Greiner kaum noch zu sehen. Die Geschäftsführer verließen das Unternehmen.
Bellino Göppingen rutschte immer tiefer in die Krise. "Zum Schluß wußte der Herr Greiner gar nicht mehr, wie es um diese Firma steht", sagt Betriebsrat Sturm.
Greiners neue Leidenschaft waren die Ostgeschäfte. "Da kaufte er mit Geld, das er nicht hatte, Firmen, die er nicht brauchte", ulkt ein Göppinger Unternehmerkollege.
In Ostdeutschland galt Greiner noch immer als großer Unternehmer. Am 6. April lud er zur Grundsteinlegung für die Mitteldeutsche Recycling AG nach Hohenthurm; Vorstände von Ford und Preussag flogen ein, auch Umweltminister Klaus Töpfer kam.
Doch Betriebsrat Schumann hatte keine Ruhe gelassen. Er wußte inzwischen, daß Greiner Gelder aus dem Betrieb abgezogen hatte. Die Banken, auch das hatte der Betriebsrat erfahren, räumten Greiner und der Bellino-Gruppe keine Kredite mehr ein. Der Unternehmer konnte die laufenden Gehälter nicht zahlen, denn die Konten waren leer.
Mitten in den Festakt platzte die Demonstration der DH-Belegschaft. "Wo ist das Geld?" - "Wo bleiben unsere Löhne?" stand auf den Plakaten. "Wir brauchen hier einen Investor, keinen Exvestor, der Geld rauszieht", sagte Schumann dem Minister aus Bonn.
Greiner kam ins Schwitzen. "Heute abend ist Geld da", versprach er. Die sächsische Bellino-Firma Stahl- und Maschinenbau AG (Stamag) überwies 1,2 Millionen Mark.
Daß Gelder aus Greiner-Firmen verschwanden, um Löcher in anderen Betrieben zu stopfen, gehörte inzwischen zu den Geschäftspraktiken des Mittelständlers. Eine schnell zusammengerufene Konferenz aller Bellino-Betriebsräte bestätigte: Investiert wurde nirgends, aber überall wurden Gelder abgezogen.
Insgesamt, so stellte sich später heraus, hatte Greiner mit unterschiedlichen Methoden 14 Millionen Mark aus den Unternehmen herausgeholt. Für einige Firmen entstanden existenzgefährdende Defizite.
Günter Lorenz, IG-Metall-Bezirkschef in Halle, nannte Greiner öffentlich einen Betrüger. Der klagte wegen Beleidigung und Geschäftsschädigung - und verlor. Für Greiners Geldschiebereien interessierte sich trotzdem niemand, keine staatliche Instanz und auch nicht die Treuhand.
Am 29. März erstatteten Schumann und Lorenz Strafanzeige wegen des Verdachts auf Betrug, am 22. Juni wurde Wolfgang Greiner verhaftet.
"Für mich ist der Greiner Täter und Opfer zugleich", urteilt der Göppinger Betriebsrat Sturm. "Ohne die Treuhand hätte der das doch gar nicht aufziehen können."
Auch der Ulmer Rechtsanwalt Michael Pluta, der den Vergleich der Bellino Göppingen abwickelt, wundert sich: "An den Greiner hätte die Treuhand eigentlich gar nicht verkaufen dürfen, weil die Bonität nicht da war." Es sei absehbar gewesen, daß Greiner seine Zusagen nicht würde einhalten können.
Den Treuhändern war das offenbar egal. Sie störte nicht einmal, daß Greiner längst fällige Kaufpreise nicht überwies. Das Geld für den Kauf der Feinmechanischen Werke Halle konnte Greiner nur aufbringen, indem er eine Grundschuld auf das Grundstück aufnahm. Ein eindeutiger Verstoß gegen Treuhand-Regeln: Ein Kaufpreis darf nicht aus dem Kaufobjekt finanziert werden.
Die Fehlerliste der Treuhand im Fall Greiner ist lang. In einem bisher geheimgehaltenen Zwischenbericht zum Fall Greiner zählt das Finanzministerium drei zentrale Versäumnisse der Breuel-Behörde auf: Das Bieterverfahren sei "unzureichend" gewesen, die Kaufpreisermittlungen seien "nicht nachvollziehbar" und eine Reihe von Verkäufen "unter Verkehrswert" erfolgt.
Den größten Flop leistete sich die Treuhand-Zentrale im Dezember 1992. Während bei der Treuhand Halle drei Mitarbeiter, die für die meisten Greiner-Verkäufe verantwortlich waren, entlassen werden mußten und die IG Metall ihre Befürchtungen an die Öffentlichkeit trug, verkaufte die Treuhand eine Perle der DDR-Wirtschaft, die Firma Stamag, an Greiner.
Die Firma hatte über 40 Millionen Mark liquide Mittel auf ihren Konten. Als Eigentümer begann Greiner sofort, das Geld an sein Firmenimperium zu verteilen. 7 Millionen Mark transferierte er an die Bellino, 1,2 Millionen an die Dampfkesselbau Hohenthurm, mit 2,15 Millionen Mark kaufte er ein neues Treuhand-Unternehmen, die Blechformwerke Bernsbach.
Nun sollen die Verträge angefochten werden, die Treuhand fühlt sich, so Sprecher Wolf Schöde, "arglistig getäuscht".
Wieso die Behörde an einen Interessenten verkaufte, der 6,4 Millionen Mark an zum Teil lange fälligen Kaufpreisen nicht bezahlte, kann die Treuhand allerdings nicht erklären.

DER SPIEGEL 27/1993
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