05.07.1993

IrakHerz des Bösen

Clintons Schlag galt dem Zentrum der irakischen Schreckensherrschaft. Die Geheimdienstführung entkam nur knapp.
Die Treffen werden immer kurzfristig angesetzt und finden etwa alle 14 Tage statt; sie beginnen frühestens um Mitternacht. Den genauen Tagungsort erfahren die Geladenen erst in letzter Minute. Ob die Hauptperson anwesend sein wird, bleibt offen - bis aus den Sprechfunkgeräten der Sicherheitsbeamten die Meldung "al-amm kadim" zu vernehmen ist: "Der Onkel kommt."
Nun nehmen die Versammelten Haltung an. Denn der Code signalisiert die Ankunft von Saddam Hussein: Iraks Präsident berät regelmäßig in nächtlicher Runde mit den Spitzenfunktionären seiner Geheimdienste die Lage.
Auch in den frühen Stunden des vorletzten Sonntags tagte Saddam mit der Geheimdienstelite - im Gebäude des "Obersten Rates für Staatssicherheit". Abteilungsleiter legten Rechenschaftsberichte vor. Das Routinetreffen endete kurz nach 1.30 Uhr, der Präsident und seine Gefolgsleute fuhren davon.
22 Minuten später brach ein Feuerzauber los, der Bagdad wie im Golfkrieg erbeben ließ. Überall in dem Gebäudekomplex schlugen Geschosse ein. Zwei amerikanische Kriegsschiffe, der Lenkwaffenkreuzer "Chancellorsville" im Persischen Golf und der Zerstörer "Peterson" im Roten Meer, hatten 23 Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert.
Während drei Cruise Missiles in einem angrenzenden Wohnviertel explodierten und acht Zivilisten töteten, trafen die anderen nach einem Flug von mehreren hundert Kilometern ihr Ziel: Sie zerstörten das Geheimdienst-Hauptquartier mitsamt Zentralcomputer, in dem Millionen von Spitzelinformationen gespeichert waren.
Wußten die Amerikaner, daß Saddam sich in jener Nacht dort aufhalten würde? Hatte der Angriff vor allem ihm gegolten? Oder war der Despot zufällig ins Fadenkreuz seiner Erzfeinde geraten - und wieder einmal mit Glück entkommen?
"Die USA haben unser friedliches Volk angegriffen", protestierte der irakische Rundfunk. Mehrmals in der vergangenen Woche heulten die Sirenen in Bagdad; nervöse Luftabwehrkanoniere feuerten in den Himmel. Zeitungen schmähten den kampfeslustigen Clinton als "arroganten Cowboy".
Der hatte sich mit dem Militärschlag dem für alle neuen US-Präsidenten offenbar unvermeidlichen Initiationsritus unterzogen und erstmals, ohne ausdrückliche Uno-Genehmigung, das Feuer auf Amerikas Lieblingsfeind freigegeben. Die Aktion gegen die Iraker unterstützten laut Umfragen zwei Drittel der Amerikaner.
Die rechtliche und politische Legitimation für den Angriff war äußerst dürftig. Clinton rechtfertigte das Bombardement als Selbstverteidigung gegen einen "bewaffneten Angriff". Die Iraker hatten angeblich geplant, den Golfkriegsherrn George Bush während seines Kuweit-Besuchs im April zu ermorden. 16 Angeklagte, darunter 11 Iraker, stehen deswegen noch in Kuweit vor Gericht.
Aber die Beweislage ist nicht eindeutig. Die Kuweiter haben schon oft Geständnisse durch Folter erpreßt und sind in der Vergangenheit als Propaganda-Lügner entlarvt worden: Eine junge Frau, die während des Golfkrieges gesehen haben wollte, wie irakische Soldaten kuweitische Babys aus ihren Brutkästen rissen, entpuppte sich als Tochter des kuweitischen Botschafters in Washington und hatte sich während der gesamten Besatzungszeit außer Landes aufgehalten.
Außer Kuweit, das noch immer vor Saddam zittert, unterstützte kein arabischer Staat Clintons Strafaktion. "Die US-Administration führt sich wie ein Untersuchungsrichter und Urteilsvollstrecker zugleich auf", tadelte die arabische Rechtsanwältevereinigung. Und Ägyptens Außenminister Amr Mussa wünschte sich, "die Amerikaner würden gegenüber den Verbrechen der Serben in Bosnien eine ähnlich unnachgiebige Position beziehen".
Das Ziel der eine Million Dollar teuren Marschflugkörper war sorgfältig ausgesucht und von hoher symbolischer Bedeutung: Mit dem Hauptquartier der Geheimdienste sollte das Herz von Saddam Husseins Unterdrückungsapparat getroffen werden. Der Gebäudekomplex gilt - wie einst die Lubjanka in Moskau - als Zentrum der vom irakischen Diktator ausgeübten Schreckensherrschaft. In den Kellern werden Hunderte Gefangene festgehalten und gefoltert.
Saddam hatte sich schon als junger Politiker in der oppositionellen Baath-Partei eine Art Geheimdienst von 200 mit Pistolen und Handgranaten ausgerüsteten Gefolgsleuten geschaffen. Diese Gruppe bildete nach der Machtübernahme der Partei 1968 die Keimzelle des Nachrichtendienstes Muchabarat.
Unter dem Präsidenten Hassan el-Bakr leitete Saddam viele Jahre den "Obersten Rat für Staatssicherheit". Weil er die Dienste kontrollierte, war er schon lange vor seiner Amtsübernahme 1979 der starke Mann im Irak. Sobald Saddam Präsident geworden war, machte er seinen Halbbruder Barsan el-Takriti zum wichtigsten Staatssicherheitschef.
In den folgenden Jahren besetzten stets Mitglieder des nach Saddams Herkunftsort benannten Takriti-Clans Schlüsselstellungen im Sicherheitsapparat, der zuweilen aus neun verschiedenen Diensten bestand.
Nicht immer galten sie im Westen als Reich des Bösen. Während des ersten Golfkrieges gegen den Iran des Ajatollah Chomeini 1980 bis 1988 lieferte Amerikas CIA den Irakern Satellitenaufnahmen von den Stellungen des Feindes. Bagdad wurde als Prellbock gegen die expansiven Fundamentalisten aus Teheran geschätzt. Der Bundesnachrichtendienst gewährte unter Klaus Kinkel den irakischen Kollegen gar Ausbildungshilfe und versprach, sie über die Aktivitäten von Exil-Gruppen zu unterrichten. Als Gegenleistung sollten die Iraker bei der Terroristenbekämpfung helfen.
Heute ist Saddams geheimes Netzwerk in zwölf Abteilungen aufgeteilt. Das M 1 (M steht für Maktab, Büro) soll die Arbeit der einzelnen Gruppierungen koordinieren: So überwacht M 6 die irakischen Studenten, M 7 ist für die Ermordung unliebsamer Opponenten zuständig, M 12 für Aktionen im Ausland.
Der geflüchtete ehemalige irakische Agent Mushir el-Dalimis berichtete, daß Saddams Geheimdienste rund 450 000 Personen beschäftigen. Dazu kommen noch dreimal so viele inoffizielle Mitarbeiter, eine erschreckende Zahl für das 18-Millionen-Einwohner-Land, das der irakische Autor Samir el-Chalil "Republik der Furcht" nennt.
Gegen den Führer dieser Republik und seine Kumpane bereitet die im Irakischen Nationalkongreß INC zusammengeschlossene Opposition im Exil ein Tribunal nach dem Vorbild der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse vor.
Ihrer Meinung nach wäre die Wirkung des Tomahawk-Angriffs am größten gewesen, wenn einige hohe Geheimdienstoffiziere ausgeschaltet worden wären. "Laßt doch die Amerikaner einmal eine ganze Sondersiedlung voller Geheimdienstleute in Asche legen, dann steht das ganze Volk auf und applaudiert", wünschte sich ein Exil-Iraker.

DER SPIEGEL 27/1993
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