20.04.1992

Aus den Notizen des Stasi-Agenten „Kurt“

Arndt Dobry hatte mächtig Eindruck gemacht. "Aus meiner persönlichen Sicht", notierte sein Gesprächspartner von der Stasi, "würde ich ihn als gewandten und versierten Außenhändler einschätzen."
Was Wunder. Dobry kam von einer Firma mit Weltruf: der schwäbischen Waffenfabrik Heckler & Koch (HK) aus Oberndorf. Und die soll in ebenso reger wie geheimer Geschäftsbeziehung mit dem SED-Staat gestanden haben.
Die jetzt entdeckten Notizen eines Stasi-Agenten mit dem Decknamen "Kurt" lassen vermuten, daß sich die DDR über Jahre mit West-Ware der Marke HK eingedeckt hatte.
So machte Stasi-Kurt 1989 im Auftrag des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski dem Kaufmann aus Schwaben ein aufschlußreiches Angebot: Die DDR-Waffenfirma Imes sei bereit, Platzmunition an Heckler & Koch zu liefern. Damit wolle Ost-Berlin einen Teil seiner Schulden bei HK abtragen - für frühere Sendungen der Schwaben in die DDR "in der Größenordnung von über 16 Millionen Mark".
"Prinzipiell", heißt es in dem Protokoll, "äußerte Herr Dobry die Möglichkeit der Aufnahme derartiger Geschäftsbeziehungen mit der Firma Imes."
Wenn der Kurt-Bericht stimmt, muß sich die Rüstungsfabrik vom Neckar auf ein massives Strafverfahren einstellen. Waffengeschäfte mit dem feindlichen Ostblock waren strikt verboten.
Das Verbot kümmerte offenbar - so ist aus den Stasi-Akten zu schließen - bei den cleveren Büchsenmachern kaum jemanden. Sogar das von HK-Technikern in 15 Jahren entwickelte legendäre Supergewehr "G 11" mit der hüllenlosen Munition ist nach neuesten Informationen über die Todesgrenze gelangt. DDR-Waffenspezialisten wie Heinrich Schulz, Geschäftsführer einer Munitionsfabrik im brandenburgischen Lübben, haben das von Stasi-Leuten besorgte Wundergewehr in den achtziger Jahren erproben können. Dabei galt die Entwicklung der Killerwaffe mit dem Hochrasanzgeschoß selbst im Westen als geheime Kommandosache.
Doch die Waffeneinkäufer von Imes sollen nicht nur in Schwaben erfolgreich gewesen sein, sondern in fast ganz Westeuropa. Die Firma, heißt es in einem Stasi-Vermerk von 1984, unterhalte "zur Zeit folgende stabile Beziehungen": "1. Firma Hirtenberger/Österreich, 2. Fa. Astra/Spanien, 3. Fa. Bofors/ Schweden, 4. Südkorea mit bzw. über Rosner/ Österreich".
Der schwedische Waffenkonzern Bofors habe ("obwohl Ausfuhrverbot"), "Pulver für Kalaschnikow-Munition an die DDR" geliefert. Die finnische Sevico Oy könne mit "zuverlässigen Kontaktpersonen" dienen.
Noch in den letzten Tagen der DDR sollte die niederösterreichische Firma Hirtenberger Schalck helfen, eine "eigene Produktionsstätte für Raketentreibmittel" aufzubauen. Im Gegenzug fertigten Schalcks Leute gefälschte Endverbleibzertifikate für die Waffenschiebereien der Österreicher nach Peru.
Gut im Geschäft mit Imes war auch Karl-Heinz Schulz aus der Nähe von Travemünde. Der Mann ist lizensierter Waffenhändler der belgischen Firma BEIJ-MA, Military Department.
Schulz pflegte seine Waffengeschäfte mit dem Osten auch nach der Wende. Im September 1990 kaufte er Panzer, Schiffe und Waffen für rund 60 Millionen Mark aus NVA-Beständen.
Jetzt hat er nur noch Ärger. Das seit der Vereinigung zuständige Bundesamt für Wirtschaft will das alte Kriegsmaterial nicht ausliefern.
So muß wohl demnächst um die alte Imes-Handelsware vor Gericht gestritten werden.

DER SPIEGEL 17/1992
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