05.07.1993

„Uns beschäftigt die doppelte Moral“

SPIEGEL: Der amerikanische Angriff auf Bagdad löste heftige Proteste in der arabischen Welt aus. Vor zwei Jahren noch feierten die meisten Araber den Einsatz der US-Bomber gegen den Irak als Heldentat. Warum der Sinneswandel?
ABD EL-MAGID: Amerika hat diesmal Gewalt angewandt, ohne vorher die Erlaubnis des Weltsicherheitsrats einzuholen.
SPIEGEL: Washington behauptet, in Übereinstimmung mit der Uno-Satzung gehandelt zu haben. Das Recht auf Selbstverteidigung ist dort ausdrücklich zugelassen.
ABD EL-MAGID: Selbstverteidigung, ohne daß eine Bedrohung vom Irak ausgegangen ist? Es ist befremdlich, daß der Angriff, zu dessen Opfern unschuldige Zivilisten gehören, zu einem Zeitpunkt erfolgte, als in Kuweit noch ein Prozeß gegen die mutmaßlichen Bush-Attentäter stattfand - das geht einfach nicht.
SPIEGEL: Präsident Clinton hätte also erst dann den Einsatzbefehl geben dürfen, wenn die Angeklagten schuldig gesprochen worden wären?
ABD EL-MAGID: Dann hätten wir jedenfalls eine andere Ausgangsposition gehabt. Daß wir solch eine Verschwörung als gefährlichen Terrorakt verurteilen würden, steht außer Frage. Aber selbst wenn sich die Anklage als stichhaltig erweisen sollte, wäre der von den Amerikanern bemühte Artikel 51 der Uno-Charta keine ausreichende Handhabe, um unvermittelt loszuschlagen. Auch das Recht auf Selbstverteidigung muß mit dem Sicherheitsrat abgesprochen werden.
SPIEGEL: Wird der Schlag Saddam Hussein wenigstens von weiteren Terroraktionen abhalten?
ABD EL-MAGID: Was uns Araber beschäftigt, ist die doppelte Moral, mit der internationale Probleme angegangen werden. In einigen Fällen hält man sich peinlich genau an die Beschlüsse des Weltsicherheitsrates; dann wieder werden Uno-Resolutionen kaum beachtet und nicht verwirklicht. Die Vorgänge in Bosnien sind dafür bezeichnend.
SPIEGEL: Die USA haben bereits in zwei anderen Mitgliedstaaten der Araberliga eingegriffen, in Somalia und in Libyen. Dagegen rührte sich so gut wie kein Protest.
ABD EL-MAGID: In Somalia handelt es sich ausdrücklich um eine Uno-Mission - um eine humanitäre Aktion in einem Land, in dem es keine staatliche Autorität mehr gibt. Dort ist die internationale Intervention, auch die Entwaffnung der zerstrittenen Fraktionen, geradezu eine Pflicht. Libyen ist ein anderer Fall.
SPIEGEL: Dort geht es auch um Staatsterror, um den Bombenanschlag auf die Pan-Am-Maschine über Lockerbie.
ABD EL-MAGID: Bisher ist nichts bewiesen. Die Arabische Liga bemüht sich, eine Verschärfung der gegen Libyen verhängten Boykottmaßnahmen zu verhindern.
SPIEGEL: Könnte Clintons Eigenmächtigkeit die Araber so erbittern, daß auch die arabisch-israelischen Friedensverhandlungen leiden?
ABD EL-MAGID: Das weiß ich noch nicht. Für den Frieden und die Stabilität in unserer explosiven Region brauchen wir ein starkes amerikanisches Engagement - allerdings ein positives. Sonst gibt es keinen Frieden.

DER SPIEGEL 27/1993
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