05.07.1993

„Standfest vor dem Feind“

Auch Tage nach dem Unglück kommen Bagdads Bürger noch immer ins Stadtviertel Mansur, um die "unglaubliche Tat der Amerikaner" (der Chefarzt Kamal Abdallah) mit eigenen Augen zu sehen. "Warum tun sie uns das an", klagt eine alte Frau, "der Krieg ist doch längst vorbei." Ein Mann verdammt den Schlag von US-Präsident Bill Clinton: "Haram, haram" - eine Sünde, ein Verbrechen.
Das vom Regime gelenkte Fernsehen berichtet über die Trümmer von Mansur, als wären alle Marschflugkörper dort niedergegangen und nicht nur drei Irrläufer. Selbst Mitte der Woche werden die Bilder noch minutenlang in den Hauptnachrichten gezeigt.
Mansur war immer "eine der besten Gegenden Bagdads", sagt der Mediziner Abdallah. "Kaum ein anderes Viertel war so grün, so ruhig und so sicher."
Lärm, Schmutz und Armut, die sonst das Bild der vom Uno-Embargo ausgelaugten Millionenmetropole prägen, fehlen in Mansur. Dort wohnt nur, wer es am Tigris zu etwas gebracht hat.
Wachposten vor den Villen der Bonzen halten ungebetene Besucher fern. Die Prominentensiedlung braucht Schutz, weil zwei wichtige Einrichtungen das Viertel eingrenzen.
Zur Rechten überragen die Antennentürme des Telekommunikationszentrums die Palmen von Mansur. Zur Linken ragen stacheldrahtbewehrte Mauern hoch, hinter denen sich das Hauptquartier des irakischen Geheimdienstes verbirgt.
Die Nähe zu diesen beiden strategischen Stützen des Staates, einst als Privileg geschätzt, hat das Viertel zur "Todeszone" (Abdallah) werden lassen. Abdallahs Nachbarschaft ist ein Trümmerhaufen.
Von dem Haus des Ingenieurs Fathallah el-Ankar hat eine Cruise Missile die vordere Hälfte weggesprengt und in den blühenden Garten einen fünf Meter tiefen Krater geschlagen. Daß alle elf Familienmitglieder unverletzt blieben, war reines Glück. Aufgeschreckt durch Explosionen in der Umgebung, rannten die Ankars kurz vor dem Einschlag neugierig auf die Straße.
Abdallah hat vergleichsweise geringen Sachschaden zu beklagen. Die mächtige Druckwelle ließ im Bungalow des Doktors etliche Fensterscheiben klirren; Splitter ruinierten das neue Mercedes-Coupe des Chefarztes und den BMW der Tochter.
Zwei Straßenzüge weiter richtete eine fehlgelenkte Rakete nicht nur Verwüstung an. Unter den Trümmern eines zerstörten Hauses starb gemeinsam mit ihrem Mann und einer Hausangestellten eine der bekanntesten Künstlerinnen des Iraks, die Malerin Leila Attar.
Zwei weitere Todesopfer forderte ein Volltreffer auf das Haus der Familie Keissi. Der Vater und das Baby waren auf der Stelle tot. Ob die schwerverletzte Mutter überleben wird, ist ungewiß.
Kaum Beachtung hingegen finden die Folgen der Einschläge auf dem Gelände des Geheimdienstes. Was die Marschflugkörper in ihrem planmäßigen Zielgebiet angerichtet haben, wird in Bagdad gehütet wie ein Staatsgeheimnis.
Fernsehaufnahmen und Fotos sind nicht gestattet. Aus Angst vor Mauerspähern dürfen die Dächer der angrenzenden Mansur-Häuser nicht betreten werden. Zweifelsfrei jedoch, soviel läßt sich ausmachen, haben die Geschosse die beiden Hauptgebäude schwer getroffen. Zumindest die oberen Stockwerke der massiven Bauten scheinen zerbombt, eine Hausecke ist wegrasiert.
Angaben über Tote und Verletzte auf dem Gelände werden verweigert; wahrscheinlich ist eine ganze Reihe von Mitarbeitern beim nächtlichen Schichtdienst ums Leben gekommmen.
Die Führung in Bagdad möchte trotz aller Verbitterung Gelassenheit demonstrieren. Seine gigantische Propagandamaschine läßt Staatschef Saddam Hussein nur mit gebremster Kraft laufen.
Die Künstlerin und Direktorin des Saddam-Kunstzentrums, Leila Attar, wird auf schwarzen Trauertransparenten vor ihrem Museum und in den Zeitungen zur "Märtyrerin" erhoben. Der Geheimdienstchef fordert in einem veröffentlichten Brief "Vergeltung" für den Anschlag. Und die Abendnachrichten bringen von Schlachtgesängen orchestrierte Beiträge über Truppenübungen im Süden des Landes.
Doch Regierungsfunktionäre spielen das als Seelenmassage für das Volk herunter und betonen Bagdads "guten Willen" zur Annäherung an Amerika.
Selbst die vom Saddam-Sohn Udeai herausgegebene Tageszeitung Babil, sonst schnell mit dem Aufruf zur "Mutter aller Schlachten" dabei, verkündet eher flau: "Das irakische Volk und die Regierung bleiben standfest vor dem Feind." Eine Umfrage des irakischen Fernsehens ergab, daß sich die meisten Bürger nach einer friedlichen Lösung des Konflikts sehnen. Vor kurzem wäre solche Meinungsforschung in Bagdad noch undenkbar gewesen.
Saddams Autorität haben die US-Attacken nicht sonderlich beschädigt. Das angebliche Mordkomplott des irakischen Geheimdienstes gegen Ex-Präsident George Bush "glaubt hier niemand", berichtet der Generaldirektor des irakischen Fernsehens, Feisal el-Jasri. Und auch der Chirurg Abdallah ist überzeugt, daß "jede Rakete uns nur noch näher zu Präsident Saddam treibt".
Weil Abdallah weitere Angriffe der Amerikaner fürchtet, sucht er bereits ein neues Grundstück - grün, ruhig und raketenfrei.

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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