05.07.1993

FrankreichVerlorene Revolution

Treffen zwischen Faschisten und Kommunisten - der „Nationalbolschewismus“ zeigt sich wieder.
Pulverqualm über Paris, es wird scharf geschossen, die Intellektuellen schlagen eine jener Schlachten, die sie so sehr lieben. Leider verlaufen die Fronten so verquer, daß sie die Geister verwirren und die Redaktionen erschüttern.
Etwa die von Liberation, der Tendenz nach der deutschen Taz vergleichbar. Da hatte sich Redaktionsmitglied Jean-Paul Cruse, Kommunist und für die kommunistische Gewerkschaft CGT im Aufsichtsrat der Zeitung, etwas Unglaubliches einfallen lassen: einen Appell "für eine nationale Front", eine "Allianz der Kommunisten mit der katholischen, nationalen, militärischen und maurassischen Rechten des Generals de Gaulle".
"Maurassisch" heißt: nach dem Vorbild von Charles Maurras, dem Ideologen der starken antidemokratischen "Action francaise" aus der ersten Jahrhunderthälfte, die niemanden fanatischer haßte als die Linken und von niemandem fanatischer gehaßt wurde als von ihnen.
Nun aber dies: Kommunisten und Ultrarechte in einer "nationalen Front". Das Gespenst "Nationalbolschewismus" des Deutschen Ernst Niekisch aus den dreißiger Jahren war auf die französische Bühne der neunziger getreten, und niemand hatte es so recht gemerkt.
Doch am 23. Juni, vom Canard enchaIne aufgerüttelt, gab die Pariser Presse Großalarm. Am 26. Juni erschien Le Monde mit dem Titel "Die nationalkommunistische Versuchung", am 29. Juni berichtete Liberation über "Die Weggefährten der nationalbolschewistischen Galaxie", am 1. Juli der Figaro über "Die befremdliche Doktrin der ,roten Faschisten'".
Natürlich hatte Cruse sein Manifest nicht in Liberation erscheinen lassen können. Gedruckt wurde es im verrücktesten Blatt der französischen Intelligenzija mit dem vielsagenden Namen L'Idiot international, dessen Chef Jean-Edern Hallier in Paris als so geartet gilt, wie sein Blatt heißt: als Wanderer zwischen allen ideologischen Welten.
Aus reichem Haus stammend und mit einer Milliardärin verheiratet, rühmt sich Hallier, stets kommunistisch gewählt zu haben. Für seinen Idiot international suchte er sich einen Chefredakteur namens Marc Cohen, der ebenso wie Cruse der KP angehört.
Halliers Spezialität ist eine tiefe Bewunderung für Fidel Castro, der den Franzosen empfing und ihm die Ehre eines Interviews gab. Gleichzeitig allerdings ist Hallier mit dem Rechtsradikalen-Boß Jean-Marie Le Pen befreundet, dem Teufel der französischen Kommunisten: "Ich habe viel Sympathie für Le Pen, er ist sensibel und menschlich. Ich müßte mich sehr zusammenreißen, nicht für ihn zu stimmen, wenn heute Präsidentschaftswahlen wären."
Auf den Spuren Halliers und dank dessen Vermittlung wollte Le Pen gar Castro besuchen - das Projekt scheiterte in letzter Minute am Protest von Le-Pen-Getreuen, die eine solche Wallfahrt ihres Gurus denn doch zu pervers fanden.
Hallier, Le Pen und Cruse zehren von gemeinsamer Kost. Hallier: "Der Zionismus wird sich vor der Geschichte als ebenso schwerer Fehler erweisen wie der Nazismus oder der Stalinismus, intellektuell ist er sogar noch abstoßender." Und für Cruse steht heute "die Größe der Nationen gegen die Balkanisierung der Welt unter dem Kommando der Wall Street, des internationalen Zionismus, der Frankfurter Börse und der Tokioter Gnomen".
Angesichts solch furchtbarer Gefahren mußte etwas geschehen. Also trafen sich im Pariser Kongreßzentrum Mutualite die linken Gesinnungsfreunde mit den rechten zum wärmenden Gedankenaustausch. Besonders pikant: Veranstalter war das streng orthodox-kommunistische Institut für marxistische Forschungen (IRM), dessen Chefin im Politbüro der KP sitzt. Und Stargast auf der Tagung war kein Wirrkopf wie Hallier, sondern der derzeit bedeutendste Ideologe einer rechtsautoritären Lebenswelt: Alain de Benoist, Mitglied des "Vereins der Freunde von Robert Brasillach" - ein Name, der die französischen Rechten elektrisiert.
Denn Brasillach, ein begabter, aber leider nazistischer Schriftsteller, hatte 1942 Sachen geschrieben wie: "Wir müssen die Juden en bloc loswerden und dürfen auch die Kinder nicht behalten." Wegen Kollaboration mit den Deutschen wurde Brasillach 1945 erschossen. Daß Benoist vor dem IRM auftreten durfte, wirkte wie eine Rehabilitierung Brasillachs - und die Kommunisten fanden offenbar nichts dabei.
Zum Dunstkreis von Brasillach gehörte seinerzeit auch ein Mann, der für den Nazismus nicht nur schrieb, sondern kämpfte, und den nun wieder Hallier bewundert: Jacques Doriot, Gründer der "Französischen Freiwilligen-Legion", die im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite im Osten kämpfte. Doriot war selbst ursprünglich Kommunist gewesen - und so erklärt sich, daß Hallier den Königsgedanken faßte: "Man muß Doriot mit (dem langjährigen KP-Chef Maurice) Thorez versöhnen."
Alles nur Schwachsinn? Die Gedanken zumindest von Cruse zeigen, wie tief die Irritation der Intellektuellen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und des Sozialismus in Frankreich ist. Cruse: "In Frankreich ist es mit der Linken vorbei. Für immer. Und das ist gut so", für ein Parteimitglied eine unerhörte Wahrheit.
Andererseits aber stürzt jede Annäherung an Benoist oder gar Le Pen parteitreue Kommunisten in Gewissensqualen. Als Benoist vor dem IRM mit vibrierender Stimme den Schlußakkord setzte: "Allein die Wahrheit ist revolutionär; niemand hat Eigentum an der Revolution", applaudierten die Kommunisten begeistert - als ob sie das Eigentum an der Wahrheit nur zu gern verloren hätten.
Das Wehklagen war groß, als der Canard enchaIne die rechtslinken Verstrickungen enthüllte. Wochenlang wand sich die KP, bevor das Parteiblatt l'Humanite die Kontakte indirekt zugab, aber nur unter gleichzeitiger Beteuerung, daß Rot immerdar der eingefleischte Feind von Braun bleibe.
Liberation wollte den Missetäter Cruse loswerden, doch der räumte seinen Schreibtisch nicht. Und auch Hallier wollte seinen Chefredakteur Cohen loswerden, doch der räumte seinen Schreibtisch im Idiot international ebenfalls nicht.

DER SPIEGEL 27/1993
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