05.07.1993

AserbaidschanRote Socke

Machtkampf in Baku: Es geht um neun Milliarden Dollar für das Öl Aserbaidschans.
Der junge Mann sei der Garant für Bürgerfrieden und für wirtschaftlichen Aufschwung, er werde vom Volk geachtet und sei zudem kluger Geschäftsmann und erfahrener Militär - so lobte ihn der Alte im Parlament Aserbaidschans. Gejdar Alijew, 70, empfahl seinen "Nationalhelden" im Befreiungskampf gegen Armenien für den Posten des Premierministers: Oberst Surat Husseinow, 34.
Mehr als zwei Drittel der 51 Abgeordneten dieses moslemisch geprägten Staats kürten folgsam den Gepriesenen am vorigen Mittwoch zum neuen Regierungschef und statteten ihn mit der geforderten Machtfülle aus: Armee, Polizei und Staatssicherheit hören nun auf Husseinows Kommando.
Die aserischen Volksvertreter, die bislang mehrheitlich Anhänger der demokratisch orientierten Volksfront Aserbaidschans waren, hatten erst wenige Tage zuvor Alijew zum neuen Parlamentsvorsteher und amtierenden Präsidenten bestellt - einen Mann, der bislang als rote Socke verschrien war: Alijew, seit seinem 19. Lebensjahr Geheimpolizist und schließlich Aserbaidschans KGB-Chef, hatte 13 Jahre lang das Land als Führer der örtlichen Kommunisten beherrscht.
Danach war er KGB-Leiter in Moskau geworden und Mitglied des Politbüros, bis Gorbatschow ihn 1987 feuerte. Nun gelang ihm in der Heimat die Rückkehr an die Macht, im Bund mit seinem Favoriten Husseinow.
Der war Direktor einer Wollfabrik, machte mit dem privaten Verkauf von gehorteten Beständen ein Vermögen und zog in den Krieg mit Armenien um die Exklave Berg-Karabach. Das zahlte sich jetzt aus.
Die Regierung in Baku enthob Husseinow im Mai seines Kommandos, als Sündenbock für die verheerenden Frühjahrsniederlagen an der Karabach-Front, und versetzte ihn ins Zivilleben: Er sollte im Rang eines Generaldirektors den staatlichen Wollkonzern leiten.
Oberst Husseinow aber verweigerte den Gehorsam und verschanzte sich mit 300 von ihm hoch besoldeten Kämpfern sowie reichlich Waffen und Beratern der russischen Garnison in der Provinzstadt Gandscha, wo er die alte Sowjetfahne aufzog.
Die Regierungstruppen, die am 4. Juni den Rebellen festsetzen wollten, wurden von einem vernichtenden Granathagel empfangen. Es gab 68 Tote und über 200 Verwundete. Den Generalstaatsanwalt und mehrere Minister nahm der Obrist als Geiseln und forderte den Rücktritt der gesamten Führung Aserbaidschans.
Gemeint war der vom Volk gewählte Präsident Abulfas Eltschibej, 55, ein Menschenrechtler, den KP-Chef Alijew einst ins Straflager gesteckt hatte. 60 Prozent der Aserbaidschaner gaben dem Islam-Gelehrten vor einem Jahr ihre Stimme.
Eltschibej zeigte gegenüber dem Putschisten Husseinow Milde, amnestierte die Aufrührer und entließ hastig Premier wie Parlamentschef. Husseinow aber nannte unnachgiebig den Staatschef einen Verbrecher, der sich nur mit Waffengewalt an der Macht halte, und machte sich mit Panzern und Kanonen auf seinen kurzen Marsch nach Baku.
Der hart bedrängte Abulfas Eltschibej erkannte schnell, wer hinter Husseinow stand. Weil der Präsident sich geweigert hatte, Aserbaidschan der GUS anzuschließen, aber Verbündete in der Türkei sowie im Iran suchte, sorgte Moskau sich um seine strategische Südflanke und boykottierte Aserbaidschans Exportgüter: Baumwolle, Aluminium und Obst.
Im Krieg um Berg-Karabach unterstützte die Regierung in Moskau insgeheim die christlichen Armenier. Hunderttausende Aseri sind seither auf der Flucht.
Eltschibej setzte seine ganze Hoffnung darauf, mit Westhilfe das Erdöl zu erschließen, das im Kaspischen Meer vor Aserbaidschans Küste lagert - mutmaßlich vier Milliarden Barrel, beinahe ebensoviel wie die ägyptischen Reserven.
Gegen Husseinow wollte er sich ausgerechnet mit seinem früheren Peiniger, dem Altkommunisten Alijew, verständigen. Er hievte ihn als Krisen-Manager in das Amt des Parlamentsvorstehers und trat ihm auch "einen Teil der Präsidentenvollmachten" ab.
Doch der erfahrene Intrigant Alijew arrangierte sich lieber mit Husseinow. Eltschibej flüchtete in sein Heimatdorf Kjalaki in der Exklave Nachitschewan. Die Inauguration des Obristen und des KGB-Generals verfolgte er am Fernsehapparat und beklagte einen "militärischen Staatsstreich, gelenkt von einer dunklen Macht".
Tatsächlich versucht Rußland wie schon zuvor in Georgien und Tadschikistan immer ungenierter, Moskaufreundliche Führungen in den unabhängig gewordenen Nachbarrepubliken zu installieren.
Der russische Botschafter in Baku kritisierte den Volksfront-Präsidenten Eltschibej ständig in aller Öffentlichkeit. Verteidigungsminister Pawel Gratschow verhandelte mit Husseinow-treuen Militärs und warnte die Türkei vor allzu großem Engagement in Baku: Bei einem Besuch in Ankara im Mai riet er, die Hände von "unserem" Aserbaidschan zu lassen.
Alijews Comeback wurde in Moskau umgehend als "Chance für den Frieden am Kaukasus" begrüßt. Der alte Politbürokrat, jubelten Jelzins Genossen, sei ein "moderner Politiker", der viele Verdienste habe um die Entwicklung Aserbaidschans. Alijew hatte jahrelang Aserbaidschan russifiziert, die Opposition verfolgt, fast alle Moscheen geschlossen.
Kaum war er an die Macht zurückgekehrt, nannte er Eltschibej einen "tragikomischen Mann" und kündigte neben Lohnerhöhungen eine "Verbesserung der Beziehungen zu Rußland" an. Und dann machte er deutlich, warum Eltschibej gestürzt wurde, ohne viel Federlesens:
"Im nationalen Interesse" legte Alijew einen Kontrakt mit einem westlichen Konsortium auf Eis. Tage vor seiner Flucht hatte Eltschibej in London mit acht Ölkonzernen unter Führung der BP einen Vorvertrag zur Ausbeutung der Ölfelder im Kaspi-Schelf unterschrieben. Die ausländische Mammutinvestition von neun Milliarden Dollar hätte Aserbaidschan zum Wohlstand geführt.
Eltschibej wollte zum Zorn Moskaus auch noch eine Pipeline durch den Iran und die Türkei zum Mittelmeer bauen, an Rußland vorbei. Das wird Alijew - und mit ihm Husseinow - zu verhindern wissen.
"Alijew ist der Politiker, ich bin der Mann fürs Militärische", sagt der neue Regierungschef und fügt dunkel hinzu: "Ich bin der Geist aus der Flasche."

DER SPIEGEL 27/1993
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