05.07.1993

„Dann fliegt alles in die Luft“

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, die Serben sagen gern: Gott im Himmel und die Griechen auf Erden sind unsere einzigen Freunde. Trägt Griechenland zum Entstehen eines großserbischen Reichs auf dem Balkan bei?
MITSOTAKIS: Keineswegs, wir glauben auch nicht, daß ein großserbisches Reich entstehen soll. Das akzeptieren wir nicht. Fundament unserer Politik bleibt die Forderung nach Beibehaltung der ursprünglichen Grenzen. An Grenzen darf man nicht rühren, schon gar nicht auf dem Balkan, sonst gerät hier alles ins Rutschen. Der Grundsatz der Unverletzlichkeit der Grenzen gilt auch für die administrativen, inneren Grenzen im einstigen Jugoslawien, wenngleich die seinerzeit unter Tito willkürlich gezogen worden waren.
SPIEGEL: Immerhin haben Sie mehr Verständnis für die serbischen Interessen gezeigt als andere.
MITSOTAKIS: Unsere Völker sind seit Generationen Freunde, wir waren Alliierte in beiden Weltkriegen. Gewiß haben _(* Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Olaf Ihlau, Wolfgang Kaden und Kostas ) _(Tsatsaronis. ) wir mehr für die Serben übrig als etwa Sie Deutsche.
SPIEGEL: Sie haben als Friedensmakler in den EG-Runden, zuletzt beim Gipfeltreffen in Kopenhagen, nicht nur um Verständnis für Serbien geworben, sondern auch stets einem entschlosseneren Vorgehen gegen die serbischen Aggressoren entschieden widersprochen.
MITSOTAKIS: Aber wir haben doch recht gehabt. Unsere Politik war die einzig realistische . . .
SPIEGEL: . . . mit dem Ergebnis, daß der großserbische Frieden in Bosnien den Moslems nur noch ein Vegetieren in Indianerreservaten gestattet.
MITSOTAKIS: Als Deutschland alles mögliche für die frühzeitige Anerkennung von Bosnien-Herzegowina tat, warnte ich vor einer Tragödie, vor dem Bürgerkrieg. Heute akzeptieren alle, daß wir damit richtiglagen.
SPIEGEL: Vorgeprescht waren die Deutschen bei der Anerkennung Kroatiens und Sloweniens mit dem Ziel, die serbische Kriegsmaschinerie durch verstärkten internationalen Druck zu stoppen. Bei Bosnien haben andere gedrängelt . . .
MITSOTAKIS: . . . auch die Deutschen waren da mit von der Partie. Es wäre besser gewesen, sich statt dessen für einen jugoslawischen Staatenbund einzusetzen.
SPIEGEL: Slowenen und Kroaten waren schwer zu überzeugen, an einem solchen Unternehmen mitzuwirken, während die Serben das kroatische Vukovar vernichteten und Dubrovnik beschossen.
MITSOTAKIS: Gut, das mit der Anerkennung von Slowenien und Kroatien wäre noch gegangen. Aber auf keinen Fall durfte das bei Bosnien mit seinen drei Volksgruppen geschehen. Dies kostete Zehntausende das Leben, obwohl klar war, daß letztlich eine politische Lösung gefunden werden mußte. Serbenführer Milosevic sagte mir damals, er werde sich notfalls mit 45 Prozent des bosnischen Territoriums zufriedengeben. Milosevic war bereit zu verhandeln.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich eigentlich nicht von Milosevic düpiert? Der hat Sie doch ausgenutzt in seiner Doppelstrategie, möglichst lange zu verhandeln und dabei militärische Fakten zu schaffen.
MITSOTAKIS: Warum werfen Sie das nur den Serben vor? Sie sind nicht gerecht. Gilt derselbe Vorwurf dann nicht auch für Kroaten und Moslems?
SPIEGEL: Die Moslems sind nun wirklich eindeutig die Opfer.
MITSOTAKIS: Sie wollen nur die Übel der einen Seite sehen. Selbstverständlich sind die Serben keine Engel, sie haben viel Schlechtes getan. Aber das gilt für andere auch.
SPIEGEL: Den Moslems, einst die stärkste Volksgruppe Bosniens, bleibt jetzt nur noch ein Leben in den Zoos von Schutzzonen, die nicht überlebensfähig sind.
MITSOTAKIS: Hören Sie mal, in der Politik muß man praktisch sein. Es gab keine andere Lösung.
SPIEGEL: Zumindest zeitweise stand eine begrenzte militärische Intervention zur Debatte. Hätten sich mit einem Marschflugkörper-Angriff wie jetzt von den Amerikanern in Bagdad nicht auch die serbischen Artilleriestellungen um Sarajevo ausschalten lassen?
MITSOTAKIS: Ich habe nie an die Möglichkeit einer militärischen Lösung geglaubt. Wer sollte denn da mitmachen? Die Deutschen konnten das wegen ihrer Verfassungsauflagen nicht. Die Amerikaner wollten sich nicht reinziehen lassen, und auch sonst stand keinem der Sinn nach militärischer Intervention. Blieb allein die politische Lösung. Darum geht es jetzt.
SPIEGEL: Also um die Dreiteilung Bosniens. Und wie lange wird der geplante Staatenbund Bestand haben? So lange, wie es den Serben paßt?
MITSOTAKIS: Ich sehe keine andere Möglichkeit als diese Dreiteilung. Das müssen die Volksgruppen aushandeln, und wenn es Jahre dauert.
SPIEGEL: Die ethnischen Säuberungen und Vertreibungen werden demnach nicht mehr rückgängig gemacht?
MITSOTAKIS: Natürlich wird es auch künftig in Bosnien gemischte Siedlungsgebiete geben. Auf eine klare ethnische Trennung zu setzen wäre Irrsinn. Wir haben uns überall in den Städten und Ländern des Balkans vermischt, die Leute müssen zusammenleben.
SPIEGEL: Aber jetzt geschieht doch das Gegenteil: Die Leute werden gewaltsam getrennt.
MITSOTAKIS: Dreiteilung heißt nicht, daß die Angehörigen anderer Volksgruppen umgesiedelt werden. Auch im eigentlichen Serbien gibt es Siedlungsgebiete der Moslems. Das wird so bleiben. Im übrigen: Die Serben kommen mit den Moslems besser zurecht als die Kroaten. Ich jedenfalls werde alles tun, daß die Schwächsten, und das sind die Moslems, im Rahmen einer politischen Lösung gerecht behandelt werden.
SPIEGEL: Wir riskieren die Prognose, daß der Dreiteilung Bosniens bald die faktische Zweiteilung folgen wird; und danach werden die Sieger, Kroaten und Serben, übereinander herfallen in der nächsten Runde des Balkan-Kriegs.
MITSOTAKIS: Ich hoffe, daß Sie sich irren. Wir müssen alles tun, daß es nicht dazu kommt.
SPIEGEL: Für Jugoslawiens einstigen Dissidenten Milovan Djilas geht es in diesem Krieg weniger um einen ethnischen oder religiösen Konflikt als um die verspätete Schaffung von Nationalstaaten auf dem Balkan, in denen es für starke Minderheiten keinen Platz mehr gibt.
MITSOTAKIS: Das akzeptiere ich ganz und gar nicht, und ich werde dagegen kämpfen. Denn das würde zu einer Katastrophe ohne Ende führen. Nationale Minderheiten müssen überall geschützt und gleich behandelt werden.
SPIEGEL: Das läßt Ihr Freund Milosevic aber für die Albaner in der serbischen Provinz Kosovo nicht gelten.
MITSOTAKIS: Ich habe Milosevic schon oft gesagt: Du kannst nicht mehr verlangen für deine Serben in der kroatischen Krajina, als du bereit bist den Albanern im Kosovo zu geben. Und er weiß, daß er das tun muß.
SPIEGEL: Bislang tut er es nicht, im Kosovo herrscht serbische Polizeirepression.
MITSOTAKIS: Auch er wird die Rechte nationaler Minderheiten akzeptieren müssen, denn sonst kommt es im Kosovo zur Explosion. Dann fliegt alles, der ganze Balkan, in die Luft . . .
SPIEGEL: . . . was schließlich auch Griechenland in den Schlamassel ziehen könnte wegen Mazedonien und der griechischen Minderheit im Süden Albaniens.
MITSOTAKIS: Ja, am Ende sind vielleicht auch wir Griechen dran. Deshalb darf an die Prinzipien der Unverletzlichkeit der Grenzen und der Respektierung von Minderheitenrechten nicht gerührt werden. Natürlich dürfen auch die orthodoxen Griechen in Albanien nicht behelligt werden.
SPIEGEL: Da haben Sie jetzt mit der Deportation Tausender Albaner, die sich illegal in Griechenland aufhielten, ein Warnsignal gegeben.
MITSOTAKIS: Ich habe von Tirana mehrmals verlangt, den Aufenthalt der über 100 000 illegalen Albaner bei uns zu legalisieren. Ich weiß, daß Albanien von Griechenland lebt. Aber dieser Zustand kann nicht auf unbestimmte Zeit fortgesetzt werden. Immer wieder müssen wir Druck ausüben.
SPIEGEL: Da Sie mit Milosevic befreundet sind - wie ist dieser Mann, der vielerorts mit Hitler oder Saddam Hussein verglichen wird, denn nun einzuschätzen?
MITSOTAKIS: Ich habe generell Probleme mit Ex-Kommunisten, die plötzlich als Demokraten auftreten. Milosevic ist kein Engel, aber auch kein Teufel. Er ist ein starker Führer und ein Mann, der Geschichte schreiben will. Man kann mit ihm reden, sich mit ihm verständigen. Das verstehen inzwischen auch weite Kreise im Westen. Es gibt zu Milosevic derzeit keine Alternative.
SPIEGEL: Verhandlungsbereit wurde Milosevic erst, als es so aussah, daß die Amerikaner militärisch eingreifen würden.
MITSOTAKIS: Sicher. Ich bin auch der Meinung, daß die Serben unter Druck gesetzt werden müssen, jedenfalls mit Sanktionen. Endziel kann aber nur sein, daß wir uns mit den Serben verständigen. Wir können weder Milosevic noch elf Millionen Serben in der Mitte des Balkans ignorieren.
SPIEGEL: Wie geht es jetzt weiter? Die Pandora-Büchse der ethnischen Vertreibungen und Grenzveränderungen ist aufgesprungen. Muß dies nicht zu einer Kettenreaktion führen?
MITSOTAKIS: Ich halte mich lieber an ein optimistisches Szenario. Das Wichtigste ist, den Krieg in Bosnien zu einem Ende zu bringen. Ob das ein oder zehn Jahre dauert, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Pessimisten rechnen schon mit einem 30jährigen Krieg auf dem Balkan.
MITSOTAKIS: Ich bleibe Optimist: Wir verhandeln, ich bin in ständiger Verbindung mit Milosevic und dem bosnischen Serbenführer Karadzic. Wenn alles gutgeht, werden wir vielleicht eine zweite Jugoslawien-Konferenz in Athen veranstalten. Nach Bosnien muß das Problem Kosovo gelöst werden. Die Albaner dort müssen verstehen, daß sie sich nicht von Serbien abspalten können.
SPIEGEL: Warum eigentlich nicht? 90 Prozent der Kosovo-Bewohner sind Albaner.
MITSOTAKIS: Weil wir eben die Grenzen respektieren müssen, und die Serben den Kosovo, ihr historisches Herzland und Mekka, niemals abtreten werden. Bleiben wir realistisch.
SPIEGEL: Welche Rechte sollen dafür die Kosovo-Albaner erhalten?
MITSOTAKIS: Milosevic und die Serben müssen akzeptieren, daß sie dem Kosovo Autonomie geben, wie sie auch von den Serben in der kroatischen Krajina beansprucht wurde. Setzen wir das nicht durch, kriegen wir nicht den 30jährigen, sondern den 100jährigen Krieg.
SPIEGEL: Das bedeutet dann aber auch, daß Kroatien jenes Viertel seines Territoriums zurückerhält, das derzeit von serbischen Truppen besetzt ist.
MITSOTAKIS: Selbstverständlich, wenn man die Grenzen respektiert, müssen die Serben sich aus Slawonien zurückziehen.
SPIEGEL: Jetzt sind Sie aber sehr optimistisch, in der Büchse der Pandora blieb nur die trügerische Hoffnung zurück.
MITSOTAKIS: Ich sehe keinen anderen Ausweg, die Alternative wäre der Wahnsinn eines unendlichen Kriegs. Wir Griechen haben gegen die Deutschen gekämpft, ich saß als Todeskandidat zweimal in deutschen Gefängnissen. Alles das ist längst vergessen. Wenn man im Leben nicht vergessen kann, ist alles verloren.
SPIEGEL: Der Nationalismus, der sich auf dem Balkan überall hochschaukelt, hat im Disput um Mazedonien auch die Griechen infiziert.
MITSOTAKIS: Ja leider, aber wir hoffen, mit unserem Nachbarn zu einer verantwortungsvollen und einvernehmlichen Lösung zu kommen.
SPIEGEL: Innenpolitisch bringt der Streit um Mazedonien Ihre Regierung in Bedrängnis, zwingt Sie vielleicht zu vorgezogenen Neuwahlen. Wird Konstantin Mitsotakis womöglich auch ein Opfer der Balkan-Wirren?
MITSOTAKIS: Das ist nicht ausgeschlossen, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich.
SPIEGEL: Herr Mitsotakis, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Auf eine klare ethnische Trennung zu setzen wäre Irrsinn"
"Milosevic ist kein Engel, aber auch kein Teufel"
"Am Ende sind vielleicht auch wir Griechen dran"
[Grafiktext]
_112_ Krisenregion Balkan
[GrafiktextEnde]
* Das Gespräch führten die Redakteure Olaf Ihlau, Wolfgang Kaden und Kostas Tsatsaronis.
Von Ihlau, Kaden und Tsatsaronis

DER SPIEGEL 27/1993
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