05.07.1993

Ein treuer Hüter des Glaubensschatzes

Der Beamte Gottes mußte sich schon "Gotteslästerung" vorwerfen lassen. Zehntausend christliche Seelen demonstrierten lautstark vor dem Dom ihres Oberhirten in der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten und forderten den Rücktritt des 115-Kilo-Prälaten (Spitzname: "Fleischlaberl Christi"). Eine Petition soll den Papst bewegen, seinen "selbstherrlichen" Bischof abzuberufen.
Doch Kurt Krenn blieb über all dem Aufruhr gelassen, verglich sich selbst mit dem, der ans Kreuz geschlagen wurde. Nur der liebe Gott, allenfalls der Papst könne ihn seines Amtes entheben. An Verzicht denke er nicht. Er sieht offenbar eine solide Sitzfläche als Grundausstattung apostolischer Persönlichkeiten an.
Weniger stark gebaut ist Johannes Oppolzer, 61, allseits beliebter Seelsorger in Krenns Klerus. Sein Rücktritt als St. Pöltener Dompfarrer brachte die lange brodelnde Verärgerung der Katholiken gegen ihren Bischof zum Kochen. Ständiger Zank mit dem Chef, so Oppolzer, unter anderem wegen der Zulässigkeit von Ministrantinnen beim Dom-Gottesdienst, hätten eine Weiterarbeit sinnlos gemacht.
Der unchristlich arrogante Führungsstil Krenns ist es denn auch, der seit der Einkleidung des umtriebigen Theologen ins bischöfliche Violett (1987 in Wien) die Gemüter der österreichischen Katholiken erregt. Salbungsvoll in der Sprache, beinhart in der Personalpolitik, verkörpert der reaktionäre Glaubenshüter einen Starrsinn, der den alpenländischen Katholizismus, unter Kardinal König (seit 1985 in Pension) an Liberalität gewöhnt, an den Rand einer Kirchenspaltung gebracht hat.
Penetrant stichelt Krenn gegen progressive Priester, saumselige Kirchenjournalisten und kritische Theologen. Weil er dabei so schön hinterfotzig sein kann, treiben seine Auftritte im Fernsehen die Einschaltquoten hoch. Ohne ihn wären Kirche und Religion in Österreich längst kein Tagesthema mehr.
Alle diese Provinzpossen verdecken einen Konflikt, der weitaus prinzipieller ist als der Streit um autoritäres Gehabe, pfäffisches Wesen und die richtige Einstellung zu herzigen Maderln im Meßdienergewand. Denn der scharf denkende Krenn stellt, unverdrossen und immer wieder, die Wahrheitsfrage.
Die katholische Wahrheit, auf der Krenn beharrt, läßt sich nur dann kritisieren, wenn der Grundkonsens der römischen Kirche verlassen wird. Abgeschlossen wurde die Mitteilung dieser Wahrheit laut kirchlicher Lehre mit dem Tod des letzten Apostels. Hinterlegt ist sie im sogenannten Depositum fidei, dem Glaubens-Tresor. Neue Pretiosen können seither dem Schatz der göttlichen Offenbarung nicht mehr hinzugefügt werden.
Alles, was der Mensch zu seinem Heil wissen muß - über das ewige Leben, die päpstliche Unfehlbarkeit, Mariä Himmelfahrt, die Abtreibungsfrage, das Priesteramt, die Entstehung der Welt -, ist längst deponiert. Man braucht nur nachzugucken und daran zu glauben.
Völlig konträr dazu verhält sich der Wahrheitsbegriff moderner Wissenschaft. Wiederholbarkeit der Experimente, Überprüfbarkeit der Behauptungen, Falsifizierbarkeit der Theorien gelten als unumstößliche Voraussetzungen verbindlicher Wahrheitsfindung. Was diesen Kriterien nicht entspricht, wird als irrational ausgeschieden.
Deshalb besteht die katholische Wahrheit in den Industriegesellschaften nur noch geduldet fort, wie in einem Reservat für gefährdete Arten. Jede Disziplinlosigkeit in Glaubensdingen, das weiß Krenn, bedroht die Geschlossenheit eines Systems, das seinem Wesen nach zutiefst totalitär ist. Seinen theologischen Gegnern wirft Krenn zu Recht vor, diesen Sachverhalt zu vernebeln.
Die Alternative zu Krenn, eine "offene Kirche", wie von den Demonstranten in St. Pölten gefordert, stünde theologisch auf wackligen Beinen. "Unüberbietbar" hat der Groß-Theologe Karl Rahner (gestorben 1984) die katholische Wahrheit genannt. Solche Vollmundigkeit paßt mit dem Prinzip Offenheit, von Sir Karl Popper 1945 gegen die kommunistische Welthälfte in Stellung gebracht, nicht zusammen. Wer über letzte, höchste, konkurrenzlose Wahrheiten gebietet, kann sich gegenüber anderen Wahrheiten nicht öffnen.
Ein gegenteiliges katholisch-theologisches Konzept ist bislang nicht vorgelegt worden. Es müßte die Tradition der christlichen Lehre mitsamt den Kirchenvätern, den alten Konzilien, der scholastischen Theologie revidieren. Vor so einer Konsequenz schrecken auch progressive Theologen zurück.
Dennoch gibt es, vor allem unter den aktiven Katholiken und keineswegs nur in St. Pölten, einen zunehmend lockeren Umgang mit dem Glaubensdepot. An der leiblichen Auferstehung Christi beispielsweise halten in Deutschland nur noch 54 Prozent der katholischen Christen fest, die mindestens einmal im Monat zur Kirche gehen.
Alle Umfragen der letzten zehn Jahre zeigen, daß nur noch eine Minderheit der Praktizierenden in allen wesentlichen Punkten des Glaubens und der Sitten mit den lehramtlichen Festlegungen übereinstimmt. Auf mehr als zehn Prozent der Aktiv-Katholiken können Krenn und seine Mitstreiter nicht zählen. Der harte katholische Kern ist geschrumpft. Die offene Kirche ist im Kommen. Die dazu passende Theologie muß wohl nachgeliefert werden.
Für Krenn aber ist das alles des Teufels. Für ihn und den Vatikan droht eine Deprogrammierung des Glaubens, ein totaler Identitätsverlust. Gegen die Erosion der katholischen Wahrheit ist deshalb weltweit ein päpstlich befohlenes Planspiel im Gang.
Zufall war es deshalb wohl nicht, daß seit 1986 zwischen Wien und Feldkirch eine Riege von Bischöfen installiert wurde, die wie von Rom aus ferngesteuerte Automaten wirken, ohne die Spur eines persönlichen Gedankens. Neben Krenn sind das der Erzbischof von Wien, Hans Hermann Groer, der Erzbischof von Salzburg, Georg Eder, und der Bischof von Vorarlberg, Klaus Küng. Zu ihnen stieß 1991 der theologisch versierte Dominikanerpriester Christoph Schönborn, dem nachgesagt wird, er sei der heimliche Chefredakteur des umstrittenen Weltkatechismus, der jetzt auch auf deutsch erschienen ist.
Fünf Hardliner in sieben Jahren - ein bißchen viel für ein kleines Land mit einem bislang eher undogmatischen Katholizismus.
Nun knirscht es in der Kirche, St. Pölten wird nicht zur Ruhe kommen, solange Krenn dort die Gläubigen triezt.
Das wahrscheinlichste Szenario sieht so aus: Nach einer Atempause wird der starrsinnige Bischof nach Rom abkommandiert, auf einen Kurienposten, wo er das Fußvolk nicht mehr verprellen kann. St. Pölten erhält dann, wie unlängst das Burgenland, einen moderateren Bischof, und der Haussegen in der Diözese hängt wieder gerade.
Bis dahin wird auch klar sein, wie fortgeschritten die schwere Krankheit Johannes Pauls II. ist. Der Pontifikat des polnischen Papstes hat eine Endphase erreicht, und damit ist auch das rigorose Konzept einer ideologisch fest geschlossenen Kirche gefährdet. Schwierige Zeiten für Kurt Krenn und Betonköpfe seines Schlages.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Als Aufpasser *
des Papstes wurde Kurt Krenn, der in Regensburg Theologie gelehrt hatte, 1987 nach Wien entsandt. Um einen streng Rom-treuen Kurs bemüht sich Krenn, 57, auch seit seiner Berufung zum Bischof von St. Pölten im Juli 1991 - mit einem autoritären Führungsstil, der ihm den Widerstand seiner Diözese, aber auch Kritik von anderen Bischöfen eintrug. Inzwischen haben fortschrittliche Gläubige und Kleriker das "erste kirchliche Volksbegehren" zur Abberufung des ungeliebten Bischofs eingeleitet. Der Wiener Theologe Adolf Holl, 63, wurde 1976 vom Priesteramt suspendiert. Er gilt als einer der prominentesten Rebellen gegen Rom.
Von Adolf Holl

DER SPIEGEL 27/1993
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