05.04.1993

„Der Mensch verschwindet“

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926 bis 1984), dessen Studien über die gesellschaftliche „Produktion von Diskursen“ den Strukturalismus mitbegründet haben, war privat ein Sexual-Desperado. Als exzessiver Liebhaber hat er den Aids-Tod geradezu gesucht - das enthüllt US-Autor James Miller.
Er war die Sphinx der Postmoderne: Seinen Lesern gab er immer neue Rätsel auf. Zugleich schlug er sie mit seiner Intelligenz, seiner enzyklopädischen Bildung und seinem blendenden Stil in Bann.
Den französischen Philosophen Michel Foucault faszinierten die der Vernunft entgegengesetzten Möglichkeiten des Menschen: Wahn und Terror, Lust und Qual, Begierde und Raserei.
Kahlgeschoren, bebrillt und von einer ironischen Aura umgeben, wurde der Gelehrte, der Philosoph, der Vortragsredner Foucault in der Alten und Neuen Welt wie ein zwitterhaftes Fabelwesen bestaunt: halb Buddha, halb Mephisto.
Im Juni 1984 löste die Nachricht vom Tod des gerade 57jährigen in Foucaults internationaler Gemeinde einen Schock aus. Bald schon wurde über die wahren Ursachen spekuliert, die das nebulöse ärztliche Bulletin eher verdeckte als offenbarte. In einigen Zeitungen war von Krebs die Rede, andere machten eine mysteriöse Blutvergiftung für das frühe Ende des Philosophen verantwortlich.
Erst allmählich verbreitete sich die Gewißheit, daß Michel Foucault, der aus seiner Homosexualität kein Hehl gemacht hatte, zu den frühen Opfern von Aids gehörte.
Ein 1990 erschienener Schlüsselroman von Herve Guibert schildert die letzten Monate des Philosophen und den "herrischen Gleichmut", mit dem "Muzil" alias Foucault dem Tod entgegensah. Aber weder dieses skandalumwitterte Werk noch die 500 Seiten starke Biographie des französischen Foucault-Verehrers Didier Eribon konnten erklären, was für das Verständnis des extremen Denkers wahrscheinlich entscheidend ist: Theorie und Praxis, die sadomasochistische Sexualität und der Aids-Tod des Michel Foucault waren unauflöslich miteinander verbunden*.
Eben dieser Nachweis ist nun dem jungen New Yorker Professor James Miller in seinem genau recherchierten und aufregenden Buch "Die Leidenschaft des Michel Foucault" gelungen**. ** James Miller: "The Passion of Michel Fou- _(cault". Simon & Schuster, New York; 494 ) _(Seiten; 27,50 Dollar. * Herve Guibert: ) _("Dem Freund, der mir das Leben nicht ) _(gerettet hat". Aus dem Französischen von ) _(Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek; 254 Seiten; 38 Mark. - Didier ) _(Eribon: "Michel Foucault. Eine ) _(Biographie". Aus dem Französischen von ) _(Hans-Horst Henschen. Suhrkamp Verlag, ) _(Frankfurt; 518 Seiten; 78 Mark. )
Detailreich, doch ohne Spur von Voyeurismus leuchtet Miller jene sadomasochistischen Lustbarkeiten aus, mit denen Foucault über Jahre hinweg in der homosexuellen Subkultur von San Francisco das Werk des Marquis de Sade, seines intellektuellen Kronzeugen, praktisch fortsetzte.
Der von der Aufklärung inspirierte, moralisierende Humanismus seines großen Gegenspielers Jean-Paul Sartre war Michel Foucaults Sache nicht. Miller zitiert aus zahlreichen Interviews mit Schwulenzeitschriften, in denen sich der Philosoph ausführlich über die sadomasochistischen Formen der Erotik und deren philosophische Bedeutung geäußert hat. Er stützt sich auf Gespräche mit Vertrauten und Liebhabern, Kollegen und Schülern des Michel Foucault.
Und er riskiert eine These, die auf eine Aussage von Foucaults Lebensgefährten Daniel Defert zurückgeht und die nur auf den ersten Blick phantastisch anmutet: Im vollen Bewußtsein der tödlichen Risiken seiner sadomasochistischen Leidenschaft hat sich der homosexuelle Philosoph der Aids-Gefahr als einer menschlichen "Grenzerfahrung" ("limit-experience") ausgesetzt.
Wer einer "Liebeskrankheit" erliege, so ist schon dem Foucault-Werk "Die Geburt der Klinik" aus dem Jahr 1963 zu entnehmen, erfahre "die Leidenschaft" und verleihe seinem Leben "ein unverwechselbares Gesicht". Zwei Jahrzehnte später, kurz vor seinem Aids-Tod, erklärte Foucault in einem Interview: "Das Privatleben eines Individuums, seine sexuelle Vorliebe und sein Werk hängen eng miteinander zusammen, weil das Werk das gesamte Leben ebenso einschließt wie den Text."
Autobiographische Züge sind dem Denken Foucaults tief eingeschrieben, und die näheren Umstände seines Todes wirken wie lauter makabre Pointen des Schicksals:
Der Philosoph starb in eben jenem Pariser "Hopital de la Salpetriere", dessen Geschichte er in seiner berühmten Studie über "Wahnsinn und Gesellschaft" erforschte: dort, wo die Franzosen einst ihre Abweichler und Außenseiter eingesperrt hatten. Er erlag einer modernen Seuche, deren Opfer von der Gesellschaft ähnlich stigmatisiert werden wie im Mittelalter die Opfer früherer Seuchen abgestempelt wurden - ein Prozeß, den Foucault in seinem sozialgeschichtlichen Horror-Klassiker "Überwachen und Strafen" (1975) geschildert hatte.
Und schließlich: Die beiden letzten Bände von Foucaults großangelegter Geschichte der Sexualität, "Sexualität und Wahrheit", die noch der Sterbende für den Druck fertigstellte, tragen die Titel: "Der Gebrauch der Lüste" und "Die Sorge um sich".
Unerwartet deutlich wird nun, welchen exzessiven "Gebrauch" Michel Foucault von seinen "Lüsten" machte und wie entschlossen er dabei die "Sorge um sich" vernachlässigte.
Seit seinem ersten Kalifornien-Besuch im Jahr 1975 war der Philosoph von der schwulen Subkultur und vor allem von der Lederszene hingerissen, die im Garten Eden der Schwulen, in San Franciscos "Folsom Street", ihr Zentrum hatte: dort, wo die homosexuellen Flaneure ihren persönlichen Vergnügungsstil durch Taschentücher zu signalisieren pflegten, die aus den Gesäßtaschen ihrer Jeans ragten.
Ein Tüchlein in der linken Tasche stellte einen Sadisten in Aussicht, eines in der rechten verhieß einen Masochisten. Traditionalistische Anhänger des Analverkehrs wiesen sich mit blauem Taschentuch aus, der harte Sado-Maso-Kern hißte Schwarz.
Ein Kollege von der Universität Berkeley, selbst Sadomasochist, führte Foucault in die S/M-Szene von San Francisco ein und ging ihm beim Erwerb der Grundausrüstung zur Hand - schwarze Lederjacke und Lederkappe mit Visier, Handschellen, Peitschen, Penisringe, Brustwarzenklammern und andere unentbehrliche Utensilien.
Mit derartigen "Instrumenten" und mit Hilfe von "Symbolen" wie Kerkern, Operationstischen oder Kreuzigungsbalken, _(* Szene-Laden mit ) _(Sado-Maso-Instrumenten. ) so erläuterte Foucault verschiedenen Gesprächspartnern, könne man ein neues "Selbst" zur Erscheinung bringen und "sich selbst erfinden".
In einem Interview mit Aktivisten der Schwulenbewegung nannte er es "politisch bedeutsam", daß die Sexualität so wie in den Dunkelräumen der Folsom Street funktioniere; er bedauerte zugleich die Heterosexuellen, die vergleichbare Vereinigungsstätten entbehren müßten. _____" Du triffst dort Menschen, die für dich dasselbe sind " _____" wie du für sie: nichts als ein Körper, mit dem " _____" Kombinationen und Formen des Vergnügens möglich sind. Du " _____" hörst auf, in dein eigenes Gesicht, in deine eigene " _____" Vergangenheit, in deine eigene Identität eingesperrt zu " _____" sein. "
Das Hohelied auf die Auslöschung der Persönlichkeit im anonymen Sex erinnert an die Prophezeiung, "daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand": Mit ihr klingt das dunkelste Foucault-Werk, "Die Ordnung der Dinge" (1966), aus.
Als Rausch- und Sprengmittel gegen alle Ordnungsgefüge rühmte Foucault die grenzenlose Sinneserfahrung der sadomasochistischen Erotik. Die Anarchie von Schmerz und Lust war für ihn der Inbegriff menschlicher Freiheit, wie Miller pointiert: "der Wille, nicht regiert zu werden".
Immer wieder kehrte Foucault aus Paris nach Kalifornien zurück, wo dem Gastprofessor der Universität Berkeley die Studenten zu Füßen saßen. Nach der Theorie stürzte er sich in die peinigende Praxis: die Fortsetzung seiner Philosophie mit anderen Mitteln.
Bei seiner letzten Reise nach San Francisco im Herbst 1983 war der unheimliche "Schwulenkrebs" namens Aids, der immer neue Opfer forderte, zum unausweichlichen Homosexuellen-Thema geworden. Obwohl die Betroffenen zu diesem Zeitpunkt noch nichts Genaues über Ursachen und Infektionswege wußten, deutete alles darauf hin, daß die tödliche Spur direkt in das Dorado der Sado-Maso-Szene führte.
Die eindringlichen Warnungen und die "Safe Sex"-Empfehlungen eines Kollegen tat Foucault unbekümmert ab: Der Tod sei schließlich nichts, was man zu fürchten habe. Nach einem Autounfall in Paris, so erzählte er, habe er bereits einmal die Grenze des Todes gestreift; die Erfahrung sei ekstatisch wie ein Drogentrip gewesen. "Was könnte im übrigen", fuhr er fort, "schöner sein, als wegen der Liebe zu jungen Männern zu sterben?"
Das Thema Selbstmord beschäftigte Foucault lange vor dem Aids-Zeitalter. 30 Jahre zuvor hatte er in einem frühen Essay den Suizid zum Augenblick möglicher "Authentizität" verklärt. Der Wahrheitssucher Sokrates, der in vollendetem Gleichmut den Schierlingsbecher leerte, gehörte zu den Urbildern seines Denkens.
Seinen ersten Suizidversuch - mehrere folgten - hatte Foucault mit 21 Jahren unternommen. Und schon als Zögling der "Ecole normale superieure", Frankreichs Zuchtanstalt für Jung-Genies, hatte sich der Sohn des Chirurgen Paul Foucault bei einem masochistischen Selbstversuch mit dem Rasiermesser die Brust aufgeschlitzt.
Foucaults persönliche Entwicklung, sein Lebenswerk und seine politische Haltung lassen seine fast mystische Todesbereitschaft im Angesicht des Aids-Risikos folgerichtig erscheinen. In einem geschichtlichen Augenblick, in dem sich die Homosexuellen endlich von allen Verfolgungen befreit hätten, dürften sie sich unter keinen Umständen von Ärzten und Gesundheitsfunktionären wieder ins Triebkorsett der Gesellschaft zwängen lassen - so beschwor der Gelehrte am Ende seines Lebens einen Studenten in Berkeley.
"Lachend", hat dieser Gesprächspartner überliefert, habe sich der Philosoph von ihm verabschiedet: "Weine nicht um mich, wenn ich sterbe."
Am 2. Juni 1984 brach Foucault, der monatelang unter trockenem Husten und zunehmender Schwäche gelitten hatte, in der Küche seines Pariser Appartements zusammen. Drei Wochen später starb er im Krankenhaus. Nie, so versichern Freunde, habe Michel Foucault soviel Gelassenheit ausgestrahlt wie im Angesicht des nahenden Todes.
** James Miller: "The Passion of Michel Foucault". Simon & Schuster, New York; 494 Seiten; 27,50 Dollar. * Herve Guibert: "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt Verlag, Reinbek; 254 Seiten; 38 Mark. - Didier Eribon: "Michel Foucault. Eine Biographie". Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 518 Seiten; 78 Mark. * Szene-Laden mit Sado-Maso-Instrumenten.

DER SPIEGEL 14/1993
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