04.10.1993

AtomwaffenFinstere Gestalt

Amerikas Nuklearrüstung ist unzureichend gesichert. Pannen und Eigenmächtigkeiten hätten während der Kuba-Krise fast einen Atomkrieg ausgelöst.
Nichts in der kühlen Stille der Herbstnacht wies auf die wachsende Spannung hin, unter der die Soldaten im Sector Direction Center nahe Duluth (Minnesota) litten. Tags zuvor, am 24. Oktober 1962, hatte Präsident John F. Kennedy für seine strategischen Atomstreitkräfte "Defcon 2" befohlen, die höchste Alarmstufe vor der völligen Kriegsbereitschaft.
Nie wieder wurden Amerikas Atombomber und Raketeneinheiten so hart an den Rand des nuklearen Weltkriegs geführt wie damals während der Kuba-Krise. Die Gefahr war sogar noch viel größer, als die meisten Historiker bislang angenommen haben. Das belegt eine jetzt veröffentlichte Untersuchung des Militärexperten Scott Sagan über die alarmierenden Lücken im Sicherungssystem für Atomwaffen*.
Sabotageakte sowjetischer Agenten hatten die US-Militärhandbücher als ersten feindlichen Schritt vorhergesagt. Und lehrbuchmäßig verhielt sich ein Wachsoldat in Duluth, als er gegen Mitternacht des 25. Oktober auf eine finstere Gestalt feuerte, die sich anschickte, den Stacheldrahtzaun der Kommandozentrale zu übersteigen.
Dutzende schwerbewaffneter Sonderkommandos schwärmten aus. Auch auf anderen strategischen Stützpunkten entlang der kanadischen Grenze wurde Sabotagealarm gegeben. Auf der Luftverteidigungsbasis Volk Field in Wisconsin heulte - irrtümlich - die Einsatzsirene. Piloten stürzten zu ihren Jagdflugzeugen vom Typ F-106A, die mit nuklearen Raketen unter den Flügeln bestückt waren. Für sie hatte der Atomkrieg begonnen.
In letzter Sekunde verhinderte ein Offizier, der mit aufgeblendeten Scheinwerfern den Jets entgegenraste und Fehlalarm signalisierte, den Blitzstart mit scharfen Atomwaffen - nur eines von vielen Beispielen, mit denen Sagan seine alarmierende These von der Krisenanfälligkeit _(* Scott Sagan: "The Limits of ) _(Safety-Organizations, Accidents and ) _(Nuclear Weapons". Princeton University ) _(Press, Princeton, New Jersey; 286 ) _(Seiten; 9,20 Dollar. ) der amerikanischen Nuklearstreitkäfte belegt.
Sagan, Professor für Politische Wissenschaft, früher Sonderberater der Vereinigten Stabschefs, hat in mühevoller Kleinarbeit die Legende vom angeblich fehlerfreien Wirken der Weltuntergangsspezialisten durchbrochen.
Aus bislang unbekannten Dokumenten, die der Autor per Gerichtsbeschluß der Geheimhaltung entwinden konnte, sowie aus Hunderten Gesprächen mit Soldaten und Politikern, die in den vergangenen vier Jahrzehnten an Amerikas Atomrüstung beteiligt waren, hat er ein Bild gewonnen, das sich drastisch von offiziellen Lobpreisungen der Sicherheitslage unterscheidet.
Beängstigend ist die Liste der Beinahe-Katastrophen, die Sagan für die Kuba-Krise zusammengestellt hat. Auf der Vandenberg Air Force Base wurden vom 24. Oktober an, für sowjetische Agenten klar erkennbar, Testraketen mit Atomsprengköpfen ausgerüstet.
Sorglos startete die Air Force zwei Tage später eine noch nicht umgerüstete Atlas-Fernrakete zum Testflug in den Pazifik. In Washington hatte offenbar niemand die Gefahr gesehen, daß Moskau einen solchen Start als Angriffszeichen hätte deuten können.
Ebenfalls am 26. Oktober verirrte sich ein Spionageflugzeug vom Typ U-2 über dem Nordpol und drang tief in den sowjetischen Luftraum ein. Als MiG-Kampfflugzeuge zur Jagd auf den Eindringling starteten, funkte der Pilot SOS gen Heimat. Von Alaska starteten daraufhin US-Maschinen, um ihren Kameraden zu schützen. Ohne Eingriffsmöglichkeit von außen hätten die Piloten dabei ihre Atomraketen abfeuern können.
Jeder Atomwaffeneinsatz hätte wahrscheinlich eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen ausgelöst. Präsident Kennedy schimpfte nach diesem Vorfall: "Es gibt immer irgendwelche Idioten, die nichts begreifen."
Besonders beunruhigend waren Eigenmächtigkeiten des Oberbefehlshabers der US-Luftstreitkräfte in Europa. Er hatte die Zahl der atomar bewaffneten Bereitschaftsflugzeuge erhöht, obwohl Washington gerade an der Nahtstelle zwischen Nato und Warschauer Pakt jeden Anschein einer militärischen Konfrontation vermeiden wollte.
Auch in der Türkei postierte die Air Force startbereite Atombomber. Deren Kommandeur meint heute, daß die Sicherheitsvorkehrungen damals so lasch gewesen seien, "daß es jede Vorstellung übersteigt". Zudem seien unter den Piloten "Kerle gewesen, denen man kein Gewehr in die Hand geben durfte, geschweige denn eine Wasserstoffbombe".
In Montana wurden derweil die ersten fünf Interkontinentalraketen im Blitzverfahren einsatzbereit gemacht. Die Bedienungsmannschaften setzten sich dabei so leichtfertig über Sicherheitsvorschriften hinweg, daß nach Ende des Alarms im November alle Sprengköpfe überprüft werden mußten - aus Angst, daß sie durch mutwillige oder unbeabsichtigte Kurzschlüsse scharf gemacht worden seien.
Viele dieser Vorfälle fand Sagan in offiziellen Berichten nicht wieder. Die Vertuschung der Militärs erklärt, weshalb aus diesen Fehlern, wie ähnliche Fast-Katastrophen später zeigten, nichts gelernt werden konnte.
Sagans pessimistisches Fazit: "Das tägliche Risiko eines Atomwaffenunfalls mag noch so klein sein - langfristig ist die Wahrscheinlichkeit für eine solche Katastrophe extrem groß und kann unter bestimmten Voraussetzungen sogar zum Atomkrieg führen" - und sei der Anlaß auch noch so läppisch:
In Duluth entpuppte sich der ungebetene Zaungast nur als Bär. Y
* Scott Sagan: "The Limits of Safety-Organizations, Accidents and Nuclear Weapons". Princeton University Press, Princeton, New Jersey; 286 Seiten; 9,20 Dollar.

DER SPIEGEL 40/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Atomwaffen:
Finstere Gestalt

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt