05.07.1993

Stümperei mit Fett und Hasenblut

Weg mit dieser schändlichen Ausstellung!" schrieb Joseph Beuys drei Wochen vor seinem Tod, am 2. Januar 1986, auf eine Exponat- und Preisliste, die ihm ein Vertrauensmann aus Athen besorgt hatte. Dort zeigte eine Galerie ein Konvolut angeblicher Beuys-Werke.
Doch bei zwölf Katalognummern wußte der kranke Künstler, so seine Randbemerkungen, "nicht einmal, worum es sich handelt". Entweder seien die Preise überhöht oder die Stücke gefälscht. Nur siebenmal gab er sein "o. k.", viele Angebote stufte er etwa als "Informationsblatt" oder "privates Andenken" und jedenfalls "ohne Wert" ein.
"Seismographisch", erinnert sich Witwe Eva Beuys, habe der Kunstmarkt damals registriert: Der argwöhnische Meister konnte "nicht mehr allgegenwärtig" sein, die Kontrolle über sein Werk begann ihm zu entgleiten. Es war durchgesickert, daß eine Infektion sein seit langem angegriffenes Herz unheilbar geschädigt hatte.
Im Verein mit Anwälten und bewährten Galeristen versuchte Beuys noch, sich der aufkommenden Flut von Fälschungen und aufgewerteten Lappalien zu erwehren. Seit er tot ist, sind die Nachahmer übermütig geworden. Ihn zu imitieren lohnt sich, da etwa die Preise für Zeichnungen auf rund 60 000 Mark gestiegen sind. Und es scheint leicht zu sein.
"Alles enthebt sich der Faßbarkeit", predigt tendenziös der Wiener Hochschulrektor Oswald Oberhuber. Daß er selber als Beuys-Fälscher verdächtig ist, hielt ihn kürzlich nicht davon ab, einen Vortrag über "Joseph Beuys und die Demokratisierung der Kunst" zu halten.
Aber derlei verschnörkelte Kommentare, die den jetzt aufgeflammten Streit um mehr als 100 dubiose Objekte als "groteske Diskussion" (Profil) herunterspielen und die Echtheitsfrage für überholt erklären möchten, dienen nur der Vernebelung. Ob Fälschungen eingeschleust werden, ist weder unerforschlich noch ist es egal.
Beuys hat zwar behauptet, jeder Mensch sei ein Künstler, nicht hingegen, wie Oberhuber ihm mogelnd unterschiebt: "Alles ist Kunst."
Bestimmt noch keine Kunst ist das Beuys-Autogramm, auch wenn es auf einem Erinnerungsfoto oder, beispielsweise, einem SPIEGEL-Titelbild (45/1979) steht und wenn solche Nettigkeiten in limitierten Auflagen vertrieben werden. Wer mag, soll ruhig für Souvenirs zahlen. Die Fälschung einer Unterschrift ist damit keineswegs aller Faßbarkeit entzogen.
Auch daß Beuys manchmal, nicht im Regelfall, Arbeit delegierte und zum Beispiel 1979 Oberhuber einen "Basisraum Nasse Wäsche" vorbereiten und später restaurieren ließ, erteilt ungebetenen Handlangern keinen Freibrief. Authentisch ist allein, was der Meister genehmigt hat. Eindeutige Originale müßten demnach die seltsamen Wiener Kästchen und Collagen sein, die Anfang des Jahres in Mailand ausgestellt waren; denn sie tragen sämtlich die Signatur "Joseph Beuys". Hier würde der Namenszug für eigenhändige Beuys-Kunst bürgen - wenn er echt wäre. Doch Kenner bestreiten das.
Eine Art Handschrift, die eigentümliche Formensprache des Künstlers, kennzeichnet auch authentische Zeichnungen und Objekte. Sie ist viel schwerer nachzumachen, als mancher meint. Vor allem aber sind es Motivzitate, die handgreifliche Fälschungsnachweise liefern.
Nur Eingeweihte durchschauen die verschlüsselte Begriffs- und Symbolwelt von "Sender" und "Empfänger", von Fett und Hasenblut. Solche Kenntnis befähigt sie dann, oberflächliche Übernahmen zu entlarven.
Auf den angeblichen Beuys-Werken aus Wien sind typische Bildzeichen unverfroren von echten Vorlagen abgekupfert, zugleich aber sinnlos neu gemixt worden. Völlig bizarr wird es, wenn eine an Kordeln hängende schlichte Pappscheibe, das Requisit einer Beuys-Performance, als hektisch rot bemaltes Dekorstück kopiert und verschönert wird.
So wurstig wie die angeblichen Beuys-Werke sind auch die Entstehungslegenden und die schriftlichen Beweisstücke zusammengepfuscht. Da muß jemand geradezu selbstmörderisch seiner Entlarvung entgegenfiebern.

DER SPIEGEL 27/1993
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