05.07.1993

FilmAußer Atem

„One False Move“. Spielfilm von Carl Franklin. USA 1991.
Da stehen sie, ein Liebespaar, sie schwarz, er weiß, im Staub einer Tankstelle irgendwo in Texas, und er zieht ein Messer. Sie zuckt zusammen. Aber er beginnt nur, einen Apfel zu schneiden. Mit den Zähnen nimmt sie ein Stück von der Messerspitze herunter. Dann ein Kuß. Er verspricht, daß er ihr nie weh tun wird.
Er ist ein Schläger und ein Killer. Dumm, häßlich, brutal, immer am Rand des nächsten Wutausbruchs. Seinem Versprechen ist nicht zu trauen. Aber sie braucht ihn.
Ganz nah liegen Liebe und Angst in diesem Film beieinander. Überall lauert Gewalt, jedes Bild ist belastet mit Doppeldeutigkeiten, auf nichts und niemanden ist Verlaß. Der Nihilismus des klassischen film noir steckt Carl Franklins Thriller tief in der Seele.
Aber daß er überhaupt Seele hat, macht ihn so außergewöhnlich. Er hätte auch nur ein ganz normaler kleiner Genrefilm werden können. Für nur 2,5 Millionen Dollar gedreht, handelt er eine altbekannte Geschichte ab: Bande flüchtet nach begangenem Verbrechen, Polizei spürt ihr nach. Begegnung am Ende, Showdown, viele Tote.
Das hat Franklin, 44, ein Schwarzer, der zuvor nur wenig bemerkenswerte Auftragsarbeiten für den Produzenten Roger Corman betreuen durfte, zu einer so abgründig pessimistischen Rassenballade verfilmt, daß seinen Geldgebern der Atem wegblieb. Gerade die Gewaltszenen ziehen sich so zermürbend lang und quälend hin, daß ihnen jeder fetzige Tötungskitzel fehlt.
"One False Move" sollte nicht im Kino gezeigt werden. Nur dank amerikanischer Kritiker, die ihn auf Festivals sahen, bekam er noch eine Startchance. In Deutschland läuft er nun mit zwei Jahren Verspätung an.
Zusammen mit einem schwarzen Partner hat das Liebespaar (gespielt von Cynda Williams und Billy Bob Thornton) einen brutalen Überfall in Los Angeles begangen. Jetzt wollen die drei nach Arkansas. Schon bald scheuern sie sich wund an der erzwungenen Nähe im Auto und in Motelzimmern, am Mißtrauen, an der Angst, an der ständigen Hochspannung. Ein Zweckverband, der jederzeit explodieren kann.
In einem Nest in Arkansas wartet längst das Gesetz. Der lokale Sheriff (Bill Paxton) will sich beweisen, ein nicht mehr ganz junger Provinzler, der endlich seine Chance auf Heldentum wittert.
Franklin läßt aufeinanderprallen, was in der amerikanischen Gesellschaft gegensätzlich ist: Stadt und Land, Norden und Süden, Schwarz und Weiß. Ein gnadenloses Soziogramm. Aber in seiner schäbigen, rauhen Welt ist nicht einmal mehr auf diese Gegensätze Verlaß. Arkansas birgt ebenso dreckige Geheimnisse wie Los Angeles.
Seine Reife, sein Verständnis für die Figuren und für die Verwicklungen des Lebens, sagen die Produzenten, hätten Franklin den Job als Regisseur eingebracht. Zu Recht. Daß er selbst lange als Schauspieler gearbeitet hat, schlägt nun zu Buche - eine "Verhaltensanalyse" nennt er selbst seinen Film.
Langsam entfaltet sich eine Parabel auf Amerikas verdrängte Angst und Schuld, auf die Gewalt, die der Rassismus den Menschen antut, Schwarzen und Weißen. Der Film soll "von Sühne handeln, davon, daß man erntet, was man gesät hat", sagt der Regisseur. Amerikas Ernte ist blutig.

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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