05.07.1993

AutorenLords und böse Tanten

Der englische Humorist Saki verspottete Britanniens feine Gesellschaft. Seine skurrilen Geschichten liegen nun erstmals komplett auf deutsch vor.
Es gibt Augenblicke, in denen er uns nur an die sonnendurchtränkte Edwardianische Ära zu erinnern scheint", gedachte Graham Greene des Kollegen Hector Hugh Munro, der unter dem Namen Saki einst die köstlichsten Albernheiten schrieb.
Das war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gewesen, in jener märchenhaften Zeit, als Britannien noch die Meere beherrschte und Englands feine Gesellschaft, unbekümmert um ferne Balkankrisen, noch üppig mit dem Pfund wuchern konnte; und keiner hat die Edlen, Reichen und Schönen mit perfiderem Witz karikiert als Saki in seinen Sittenbildchen von naserümpfenden Herzoginnen und charmanten Snobs, hingegeben den Wonnen sommerlicher Gartenfeste, den Jagdpartien und abendlichen Tafelfreuden im Carlton oder Ritz.
Erheiternd zynisch geht es zu auf Sakis Jahrmarkt der Eitelkeiten, in der Welt seiner jugendlichen Helden Reginald und Clovis, die so stilvollendet über Spargel, Austern und zur Weste passende Krawatten plaudern, fast als wären sie Geschöpfe Oscar Wildes. "Am Nachmittag geistreich sein, deutet darauf hin, daß man noch keine Einladung zum Abendessen hat", sagen sie und lästern über Lady Beauwhistles Schick: "Ihre Kleider werden in Paris geschneidert, aber sie trägt sie immer mit stark englischem Akzent."
Hin und wieder aber offenbart sich der Autor elegant ziselierter Dialoge auch als Possenreißer von schadenfroh makabrem Humor. Dann treibt er die "Meute des Schicksals" an, und ins ländliche Idyll bricht jäh das Verhängnis ein, wenn in der dämmrigen Stille des Geräteschuppens die böse Mrs. De Ropp dem Blutrausch eines Frettchens zum Opfer fällt.
An die 140 solcher Satiren und Humoresken, haarsträubend irrwitzig oft, doch stets virtuos, hat Saki hervorgebracht. In fünf Bänden des Zürcher Haffmans Verlags liegen sie jetzt erstmals komplett auf deutsch vor - eine reichlich späte Entdeckung, nachdem ihr Verfasser doch schon vor fast acht Jahrzehnten dahingeschieden ist und mit ihm die ganze schöne frivole Welt, die er so verhöhnt und verherrlicht hat*.
Ein echter Sproß des britischen Empire war Munro, geboren 1870 in Burma als Sohn eines Offiziers der Militärpolizei. Nach dem frühen Tod seiner Mutter hatte er die Kindheit in einem düsteren Haus in Devonshire verbracht, unter der strengen Kuratel zweier Tanten, die später des öfteren in Gestalt alter Fuchteln durch Sakis Fabeln geistern sollten.
Mit 23 und bereit, nach väterlichem Vorbild des Weißen Mannes Bürde zu tragen, meldete er sich zum Polizeidienst in Burma. Nur setzten ihm dort die tropischen Fieber derart zu, daß er nach 14 Monaten schon den Abschied nahm.
Sechs Jahre lang durchreiste er als Korrespondent der Londoner Morning Post die peripheren Regionen Europas, wo sich die frühen Gewitter zusammenbrauten. Aus Belgrad und Sofia, aus Mazedonien und Albanien entsandte er seine Depeschen über Umstürze und Kriegsgemetzel.
Obendrein war da auch noch der brillante Saki, der in der Westminster Gazette die neuesten Windbeuteleien seiner Jünglinge Reginald und Clovis zum besten gab, all die flotten Sprüche über die "selbstsüchtige Engstirnigkeit junger Mutterschaft" etwa oder das segensreiche Wirken der Kartäusermönche: "Die Leute mögen über den Verfall des Christentums sagen, was sie wollen; eine Religion, die den grünen Chartreuse hervorgebracht hat, kann nie wirklich untergehen."
Der Charme der heranwachsenden Jugend männlichen Geschlechts, dem offenbar Hector nie widerstehen konnte: Äußerst diskret zeigte er sich in dieser Hinsicht, ganz der zeitgenössischen Prüderie entsprechend. Und nur gelegentlich erkühnt sich der Verfasser zu einer zarten Anspielung auf visuelle Genüsse im türkischen Bad.
Lieber würzte er seine Geschichten mit pubertärem Jux auf Kosten ehrwürdiger Lords und Eminenzen. "Die jungen Männer mit steifen Strohhüten, die Loge in der Oper, faule Nachmittage im Park" und dazu noch das "leicht unzurechnungsfähige Geschwätz" - die ganze erlauchte Gesellschaft im Sonnenschein der letzten Friedensjahre, in Sakis Burlesken fand Graham Greene sie anschaulich konserviert.
In seinen reiferen Jahren freilich wirkte Saki gar nicht mehr so komisch. Immer _(* Saki: "Reginald und Die Blutfehde von ) _(Toad-Water". Deutsch von Werner Schmitz. ) _(256 Seiten; 28 Mark. - "Die ) _(Clovis-Chroniken". Deutsch von Claus ) _(Sprick. 348 Seiten; 32 Mark. - "Biest ) _(und Überbiest". Deutsch von Claus ) _(Sprick. 438 Seiten; 36 Mark. - "Das ) _(Friedens-Spielzeug und Das eckige Ei". ) _(Deutsch von Werner Schmitz und Claus ) _(Sprick. 432 Seiten; 32 Mark. - "Der ) _(Almanach". Deutsch von Claus Sprick. 96 ) _(Seiten; 20 Mark. Haffmans Verlag, ) _(Zürich. ) deutlicher trat seine erzkonservative Ader zutage, immer dringlicher rief der glühende Patriot zum Kampf gegen den säbelrasselnden Kaiser Bill. In seinem utopischen Roman "Als Wilhelm kam" (1913) sah er England bereits fest in teutonischer Hand.
Als im Sommer 1914 dann wirklich die Stahlgewitter über Europa hereinbrachen, eilte Hector Hugh Munro, inzwischen 43 Jahre alt, zu den Waffen, und begeistert von der lang ersehnten "Romantik des Kriegs" diente er in Reih und Glied bis zu jenem grauenden Morgen im November 1916 auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel.
Da lag der schmächtige Korporal im Regen und Schlamm der Granattrichter-Landschaft, tödlich getroffen von der Kugel eines deutschen Scharfschützen, nachdem er gerade wütend einen Kameraden zur Ordnung gerufen hatte. Seine letzten Worte waren: "Mach die verdammte Zigarette aus!"
* Saki: "Reginald und Die Blutfehde von Toad-Water". Deutsch von Werner Schmitz. 256 Seiten; 28 Mark. - "Die Clovis-Chroniken". Deutsch von Claus Sprick. 348 Seiten; 32 Mark. - "Biest und Überbiest". Deutsch von Claus Sprick. 438 Seiten; 36 Mark. - "Das Friedens-Spielzeug und Das eckige Ei". Deutsch von Werner Schmitz und Claus Sprick. 432 Seiten; 32 Mark. - "Der Almanach". Deutsch von Claus Sprick. 96 Seiten; 20 Mark. Haffmans Verlag, Zürich.

DER SPIEGEL 27/1993
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