05.04.1993

ProzessePolemik mit Karacho

Als Dichter schreibt er fein und rein, als Satiriker mobilisiert er Advokaten: Trouble-Woche für Eckhard Henscheid.
Im "Beleidigen von Leuten", gesteht der Oberpfälzer Autor Eckhard Henscheid, 51, habe er "eine Frequenz von zweieinhalb Jahren". Der Fluch solcher Taten traf ihn vergangene Woche gleich im Zweierpack:
Nach einem Marsch durch die Instanzen, der ihn "runde 15 000 Mark" gekostet hat, vernahm Henscheid vor dem Bundesverfassungsgericht, es sei nicht daran zu rütteln: Henscheid habe mit seiner "Schmähkritik" die "Menschenwürde Heinrich Bölls, die auch über den Tod hinaus fortwirkt", verletzt.
Und von den Anwälten der Promi-Professorin Gertrud Höhler mußte Henscheid erfahren, er habe "das Persönlichkeitsrecht unserer Mandantin auf unverschämteste Weise verletzt". Eine "Unterlassungserklärung" wird gefordert (schon gegeben), schmerzlich droht auch die Zahlung eines "Schmerzensgeldes".
Henscheids Böll-Polemik war im Frühjahr 1991 im Literaturmagazin Der Rabe (Haffmans Verlag) erschienen. In der "ganzen Serie von aufgehäuften Verbalinjurien" (Anwälte des Böll-Sohnes Rene) wirkte die Injurie "steindummer, talentfreier Autor" geradezu lieblich (SPIEGEL 31/1991).
Die Vivisektion der Professorin Höhler nahm im vergangenen Monat die Zeitschrift konkret in fünf ihrer Spalten auf. Henscheids Stimulans waren Fotos, auf denen Frau Höhler mit Pferd und Sohn Abel für die Werbeserie einer Kreditkarten-Company posierte; mit psychoanalytischem Besteck schnitzelte sich Henscheid in grauenerregende Abgründe.
Warum geht der Mann, der auch so fein und rein schreiben kann ("Maria Schnee"), immer wieder mit Karacho in die schwerkalibrige Satire? Nennt Kohl einen "Sitzfleischbomber", Engholm einen "Blindlaberer", Graß einen "Wichtigkeitskasper"? Rezidivierender intellektueller Priapismus?
Henscheid sieht die Anfälle als "Abreaktionen auf den Dreck der Welt". Es sei die "aggressive Seite des Dichterwesens", wie sie auch bei Goethe und Thomas Mann gelegentlich durchbreche; aber "Verletzung der Menschenwürde", sagt Henscheid, "das ist nun wirklich nicht mein Motiv".
Die Böll-Planierung etwa meinte er als "Provokation", als "Aufklärung für nachwachsende Leser". Und den teuren Marsch durch die Instanzen habe er angetreten, weil er wissen wollte, "ob ein hergelaufener Böll-Sohn eine Maulkorbdirektive veranlassen kann".
Dabei stand Henscheid dem Denkmal Böll einmal ganz nahe: Im Jahr der Schelte war er Kandidat für den Kölner Heinrich-Böll-Preis.

DER SPIEGEL 14/1993
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DER SPIEGEL 14/1993
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