05.07.1993

MusiktheaterWeg mit dem Dreck

Sex und Crime zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele: Schlöndorff inszeniert Schostakowitschs „Lady Macbeth“.
Wahre Opernfreunde berichteten schon von Entzugserscheinungen: Elf Monate war das Haus geschlossen, doch seit Donnerstag letzter Woche ist wieder Staatstheater im "Nationaltheater", und entsprechend strahlend ließ sich, bei weißblauem Kaiserwetter, Münchens Haute Culture auf ihrem liebsten Laufsteg blicken.
Frohgestimmt trafen sich bajuwarische Amigos und der stadtbekannte Talmi-Adel bei Premierenpreisen bis zu 312 Mark. In der Loge thronten die unvermeidlichen Moshammers mit Blauhaar-Mutter Else und Perücken-Sohn Rudolph, und die im Souterrain angebotenen Häppchen waren auch nicht mehr die frischesten.
Makaber klang, was zur Verlustierung der Schickeria im wiedereröffneten Opernhaus einstudiert worden war: Dimitrij Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk", Oper in vier Akten und mit vier Toten, inszeniert von Film-Regisseur Volker Schlöndorff. Rund drei Stunden geht, tanzt und hurt das Stück über Leichen.
Da wird vergiftet und vergewaltigt, erwürgt, erdrosselt, ertränkt. Dazwischen röhren Solisten und Choristen: "Drecksau", "Drecksack", "Stramme Schenkel", "Was für Titten!"
Das Orchester treibt es nicht weniger heftig, und wenn es soweit ist, parodiert Komponist Schostakowitsch alle Schlappschwänze mit abwärts jaulenden Posaunenglissandi. Ausgerechnet Sex und Crime des fast 60 Jahre alten, von Stalin als volksschädlich abqualifizierten Thrillers waren diesmal zum Auftakt der einst stubenreinen Münchner Opernfestspiele ausgewählt worden.
Doch zumindest Eingeweihte des "Nationaltheaters" spitzten sich am Anfang der derben Premierenfeier weniger auf das Spektakel im Guckkasten als auf das Schmiermittel "Quintolubric", von dem 55 000 Liter durch die zehn Kilometer langen Leitungen der Haus-Hydraulik pulsierten, um den gesamten Bühnenapparat in Schwung zu halten - würde das gutgehen?
Vor wenigen Jahren nämlich waren die Opernmacher in München durch ominöse Zwischenfälle aufgeschreckt worden. Plötzlich hatten sich Kulissen und Prospekte wie von Geisterhand oder aber gar nicht mehr bewegt. Einmal war sogar der eiserne Vorhang gefährlich rasch heruntergekommen.
Als Phantom der Oper, das die Störungen ausgelöst hatte, wurde ein in den Hydraulik-Rohren nistender und hemmungslos wuchernder Hefepilz entlarvt. Der verklumpte das Öl, bis zentimeterdicker Mayonnaise-Schlamm sämtliche Steuerdüsen verstopft hatte. Dann ging nichts mehr, das Haus mußte im August vorigen Jahres dichtmachen.
Die erst 1989 für 33 Millionen Mark erneuerte Hydraulik wurde daraufhin erneut komplett überholt, diesmal für 38 Millionen. Hinzu kamen Einnahmeausfälle in Millionenhöhe. "Eine Lachnummer, die niemanden mehr amüsiert", meldete die Süddeutsche Zeitung aus dem geschlossenen Tragödienstadl.
Doch bei der Eröffnung lief der Russen-Krimi wie geschmiert. Schleiertücher glitten lautlos herab und hinauf, Rampen hoben und senkten sich störungsfrei. Einmal erblühte in dem monochromen Grau, mit dem der Bühnenbildner Viktor Volsky seine zaristische Heimat fad, aber vornehm uniformiert hatte, sogar ein bunter Baum - gleichsam ein auf die Bühne gezaubertes Stillleben der gesundeten Hydraulik.
Ähnlich reibungslos wie Volskys Dekorationsmaschinerie faßte auch Film-Profi Schlöndorff das Lustspiel an und brachte das Werk damit um manche blutrünstige Attraktion und um herrlich theatralische Gemeinheiten. So ging Schlöndorff, der sich auch nach seiner nunmehr fünften Musiktheater-Regie immer noch als "neugierigen Dilettanten" bezeichnet, mit dem Stück um wie die Münchner Ölwechsler mit der Hydraulik beim Reinigen der Rohre: weg mit allem Dreck.
Nicht, daß der Filmemacher vor Keuschheit gekniffen hätte. Ballettöse Turner, die auf allen vieren lemurenhaft herumkrabbelten und ihre glänzenden Kunststoff-Hintern lustvoll hochreckten, kopulierten vorn und hinten.
Aber Schlöndorffs gehüpfte Obszönitäten blieben schicklich. Es gab keine Brutalität, die wirklich weh tat, keine Gemeinheit, die ungemütlich stichelte. Der Stoff gäbe es her: Immerhin meuchelt Lady Macbeth der Reihe nach ihren brünstigen Schwiegervater, ihren Gatten, eine Nebenbuhlerin und schließlich sich selbst.
So konnten - und mußten - die Münchner Opernfreaks ihre ganze Sehnsucht nach purem Genuß auf die Sopranistin Hildegard Behrens richten. Die sang die Lady und sang als Dame.
Immer noch ist sie eine Darstellerin von verblüffender Bühnen-Präsenz, ein Glücksfall in der Branche. Und doch war sie, als Schlöndorffs Kreation, nur eine sehenswerte Fehlbesetzung.
Wie sie, lang und hell gewandet, majestätisch einher- und fürbaß schreitet, wie sie mit fraulicher Eleganz ihr üppiges Blondhaar bürstet oder in vollendeter Opernpose leidend auf die Knie sinkt, ist sie, unbestritten, eine Königin der Nacht. Ihre Rolle aber war die einer Schlächterin der Nacht. _(* Mit Kenneth Riegel. )
Schlöndorff-Inszenierung "Lady Macbeth von Mzensk": Erwürgt, erdrosselt, ertränkt
"Lady Macbeth"-Darstellerin Behrens in München*: Sehnsucht nach Genuß
* Mit Kenneth Riegel.

DER SPIEGEL 27/1993
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