27.01.1992

DenkmälerSteinernes Geklump

Wilhelm I. soll wieder am „Deutschen Eck“ bei Koblenz reiten - zum Verdruß der Sozialdemokraten in Mainz.
Für die sozialliberale Landesregierung von Rheinland-Pfalz ist das Geschenk, das ihr der Koblenzer Werner Theisen machen will, eine böse Altlast.
Der begüterte Ex-Verleger der Rhein-Zeitung läßt derzeit für drei Millionen Mark eine 14 Meter hohe und 40 Tonnen schwere Kopie des reitenden Kaisers Wilhelm I. nachgießen, der bis kurz vor Kriegsende am "Deutschen Eck" zu Koblenz stand. Dort, auf die Landspitze zwischen Rhein und Moselmündung, soll er nun wieder hin, wünscht Stifter Theisen.
Ministerpräsident Rudolf Scharping (SPD) dagegen möchte auf das Präsent am liebsten verzichten. Doch Verleger Theisen klagt auf Erfüllung des Schenkungsvertrags gegen das Land Rheinland-Pfalz, und er hat gute Erfolgsaussichten: Der Vertrag, den Theisen mit Scharping-Vorgänger Carl-Ludwig Wagner von der CDU abgeschlossen hat, sei rechtlich bindend, befanden Staatskanzlei _(* In der Düsseldorfer Kunstgießerei ) _(Kittl. ) und Justizministerium in Mainz übereinstimmend.
Als Huldigung an den "Hochseligen Kaiser" wurde das Reiterstandbild 1897 eingeweiht - ein "steinernes Geklump", spottete Kurt Tucholsky 1930.
Ein GI schoß Wilhelm kurz vor Kriegsende vom Pferd, seither steht nur noch der 18 Meter hohe Sockel. Den widmete Bundespräsident Theodor Heuss 1953 zum "Symbol für die unvollendete Einheit unseres Vaterlandes" um und ließ auf dem Podest die schwarzrotgoldene Bundesflagge hissen.
Vor vier Jahren bot Theisen zum erstenmal die Restaurierung des Denkmals an. Der Sockel und die umgebenden Anlagen sollten aus Landesmitteln in Schuß gebracht werden. Kosten: 2,5 Millionen Mark.
Jahrelang zierten sich die regierenden Christdemokraten, die Gabe anzunehmen. Doch 1990, als die Deutschen wiedervereinigt waren und die Landtagswahl bevorstand, wollte Scharping-Vorgänger Wagner auch den alten Kaiser Wilhelm wiederhaben.
Eine Mehrheit der Koblenzer, so hatten Umfragen ergeben, war für die Aufstellung des Denkmals. In Zeitungsanzeigen tönte die örtliche Christenunion: "Wer für die Wiederherstellung des Denkmals am Deutschen Eck ist, wählt am Sonntag CDU."
Geholfen hat der Kaiser den Konservativen nicht: Sie verloren im vergangenen April nach 44 Jahren die Macht an die Sozis.
Der Sozialdemokrat Scharping setzte seither auf Zeitgewinn. Seine Parteifreundin, Kulturministerin Rose Götte, bereitet einen Ideenwettbewerb für die künftige Gestaltung des Deutschen Ecks vor.
Die Ministerin empfindet es als "einfach peinlich, wenn eine sozialliberale Regierung ausgerechnet einen Kaiser Wilhelm auf den Sockel setzt". Und sie hält es für "unerträglich, am Deutschen Eck nur ein rückwärts gewandtes Geschichtsbild vertreten zu sehen".
Falls das Denkmal aufgestellt werde, bedürfe es, fordert Frau Götte, jedenfalls "eines Gegengewichts, das den Kaiser in die Schranken weist" - Wilhelm I. könnte etwa, so ein Vorschlag, künftig statt auf dem Sockel zu ebener Erde daneben reiten.
Auf derartige Finessen jedoch will sich Stifter Theisen auf keinen Fall einlassen. Er und seine mitstiftende Ehefrau Anneliese würden, so ließen sie wissen, "keinem anderen Standort zustimmen als dem Sockel, so wie es der Vertrag besagt".
Zur Zeit sind Roß und Reiter in der Kunstgießerei Kittl in Düsseldorf in Arbeit. Die den Kaiser geleitende geflügelte Genienfigur ist schon gegossen. Mit der Statik des reitenden Wilhelm aber gibt es noch Probleme. "Seit wir den Scharping da dran haben", beschwert sich Metallbildhauer Raimund Kittl, kämen ständig neue Auflagen.
Im Frühjahr spätestens sollen Roß und Reiter fertig sein. Unter elf Brücken hindurch könnte Wilhelm I. dann von Düsseldorf rheinaufwärts verschifft werden.
Der Koblenzer SPD-Landtagsabgeordnete Dieter Muscheid ist sich nicht sicher, ob Werner Theisen mit dem Transport dann noch bis zur Entscheidung im Streit mit der Landesregierung wartet. Muscheid graust vor dem "schlimmsten denkbaren Fall", daß der Stifter sein Mammut-Geschenk einfach am Deutschen Eck vor Anker gehen läßt: "Dann ist die Landesregierung wirklich in der Klemme."
* In der Düsseldorfer Kunstgießerei Kittl.

DER SPIEGEL 5/1992
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