05.07.1993

Haus ohne Menschen

Wer heute in diese Stadt geht, hat entweder einmalige Transaktionen zu regeln und seinen Hauptsitz im Spessart oder sonstwo behalten, das heißt, er kommt, zählt sein Geld und verschwindet wieder, oder er ist ganz einfach verrückt, ein Voyeur, den es auf eine sonderliche Weise befriedigt, durch diese Verkommenheitsstraßen mit ihren Verkommenheitsbildern und Verfallsfiguren und Endzuständen und Verlorenheitsperspektiven zu gehen, die brüchigen Wände und bröckelnden Fassaden entlang in einer Gegend, in der alles beharrlich bis zum Ende hin verfault.
Die Häuser verfallen, und die Wohnungen verfallen, und die je unsichtbar bleibenden Besitzer warten es ab, daß die Häuser und die Wohnungen verfallen, warten, bis sie endgültig verfallen sind und die Menschen in den Häusern und Wohnungen verschwunden und endgültig verschwunden sind, daß alles aufgelöst ist und eingeäschert, um auf dem Boden des Eingeäscherten für andere etwas Anderes zu errichten. Es sind alles Entsorgungsprobleme. Der Osten ist ein einziges überdimensionales Entsorgungsproblem, das ist eine Tatsache, und ich bin ganz ohne Empfindung bei dem Gedanken, daß alles aufgelöst und eingeäschert sein wird, was seine Auflösung und Einäscherung aus sich selbst heraus angerichtet hat und die Substanz war und ist, wie sie mir jetzt auf der Haut klebt und an der Kleidung haftet und in der Erinnerung ist, um in langen, einsamen Nächten aufzuerstehen als ödes, gerissenes Bild ohne Menschen.
So ist auch der Raum, in dem ich sitze und mich schmutzig mache und der alles mit mir zu tun hat und in dem alles von mir erzählt und der nichts mit mir zu tun hat und der von allem anderen erzählt als von mir und ein einziger Fäulnisraum geworden ist . . . ein Substanzdreckraum, in dem sich noch etwas Ungeziefer über die Zeit hin gerettet und in den Winkeln, Ritzen und dunklen Nischen festgesetzt und ausgebrütet hat.
Dieser Raum ist nur dem Anschein nach durch Wände, Türen und Fenster von der Straße getrennt, die, wie alle Straßen dieser Stadt, eine dem Verkehr entsprechend zu enge und zu zerstörte Straße geworden ist, um nicht die Kolonnen dahinziehender Fahrzeuge in sich wiederholenden Chaoszuständen zum plötzlichen Stillstand zu zwingen.
Dieser Raum ist, genaugenommen, die Straße selbst, dieser Raum und diese Wohnung und dieses Haus und alle Häuser dieser Straße sind die Straße, ich sitze auf einem schmutzigen und von Schmutzsubstanz beschädigten Sessel und erlebe jede Erschütterung der Straße als eine Erschütterung des Körpers.
Ausnahmslos jedes schwere Fahrzeug erschüttert das Haus und das Fundament des Hauses und den Boden der Wohnung und die Wände der Wohnung und die Gegenstände, die eine eigene Schwingung erzeugen und aneinanderschlagen, so daß aus jedem Winkel ein klirrender oder klappernder, schriller oder dumpfer Ton herüberdringt zu der Stelle im Raum, an der ich sitze und an der mein Körper und meine Sinne in diesen vulgär pulsierenden Rhythmus der Straße übergehen und an der es, sitzenbleibend, nur noch das Ende zu erwarten gibt.
Ich ahne, daß unzählige andere, von deren Existenz man nur durch Verfügungen informiert ist, darauf warten, daß dieser Endzustand eintreten möge und wissen, daß dieser Endzustand dadurch am schnellsten eintritt, daß nichts unternommen wird und die Leute einfach so sitzenbleiben auf ihren von Substanzdreck beschädigten Sachen.
Sie lassen die Leute einfach so in ihren Trauerhäusern und Verfallswohnungen und morschen, faulenden Räumen sitzen, die quasi in einem direkten Verbindungssystem zur Straße und zum vulgär pulsierenden Rhythmus dieser Straße mit allen ihren Ausdünstungen stehen, da sie vollkommen ungeschützt sind und nur dem Anschein nach über Wände, Türen und Fenster verfügen.
Sie lassen die, die nicht rechtzeitig weggekommen sind, so sitzen und warten, bis sie aus dieser Sitzhaltung heraus nach vornhin umgekippt sind und tot auf den Dielen liegen.
Diese Stadt ist ein einziger Metastasenorganismus, der sich selber erledigt und in das größte Entsorgungsproblem aller Zeiten einmündet. Das sogenannte Aufbauprogramm ist ein Entsorgungsunternehmen von noch nie dagewesener Dimension . . . und ich selbst sitze ja auch nur auf meinem Drecksessel und überlege, wie ich diese Wohnung auflösen und wohin ich all diesen Warenschund, diese Ausschußwirtschaft, für die sich ganze Generationen die Knochen gebrochen haben, werfen soll, Verfallsmaterie, die nicht einmal mehr die Müllabfuhr entgegennimmt.
Die Müllabfuhr, die früher einmal eine ganz passable Truppe zumeist trinkender junger Leute war, kommt heute in orangenen Dienstanzügen und sichtet mit kritischem Blick, was ihr als Weggeworfenes entgegenzunehmen als würdig erscheint, und nimmt es mit erhobenem Kopf und spitzen Fingern.
In drei von vier Fällen, das heißt drei von vier Gegenstände, die natürlich alle vollkommen unbrauchbar gewordene Dreckgegenstände sind, nehmen einem diese über Nacht aristokratisch gewordenen Proletarier gar nicht mehr ab, erst recht nicht unentgeltlich, man muß, so ist die Lage, selbst und in nicht geringen Beträgen dafür aufkommen, das alles loszuwerden, was einem die Landeswirtschaft jahrzehntelang angedreht hat. Und dieses Problem, das sich mir mit dieser Wohnung, die, von der sogenannten Küche aus betrachtet, in der alle Leitungen lange schon aus bautechnischen Gründen vom Strom-, Gas- und Wassernetz abgetrennt sind und in der aus offenliegenden Abflußrohren, die wie freie eiternde Wunden im Wandkörper liegen, alle Gärungs- und Fäulnisgerüche dieser Welt in die sogenannte Stube dringen . . . die also nichts als ein besseres Einstiegsloch in die Kanalisation darstellt . . . dieses Problem, das ich mit dieser Wohnung und mit der Auflösung dieser Wohnung und der Entsorgung der in ihr liegengebliebenen und durch meine längere Abwesenheit vollkommen verfallenen Gegenstände habe, dieses Problem ist nun zugleich das eines jeden in dieser verpaßten deutschen demokratischen Republik.
Aber ich weiß auch nicht, aus welcher Perspektive eine Klage darüber, daß restlos alles in die Entsorgungsmaschine treibt, was irgendwie und gleich welcher Art aus diesem Land hervorgegangen war und heute nutzlos herumliegt, angebracht wäre, und gewiß empfinde ich nichts in Richtung des Klagens, und es ist, natürlich, diese abgewirtschaftete Landschaft, in die ich ausgesetzt war ohne Bestimmung . . . und sie ist wie die geschlachtete Sau am Haken des Metzgers, der das giftgewordene Blut geradewegs in die Schleuse abfließen läßt bei letzten schrillen Tönen aus einer aufgeschlitzten Schweinekehle.
Und das plötzlich hochmütig gewordene Aristokratenproletariat hat auf seine Weise ganz recht, jeden Kontakt mit der Herkunft des Körpers des Landes und seiner Sprache zu verweigern und die eigenen Hervorbringungen, wenn überhaupt, nur noch mit erhobenem Kopf und spitzen Fingern vom Boden zu heben.
Alles, was war, gewesen ist, hat seine Zugehörigkeiten und Abkommenschaften verloren, und niemand, heute, hat noch irgend etwas, im Schutt der verbrauchten Bilder, zu finden, was es, für ihn, verdient hätte, gefunden zu werden, bewahrt und sprechend bewegt zu werden, und so wird alles, von nun an, sprechend in Vergessenheit geraten, um so, sprechend, von Anderem zu berichten und das Werk endlosen Erfindens, von nun an, zu beginnen, und ich bin ganz ohne Zuneigung für alles, was zu erwarten sein wird, was mich umgibt, was mich umgeben hat, was zu mir gesprochen hat und was zu mir spricht.
Es sind Lügenapparaturen, installiert an den gleichen inneren Orten von gestern und eingegangen ins Fleisch vieler dieser Menschen, und so sind die Körper von Lüge durchzogene Körper, und so wird das Gedächtnis eine öde, eingeäscherte und begriffslose Landschaft sein und den Grundriß abgeben und das Bauland für eine nächste erbarmungslose, zerstörerische Utopie.
Und jede Utopie ist eine zerstörerische und leugnet die Realitäten und bereitet die Abgründe auf, die durch Leugnung sich auftun und sich aufgetan haben und nichts außer kranke und krankmachende Verhältnisse produzieren und produziert haben.
Ein dauerndes Einbildungsstolpern und Stürzen auf das blutige Pflaster der Realitäten, von der Aufklärung an abwärts und schließlich in diesem Haus, in dieser Wohnung, in diesem Dreck . . . diesem Substanzdreckraum mit seiner erbärmlichen Verfallenheit, vor der selbst die Schmutztiere fliehn, zu Boden und gleichsam auf die Straße gestürzt und in die Weite dieser Demontagelandschaft und abgesickert in zurechtgebaggerten Entsorgungssenkgruben am Rande dieser ungeheuerlichen Halbmillionenstadt . . . einer Stadt, die nichts anderes ist als eine Geldwaschanlage für Kriminelle, ein brodelnder Ausflußkessel, der nichts als tödliche Industriespuren bildet.
Diese Stadt ist in einem solchen Zustand von Fäulnis, daß sich ganze Parfümeriekonzerne daran zu Tode arbeiten werden, Neutralisierungsgerüche, allein durch die Leben von dem einen auf den anderen Tag überhaupt noch ermöglicht werden kann, zu produzieren.
Und abgesehen davon, daß die Selbstbewaffnung ohnehin schon die Voraussetzung eines jeden dafür geworden ist, nicht ganz ohne Überlebenschancen zu sein, wenn er durch dieses Paradies der Verbrecher und Halbseidenschaften laufend oder auch fahrend seinen unabkömmlichen und meistens vollkommen zwecklosen Verrichtungen nachgeht, ganz abgesehen also davon wird er ohne eine mit der Zeit sich in die Verbrauchsbeschleunigung treibende Dosis Sedativum, die er immer bei sich zu tragen haben wird und wahrscheinlich jetzt schon bei sich trägt in einem kleinen Tütchen aus Silberpapier in der Brieftasche hinter den Scheinen und Geldcards, auf die es eh nichts mehr gibt . . . ohne Sedativum wird dieser Endmensch ohnehin nicht mehr weiterexistieren.
Ohne Sedativum oder zumindest ohne Alkohol oder Kettenrauchen oder Verzweiflungsvögeln, was irgendwie die Treppe herauf- und in die Wohnung hereinkam, hätte ich die Jahre, die ich hier gelebt habe und gelebt haben mußte und gelebt worden bin, nicht überstanden.
An dieser Berlinerstraßewohnung, die umgeben ist von einer Großküche links, aus der alles Ungeziefer dieses Breitengrades herüber- und heraufgekrochen kommt und sich, wie ich sehe erfolgreich, eingenistet und ausgebrütet hat . . . von einer nur Nervenvernichtung bringenden Straße rechts . . . mit einem bis zur letzten Schraube veralteten Heizkraftwerk, einer morschen Kohlenhandlung und einer Campingwagenfickecke hinter dem Haus . . . und mit dem Vorgelände des Bahnhofs und seinem stillgelegten Schienennetz, auf dessen verrosteten, brüchigen Gleisen ein paar vergessene, von Moosen befallene und gewaltsam aufgebrochene Vorkriegswaggons stehen, in denen verwahrloste Kinder Erwachsenenspiele treiben und mit wilden, alterskranken Katzen sprechen, vor dem Haus . . . an dieser Berlinerstraßewohnung in diesem Berlinerstraßehaus, in dem es von einst acht Mietern nur noch zwei und mit mir drei Mieter gibt und in dem bereits fünf Mieter entweder gestorben oder verschollen oder zwangsausgesetzt sind . . . an dieser Berlinerstraßewohnung führt auch noch die Parthe vorbei, und was das bedeutet, kann nur ein Geruchszeuge wissen.
Wüßten die Touristen, diese Liebhaber des Nekrophilen, von denen es ganze Tausendschaften wöchentlich gibt, was für hochtoxische Geruchskulturen sie erwarten, sobald sie die Zug- oder Autotür öffnen, würden sie sich eher ihre neurotische Reiseabsicht therapieren lassen, als diese Stadt auch nur einen Augenblick zu betreten. Die Berlinerstraßegegend jedenfalls ist die wohl grauenhafteste Gegend in Leipzig, obwohl sich freilich schwer sagen läßt, was die grauenhafteste Gegend in Leipzig ist, denn Leipzig und das ganze durch Braunkohleabbau verwüstete und durch desolate Industrie verunstaltete Umland sind eine Ineinanderschachtelung grauenhafter, sich in Verwesungszustand befindlicher Gegenden, die mal hier, mal dort helle, freundliche Stellen aufweisen, an denen alle Industriestadtmenschen an den Sonntagen sich treffen und eng wie in einer Schlacht aneinanderkleben.
Was aber die Berlinerstraßegegend noch zusätzlich unerträglich macht, ist ihre unmittelbar von der Parthe durchzogene Lage. Was die Parthe einmal in früheren Jahrhunderten war, wird in Geschichtsbüchern stehen, heute ist sie nurmehr ein wie durch ein Naturwunder noch fließfähig gebliebener Fäkalienbrei.
Zu dem allgemeinen Schicksal, das die Parthe mit den anderen Flüssen der Stadt und der Gegend teilt, Opfer eines großangelegten Naturverbrechens zu sein und innerhalb eines gewaltigen Naturverbrecherplanes zur Transportrinne von Produktionsrückständen verwahrlost zu sein, kommt noch das besondere die Parthe betreffende Schicksal hinzu, durch den Zoologischen Garten zu fließen und alle Auswürfe und Ablassungen aufnehmen zu müssen, die ein Zoologischer Garten mit seinen geschundenen, versklavten und zwangsdomestizierten Tieren verursacht.
Und ich werde, von hier aus, von diesem Ort aus, an dem ich mich nur noch schmutzig machen kann, vom Fenster dieses Raumes aus werde ich es noch zu sehen bekommen, wie die Parthe an dem Dreck ersticken und ins schöne Erdreich absacken wird.
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Ein Leipzig-Porträt *
der literarischen Art, erfüllt von Verzweiflung und Poesie zugleich, liefert der Schriftsteller Kurt Drawert mit seinem Roman-Fragment "Haus ohne Menschen". Der in der DDR aufgewachsene Autor studierte in Leipzig am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" und veröffentlichte zuletzt den Prosaband "Spiegelland" im Suhrkamp-Verlag. Drawert, 37, hat vor wenigen Monaten seiner Heimatstadt Leipzig den Rücken gekehrt und lebt nun zumeist in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Für den hier gekürzt wiedergegebenen Text "Haus ohne Menschen" erhielt er am vorvergangenen Wochenende den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis.
Müllhalde in Leipzig-Connewitz
Vom Braunkohletagebau zerstörte Landschaft bei Leipzig
"Aus offenen Abflußrohren dringen alle Gärungs- und Fäulnisgerüche dieser Welt in die sogenannte Stube"
"Das sogenannte Aufbauprogramm ist ein Entsorgungsunternehmen von noch nie dagewesener Dimension"
Von Kurt Drawert

DER SPIEGEL 27/1993
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