05.04.1993

Die Angst vor dem Morgen

100 000 Deutsche leiden an einer rätselhaften Krankheit des Zentralen Nervensystems. Die Multiple Sklerose führt zu Lähmungen und schleichenden Zerfallsprozessen. Nach dem Selbstversuch eines Münchner Professors ist Linderung in Sicht - womöglich Heilung? Schulmedizin und die Pharmalobby leisten Widerstand.
Roman Haltper, 19, hat sein Leben hinter sich. Er kann nicht mehr gehen. Er bringt sein Essen nicht mehr an den Mund, trinken kann er nur mit Halm. Das Sprechen fällt ihm schwer. Seit zwei Jahren ist er von fremder Hilfe abhängig. Die Ärzte haben ihn austherapiert; Medikamente sprechen nicht an.
Roman aus dem burgenländischen Oberwart hat Multiple Sklerose (MS); stürmisches Stadium, chronisch-progredienter Verlauf. Seine österreichischen Ärzte geben ihm noch zwei Jahre - und nennen das "Leben".
Charlotte Falk, 27, Studentin im vorletzten Semester, gilt sozialrechtlich als schwerstbehindert. Viele Muskeln gehorchen ihr nicht. Sie hat seit 1986 MS; schubförmiger, schwerer Verlauf. Seit 1992 ist sie fast blind, kann nur noch mit stärksten Vergrößerungen lesen: der Sehnerv.
Claudia Lang, 32, konnte bei ihrer Meisterprüfung als Reitlehrerin eine Schrift an der Tafel nicht erkennen. Es war nicht Examensangst. Es war der Anfang ihrer MS, chronisch-progredienter Verlauf. Jetzt, sechs Jahre später, ist die Karriere der Turnierreiterin vorbei. Sie hat starke Gleichgewichts- und Blasenfunktionsstörungen, kommt ohne Windel nicht klar und ohne Stock schon gar nicht. Der Augenarzt konnte ihr nicht helfen; die MS greift den Sehnerv an. Bedauerlich, sagen die Ärzte kühl oder mitleidig: unheilbar.
MS ist nicht enträtselt. Spuren erst fügen sich zu einer möglichen Entschlüsselung. Mag sein, daß sich die Ursachen in 10 Jahren klarer zeigen oder die Heilungschancen in 20. Mag sein, daß bei den gewaltigen Fortschritten im Bereich der Immunologie, der Neurochirurgie und auch der Genforschung ein paar Erkenntnisse zum Kampf gegen MS abfallen.
Was Nervenspezialisten heute ihren Patienten nach der Lumbalpunktion des Rückenmarks und nach der Diagnose auf den Heimweg geben, ist statt physischen Ratschlags psychische Erbauung, ist Ausdruck schierer Resignation. Da es Arzneien nicht gibt, soll dem Patienten von Stund an ein streßfreies Leben, fettarme Kost, soll die Befreiung von seelischer Beschwernis helfen. Richtige Redensarten, aber zur Hoffnung nicht ausreichend.
Dieter Börnsen, 58, sucht diese Hoffnung immerzu. Der Pferdenarr sitzt jetzt im Rollstuhl vor seinen Tieren; er hat nicht mehr viel Kraft zur Pflege und Verwaltung des Gestüts. Wieviel Zeit hat er noch? Sein Bruder sucht für ihn Hilfe. Wo soll er sie finden?
Dem Journalisten, 50, sehen manche die Krankheit nicht an. Er kann, haben die Amtsärzte festgestellt, in einem Radius von 500 Metern - schwankend, humpelnd - gehen, bevor er umfällt. Seine linke Hand, gefühllos, taugt - weil die Feinmotorik zerstört ist - zu nicht viel mehr als zum Festhalten. Aber er ist Rechtshänder. Wenn nur die Angst nicht wäre, daß sich die rechte der nutzlosen linken Hand angleicht.
Alle haben diese Angst - vor dem Morgen, vor dem nächsten Schub, vor dem Rollstuhl, vor der Hilflosigkeit, vor dem Mitleid der anderen.
Alle werden mißtrauisch im Umgang mit der Umwelt: Meinen die anderen, die Gesunden, es bloß gut - oder meinen sie es ehrlich?
Das Krankmachende an der MS ist nicht irgendein Schmerz oder das Unvermögen mancher Extremitäten, auf Wärme oder Kälte, auf Berührung oder die Befehle des eigenen Gehirns gewohnt zu reagieren. Es ist die Ungewißheit vor der Zukunft, die den physischen MS-Schäden ihre psychische Last aufsattelt.
Den meisten Patienten gelingt es, sich mit dem Stock, dem Rollstuhl, dem Katheterbeutel abzufinden. Doch die schmerzende Erkenntnis, daß die MS nicht heilt wie eine Lungenentzündung, nicht operabel ist wie ein Herzdefekt, allenfalls innehält, um plötzlich fortzufahren mit neuen Zerstörungen - das eben nervt.
MS ist, wie Rheuma oder bestimmte Darmerkrankungen, eine Autoimmunkrankheit. Aus unbekannten Gründen - Ursache ist womöglich eine verschleppte Virusinfektion im Kindesalter - wenden sich die weißen Blutkörperchen nicht nur, wie es ihre Aufgabe wäre, gegen Körpereindringlinge, also Bakterien, oder gegen fremdes, also implantiertes Gewebe.
Die Lymphozyten erklären dem eigenen Körper den Krieg. Sie greifen die weiße, fettartige Umhüllung der Nervenfasern, die Myelinscheiden, im Gehirn und im Rückenmark an. Sind sie zerstört, gehen die Nervensignale in die Irre; es kommt zu Entzündungen und danach zu multiplen, punktförmigen Narben, also Sklerosen, im Gehirn, die bei der Kernspintomographie sichtbar gemacht werden können (siehe Grafik).
Über die Ursachen dieses Selbstmords im Gehirn vermögen die Neurologen nichts mitzuteilen; medizinische Forschung in Deutschland zielt auf spektakuläre Großprojekte wie Krebs oder Aids.
Die Gesamtsumme für die MS-Forschung in allen westlichen Staaten, so der deutsche MS-Spezialist Helmut J. Bauer, "ist etwa vergleichbar mit dem Preis eines einzigen modernen Kampfflugzeugs". Nach der letzten verfügbaren Zahl steuerten deutsche öffentliche Kassen ganze zehn Millionen Mark bei; die private Hertie-Stiftung kümmert sich mit kleineren Beträgen.
Zuwenig für irgend etwas. Dem Journalisten etwa bedeuteten seine Neurologen, er sei zwar immer willkommen, aber nötig sei ein Besuch nicht: Sie könnten eh nichts tun, jetzt nicht und nicht im Fall einer weiteren Verschlechterung.
Die Ärzte können allenfalls die Folgen der MS lindern mit *___Cortison: In hohen Dosierungen können akute ____Krankheitsschübe abgekürzt, zuweilen ihre Folgen ____gemildert werden; *___Imurek: Das Zytostatikum bremst die Vermehrung der ____Zellen, also auch der Lymphozyten; doch dazu gehören ____ebenso jene, die der Körper für Abwehrreaktionen ____braucht; *___Nachtkerzenöl: Pflanzenöle, die reich sind an mehrfach ____ungesättigten Fettsäuren, haben eine - allerdings ____schwache - immunosuppressive Wirkung; *___der Empfehlung, die Eßgewohnheiten umzustellen: wenig ____Fett und Kohlehydrate, reichlich Obst und Gemüse; *___Medikamenten, die MS-Folgeerscheinungen bekämpfen: ____Valium oder Lioresal bessern die Spastik, mindern also ____unerwünschte Bewegungsausschläge, schwächen aber meist ____die Kraft der Muskeln.
Für die meisten MS-Kranken ist all dies weiße Salbe, die mildert, aber die Krankheit nicht stoppt, geschweige denn heilt. Viele suchen daher ihr Heil bei Außenseitern und Wundermitteln, von der Eigenblut-Therapie über Schlangengift bis zu Übertragungen von Affenhirn: Die geben kurz Hoffnung, die schnell verlöscht.
Eine solche Therapie war Selbstbetrug, erkennt der Kranke erschreckt und geschockt, wenn er trotz aller Hilfsmittel beim Aufwachen wieder eine Funktionsstörung bemerkt. Oft ist es nur der Glaube an Linderung, der Linderung bringt; oft ist es seelischer Streß, der die Krankheit irreparabel verschlimmert: Die MS ist eben Nervensache.
Bei kaum einer Krankheit ist der Zusammenhang zwischen seelischem und körperlichem Geschehen so offensichtlich wie bei MS-Kranken. Probleme der Pubertät, Beziehungskrisen, Berufsängste, Überarbeitung - all diese unsichtbaren Ereignisse manifestieren sich bei MS-Patienten im Blutbild, im Liquor (der Rückenmarkflüssigkeit), im Rückenmark oder im Gehirn als sichtbare Symptome einer Krankheit des Körpers und der Seele.
Der heute 45jährige Anästhesist Niels Franke, glänzende Zeugnisse, gute Karriere in Sicht, weiß um die Hoffnungslosigkeit dieser Krankheit, er ist ja Arzt, Professor am Klinikum Großhadern der Münchner Universität. Dennoch wehrt er sich über viele Jahre, die Diagnose zu akzeptieren.
Erst als er, 38jährig, immer unbeweglicher wird, seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausüben kann, sein Gewicht auf 45 Kilogramm sackt, sucht er verzweifelt ein Medikament. Er startet mit einer Hormonkur und Gaben von Kalium und Magnesium, versucht als erster MS-Kranker Gamma-Interferon und findet in der Ärzte Zeitung vom 7. Oktober 1987 einen Hinweis auf das japanische Bazillenpräparat Deoxyspergualin (DSG).
Im Tierversuch gelang dem Mittel eine "Umstimmung" des Immunsystems; ein Hund akzeptierte die Übertragung einer fremden Niere, ohne daß das transplantierte Organ abgestoßen wurde. Ratten konnte nach DSG-Injektionen erfolgreich fremde Haut verpflanzt werden. Beim tierexperimentellen Modell der MS, einer künstlichen MS-Imitation beim Tier, setzte sich die Krankheit nach mehrtägigen Infusionen nicht mehr fort, entwickelte sich sogar zurück.
Franke war überzeugt, die langgesuchte Arznei gefunden zu haben - ein Mittel, das MS nicht nur stoppen, sondern heilen kann. Fünf Tage lang ließ er sich für jeweils drei Stunden DSG infundieren. Ende 1989 machte er den gleichen Versuch mit einer höheren Dosis. Seitdem fühlt er sich "wie ein Rekonvaleszent".
Und er behauptet, der Heilungsprozeß sei im Gehirn nachzuweisen; die Kernspintomographie zeige deutlich weniger Sklerosen als bei älteren Aufnahmen.
Eine medizinische Sensation. Denn es bedeutet, daß sein Medikament die Blut-Hirn-Schranke durchbrochen hat: Das DSG, in die Armbeuge injiziert, fand auf rätselhafte Weise seinen Weg dorthin, wo es zur Heilung benötigt wird, zu den multiplen Sklerosen.
Möglich auch, daß DSG nur jene aggressiven weißen Blutkörperchen, die Lymphozyten, angreift, die dann ihrerseits im Gehirn Entzündungen nicht mehr auslösen können. Aber wieso bilden sich die Sklerosen zurück? Gibt es solche Zufälle?
Franke ist fasziniert. Er notiert seine Erfahrungen in einem Buch und hält Vorträge über seinen Selbstversuch und seine Thesen (SPIEGEL 13/1992)*.
Monatelang bleibt er ohne Resonanz. Die Fachwelt ist skeptisch. Jeder Neurologe lehrt, was ihn gelehrt wurde, _(* Niels Franke: "Multiple Sklerose". ) _(Verlag R. S. Schulz, Starnberg-Percha; ) _(272 Seiten; 29,50 Mark. ) daß es Heilmittel gegen die MS schon deshalb nicht geben kann, weil ihre Opfer ganz unterschiedliche Symptome zeigen. Sollte ein einziges Medikament gegen Blindheit, chronische Verdauungsprobleme, Lähmungen, Empfindungsstörungen helfen? Kann ein Anästhesist neurologische Wunder vollbringen? Ist da ein Scharlatan am Werk?
Für Franke, der eben noch mutlos sein Leben hatte beenden wollen, beginnen Jahre des Streits. Während Tausende von Patienten ihn mit Anfragen, Bitten und Ermunterungen überhäufen, kämpft er mit einer mächtigen Lobby aus Pharmaindustrie, Gesundheitsbehörden und Schulmedizin.
Sprachrohr seiner Gegner ist das Mitteilungsblatt der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft DMSG-aktiv.
Über Monate warnt die Zeitschrift vor voreiligen Hoffnungen und schraubt die Erwartungen herunter. DSG könnte, wenn überhaupt, "lediglich die Krankheit zum Stillstand bringen". Und sie zitiert den Neurologen Rainer Hesse: "So treibt man Schindluder mit den angeschlagenen Nerven von MS-Patienten." DMSG-Geschäftsführer Dieter Lücker beschuldigt den Münchner Arzt, er wolle doch bloß "derjenige sein, der die Rettung vieler bewerkstelligt hat". Franke: "Die haben die Messer gewetzt."
Auch andere Neurologen sind skeptisch. Der MS-Spezialist Dietmar Seidel etwa moniert: "Franke hat den zweiten Schritt vor dem ersten getan." Klar hat er das. Er kann nicht wissenschaftlich-präzise erklären, warum ihm DSG und nichts anderes geholfen hat. Er kann nicht kausal belegen, daß DSG die Sklerosen auflöst. Dafür fehlt der klinische Beweis.
Er kontert mit historischen Parallelen: Alexander Fleming hat das Penicillin nicht gezielt gesucht und dann gefunden; die Erkenntnis der Heilwirkung war Folge eines Zufalls. Franke nennt es "Schwachsinn", zunächst die Wirkung eines Medikaments erklären zu müssen, bevor es überhaupt getestet ist.
Doch Franke gibt nicht auf: "Ich weiß, daß mich das Mittel heilen kann." Aus seinem Posteingang sucht er die Briefe ihm nützlich erscheinender MS-Opfer.
Er schreibt an Bundestagsabgeordnete, darunter an Ilse Falk (CDU) und ihren Fraktionskollegen Wolfgang Börnsen. Er wendet sich an Journalisten und an Landtagsabgeordnete, etwa an Karl Lang (CDU) aus Kornwestheim. Sie alle sollen Druck erzeugen bei den Gesundheitsbehörden und im Bonner Ministerium, bei Neurologen und der Pharmaindustrie, damit DSG schneller, als das Gesetz erlaubt, an die Patienten gelangen kann; denn es ist nirgendwo im Handel.
Bliebe der Zugriff auf das Medikament den MS-Opfern über die Jahre eines offiziellen Versuches und der klinischen Prüfung versperrt, "hieße dies: Viele menschliche Schicksale würden aus bürokratischen Gründen scheitern, viel unnötiges Leid würde den Kranken zugemutet" - so Franke in seinen Brandbriefen.
Im November 1992 hat er einen ersten Erfolg: Die Behringwerke, europäischer Lizenznehmer des japanischen Herstellers Nippon Kayaku, starten einen Großversuch an 108 Patienten von zehn Kliniken in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Eine gleich große Zahl von MS-Kranken erhält DSG - in unterschiedlicher Dosierung - und Placebos. Alle Teilnehmer der Doppelblindstudie, Ärzte wie Patienten, wissen nicht, ob sie das Mittel oder ein Scheinpräparat erhalten.
Der Test ist auf zwei Jahre angelegt, wegen der besonderen Probleme der MS rechnet Behring-Sprecher Wolfgang Faust "erst nach fünf bis zehn Jahren" mit gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Eine vollständige klinische Prüfung brauche nun einmal diese Zeit. Ein erster Einblick in den Verlauf wird für die zweite Jahreshälfte erwartet. Von Mai an wird eine neue Krankengruppe, wieder mit 108 Patienten, getestet; 2500 Anfragen liegen vor.
Gerd Endriß, einer von 16 Testpatienten der Uniklinik Hamburg, MSkrank seit 25 Jahren, hofft, daß er nicht Placebos erhält - und ist schon begeistert: "Ich weiß, daß es hilft." Der Rollstuhlfahrer, immerhin, kann wieder auf eigenen Füßen stehen.
Franke dauert diese offizielle Prüfung viel zu lange. Er hält es für unmenschlich, Kranke über Jahre auf ein Mittel zu vertrösten, das es längst geben könnte. Er will DSG jetzt und sofort allen Patienten anbieten.
Das kann er nicht, das darf er nicht. Das Arzneimittelgesetz bestimmt in Paragraph 21: Arzneimittel dürfen "nur in den Verkehr gebracht werden, wenn sie durch die zuständige Bundesoberbehörde zugelassen sind". Sonst droht, Paragraph 96, "Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe". Ausnahmen für ein Medikament kann es nach Paragraph 28 Absatz 3 nur geben, wenn "ein öffentliches Interesse an seinem unverzüglichen Inverkehrbringen besteht".
Ilse Falk, CDU-Bundestagsabgeordnete aus Xanten, Charlottes Mutter, und ihr Fraktionskollege Wolfgang Börnsen (Flensburg), Dieters Bruder, verhelfen dem Arzt zu einem Termin bei Gesundheitsminister Horst Seehofer; sie sehen ein "öffentliches Interesse". Zweieinhalb Stunden prallen am 18. Dezember 1992 die Argumente aufeinander.
Franke wünscht die Bereitstellung von DSG für eine "offene Studie". Die Experten vom Bundesgesundheitsamt, von Behring und Hoechst beziffern die Heilungschance von DSG auf 1:10 000. Das Risiko sei riesig, besonders, wenn zu schnell infundiert werde. Diese Gefahr, antwortet Franke, bestehe bei jeder Infusion.
Seehofer erkennt, daß die Experten Frankes Ungestüm mißtrauen. Die Pharmafachleute brauchen erst Zwischenergebnisse, eine erste Auswertung, um mögliche Gefahren geringzuhalten. Der Minister macht eine auch vorläufige Zulassung davon abhängig, daß Nebenwirkungen vermieden werden können (siehe Interview Seite 272). Bis dahin soll Franke warten.
Das ist etwas, das er nicht mag. Er ist "missionarisch", sagt Wolfgang Börnsen: "Er ist ein Außenseiter. Die schaffen meist den Durchbruch."
Franke weiß, daß er recht hat, da will er auch recht bekommen, gegen alle Widerstände, trotz aller Risiken.
Über einen Freund beim Massachusetts Institute of Technology in Cambridge beschafft er sich "für Zwecke der US-Krebsforschung" genug DSG-Ampullen, um 25 Patienten auf eigene Gefahr zu behandeln.
Seitdem ereignen sich vor einem Altbau in München-Nymphenburg immer wieder Szenen einer Wallfahrt. Kranke und Gebrechliche schleppen sich vom Taxi zum Hochparterre und lassen sich in Frankes persönlichem Zwölf-Quadratmeter-Schlafzimmer - das Bett ist an die Wand geklappt - an den Tropf hängen.
In Professor Frankes Heilpraxis stapeln sich Kartons mit Injektionsnadeln, Tupfern und mit 0,9prozentiger isotonischer Kochsalzlösung. Die DSG-Ampullen bewahrt der Arzt im Kühlschrank seiner Küche auf. Am Küchentisch bereitet er die Mixtur, 3 bis 6 Milligramm DSG pro Kilogramm Körpergewicht. Er setzt selbst die Nadel, wischt Blutspritzer weg. Eine Schwester mag er nicht beschäftigen, er will ihr die Mitverantwortung ersparen.
Die Dosierung macht Mühe. 14 Milligramm DSG pro Kilogramm Körpergewicht gelten als tödlich. Franke beginnt mit 6 Milligramm und setzt die Dosis herab, nachdem sich bei drei seiner Patienten schwere Bewegungsstörungen zeigten. Die Spastik hat sich verschlimmert, der neurologische Befund jedoch - hofft Franke - deutet auf Besserung.
Seine Versuchspatienten sitzen (oder liegen) vier Tage lang jeweils vier Stunden am Tropf. Nach vier Wochen wird das Ganze wiederholt. Junge Ärzte vom Münchner Klinikum - einer ist mit einer MS-Kranken verheiratet - helfen in ihrer Freizeit, die Blutwerte der Patienten zu bestimmen, sie neurologisch und am Kernspin-Gerät zu untersuchen. Zehntausende von MS-Kranken hätten gern die gleiche Chance.
Tausende von Briefen liegen ungeordnet in Frankes Keller. Hunderte von Anrufern bitten und betteln am Telefon - und kommen über den Anrufbeantworter nicht hinaus.
Ist die Auswahl seiner Patienten - zufällig, willkürlich - in Übereinstimmung zu bringen mit den Normen ärztlicher Ethik? Ist es überhaupt ethisch vertretbar, Kranken ein Medikament zu verabreichen, dessen Risiken ungeklärt sind?
Ist es andererseits mit ärztlichem Ethos zu vereinbaren, Kranken eine Arznei zu verweigern, die ihre Krankheit stoppen könnte? Wo beginnt die Pflicht zur Hilfe, wann greift der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung?
Der Berliner Jurist Stefan König gibt Franke rechtlichen Beistand. Wenn eine Wirkung von DSG nachzuweisen sei, "könnten die Behringwerke zur Vermeidung strafrechtlicher Konsequenzen zum Abbruch ihres klinischen Experiments gezwungen sein". König hält es für "nicht vertretbar", einem Teil der Patienten nur ein Placebo anzubieten und "dadurch sichere Heilungschancen vorzuenthalten".
Für Franke ist ein Heilerfolg "so gut wie sicher". Deswegen macht er vor prominenten Namen in seiner Versuchsgruppe nicht halt.
Die Heilung, sagt Franke, verlaufe so "schleichend", wie die Krankheit kam, also langsam. Wird es eine Heilung?
Wolfgang Börnsens Bruder bekam nach der Infusion einen schweren Schub und leidet jetzt mehr als vorher. Der Christdemokrat glaubt trotzdem an Frankes Erfolg: "Er braucht Unterstützung. Er kämpft als David gegen Goliath." Damals gewann David.
Niemals bei allem Streit hat Franke behauptet, er könne in jedem Fall jede MS stoppen oder heilen. Vor allem bei Patienten, die seit vielen Jahren an schweren MS-Narben und -Folgen leiden, ist er selber skeptisch. Er nannte "80 von 100 Fällen" als "möglich". Er will nicht Wunderheiler sein, der klotzige Honorare abzockt, solange der Patient im Wunderglauben die Kraft zu körperlichem Aufbegehren spürt.
Wie seine Patienten nach Jahren reagieren, weiß auch er nicht vorherzusagen. Mag nur sein, sagt er, "daß sie einige Jahre ein besseres Leben haben". Das ist ja schon was.
Die Ergebnisse seiner Studie, sie erscheint Ende April in einer Fachzeitschrift: Subjektive Besserung spürten 18 der 25 Versuchspatienten. Ihre Blutwerte veränderten sich: Jeweils zwischen dem 15. und 20. Tag nach der ersten Infusion sackte die Zahl der Lymphozyten dramatisch ab. Die Kernspin-Bilder zeigen bei den meisten Patienten, daß sich Sklerosen zurückbildeten. Bei sieben Kranken, die große "Entmarkungsherde", also Zerstörungen im Gehirn zeigten, die aber auf die DSG-Gabe nicht oder negativ reagierten, soll die Infusion wiederholt werden.
Karl Langs Tochter Claudia hat seit den Besuchen in Frankes Privatpraxis keine Blasenstörungen mehr, sie kann auf Windeln verzichten. Ohne Krücken brauchte sie bisher eine Wand, an der sie sich entlanghangeln konnte, jetzt kann sie frei 20 Meter weit gehen. "Ich hätte gern, daß es schneller geht", sagt sie ungeduldig. Aber - es geht.
Roman kann tagsüber den Katheter beiseite lassen. Er versucht, allein zu essen. Er gewinnt an Gewicht. "Heute abend will ich ein Stück gehen", macht er sich Mut. "Kleine Fortschritte", sagt seine Mutter. Also keine Rückschritte.
Der Journalist, der sich aus Neugier, nicht aus Überzeugung, in Frankes Hobbyraum begab, hat dem Arzt seine Erkenntnis entgegengehalten, das Wichtigste im täglichen Kampf mit der MS sei der Sieg über den psychischen Streß, die Beseitigung des Seelenmülls; dazu brauche er keine Medikamente. Franke hat geantwortet, sein DSG könne obendrauf nützen, vielleicht sogar heilen.
Jetzt fühlt der Journalist verwundert, wie seinen müden Beinen Kraft zuwächst. Er kann den Stock beiseite lassen. Die Krankengymnastin bestätigt, daß er wieder auf Zehenspitzen trippeln kann, wozu auch immer.
Charlotte Falk hat seit einigen Monaten keine Krankheitsschübe mehr. Ihre Augen, so scheint es ihr, erholen sich. Sie vermag Farben zu unterscheiden. Sie spürt wieder Stärke, gegen die Krankheit anzugehen. Sie will wieder malen.
Weitere Tests kann Franke mangels Arznei nicht unternehmen: "Ich hab'' keine Substanz mehr."
Zum 30. Juni 1993 hat das Klinikum Großhadern seinem Anästhesisten Professor Niels Franke gekündigt. Die Universität braucht seine Planstelle. Frankes Thema MS hat dort keinen Platz.
[Grafiktext]
_269_ Darstellung des gestörten Übertragungsweges bei Grunderkrankung
_____ MS
[GrafiktextEnde]
* Niels Franke: "Multiple Sklerose". Verlag R. S. Schulz, Starnberg-Percha; 272 Seiten; 29,50 Mark.
Von Wolfram Bickerich

DER SPIEGEL 14/1993
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