27.01.1992

GrabstättenIn deutscher Erde

Ein belgischer Geschäftsmann will auf einer Ostseeinsel einen gewaltigen Luxusfriedhof errichten.
Auf der Greifswalder Oie ist die derzeit größte Attraktion der Leuchtturm. Gelegentlich verirren sich ein paar Segler auf die nur 2000 Meter lange und bis zu 700 Meter breite Insel östlich von Rügen - fast ungestört leben Tiere und Pflanzen wie Kormorane und der geschützte Hülsenstrauch auf dem Eiland.
Während des Krieges hatten die Nazis hier noch ihre Raketen getestet, die Nationale Volksarmee der DDR erklärte später die Insel zum Sperrgebiet. Seit August 1991 verfügt das Rostocker Bundesvermögensamt (BVA) über die Oie.
Beim BVA hat sich jetzt ein kaufwilliger Interessent gemeldet. Der belgische Unternehmer Carl von Basel, 47, will die Oie für fünf Millionen Mark erwerben und darauf eine Heimstatt für rund 1000 Familien schaffen. Basels Plan sorgt seitdem für Unruhe - ganz im Gegensatz zu den potentiellen Neuankömmlingen: Die wären nämlich, wenn sie die Insel erreichten, allesamt tot.
"Ganz uneigennützig", wie Basel beteuert, will er den vereinigten Deutschen eine Totenstadt errichten, eine "nationale Nekropole" mit arenaförmig angeordneten Grüften und einem Denkmal in der Mitte. Ein belgisches Architekturbüro hat das gewaltige Leichenhaus bereits entworfen; die Zeichnungen erinnern vor allem ostdeutsche Beschauer an ähnlich monumentale Stalin-Bauten.
Friedhofbauer Basel führt ein Konsortium von 15 Industriellen an, darunter ist auch ein Waffenhändler. Der könnte die geplante Wachmannschaft für die Toteninsel ausrüsten: Obergruftie Basel will nämlich die Oie, wenn sie ihm gehört, erst mal für die lebende Öffentlichkeit sperren.
Damit soll verhindert werden, daß "Segler und andere Rowdys" das laut Basel "einzigartige Fleckchen Erde" mit Müll eindecken und zerstören. Das Nekro-Projekt seiner Architekten hält er für hübsch "eingeliedert in die Natur".
Zutritt auf die Insel will das Konsortium mit dem unverdächtigen Namen "Science Explorers" nur trauernden Angehörigen gewähren. Bei schwerer See sollen Tote und Trauernde mit dem Helikopter heimgeflogen werden.
Der strukturschwachen Gemeinde Kröslin, die vom Festland aus die Oie verwaltet, verspricht Basel quasi als Grabbeigabe einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der wäre, schwärmt Basel, "für mehr als 25 Jahre" gesichert, etwa "durch Übernachtungen der Angehörigen, durch Ansiedlung von Kleinbetrieben wie Steinmetzen, Gärtnereien und durch den Fährbetrieb zur Insel".
All dies sei ein Zeichen praktischer Solidarität: "In die Ostprovinzen muß man Geld reinbringen und nicht immer nur herausholen. Ich will denen da helfen."
Der Belgier ist allerdings beileibe nicht der Wohltäter und Freund aller Ostdeutschen, als der er sich gern ausgibt. Als Hauptdarsteller im Grabzirkus würde er kräftig mitverdienen. Das Konsortium will die Grüfte auf der Insel vor allem an Reiche vermakeln, die pro Liegeplatz bis zu 100 000 Mark aufbringen können. Schon bei einer Belegungsrate von 50 Prozent könnten die Friedhöflinge um Basel bis zu 50 Millionen Mark einstreichen.
Die Klientel, so hat Basel herausgefunden, ist vorhanden. Interessenten vermutet er "speziell bei den im Ausland lebenden Deutschen. Die wollen einfach wieder unter deutscher Erde liegen".
Jürgen Thurow, Gemeindevorsteher in Kröslin, hält jedoch gar nichts von den Plänen: "Die Insel gehört uns", sagt er, "das ist kein Wertobjekt, mit dem man schachert." Die Gemeinde bevorzugt ein Konzept mit "sanftem Tourismus, Wiederbesiedlung und ökologischer Landwirtschaft". Auch eine Erholungsstätte für Atemwegserkrankte soll auf der Oie entstehen.
Für die "Science Explorers" schließen sich die Pläne nicht aus. Der belgische Unternehmer Carl von Basel großmütig: "Wenn wir das Geld dort erst mal hingebracht haben, dürfen die Grünen da auch gern herumspielen." Vom Bundesvermögensamt will Basel bislang "nur positive Signale empfangen" haben. Manfred Hoth, Vorsteher des BVA Rostock, beteuert hingegen, ein Verkauf der Insel an Private sei nicht vorgesehen.
Basel allerdings ist sicher, mit seinem Geld diese und weitere Hürden überwinden zu können - etwa das geltende Recht.
Grabstätten, darauf weist der Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner, Armin Kalbe, hin, dürfen in Deutschland grundsätzlich nicht von Privatpersonen, sondern nur von Gemeinden und Kirchen betrieben werden.
Einen Ausweg gibt es allerdings, um Basels Idee zu retten. Unter einer Bedingung darf nämlich jedermann einen Friedhof eröffnen: Es muß sich um einen Tierfriedhof handeln. o

DER SPIEGEL 5/1992
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