05.07.1993

TiereNäher zu den Vettern

Sollen Menschenrechte bald auch für Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas gelten? Eine Gruppe von Wissenschaftlern fordert es.
Als die drei US-Astronauten nach Generationen auf die Erde zurückkehren, eröffnen die neuen Herren der Erde - die Gorillas - die Treibjagd. Einen der eingefangenen Raumfahrer quälen sie im Versuchslabor, den zweiten nageln sie im Naturkundemuseum an die Wand, nur einer der Männer kann fliehen und überlebt.
An die bitterböse, vor 26 Jahren verfilmte Parabel über den "Planeten der Affen" gemahnt eine Kampagne, mit der eine Gruppe von mehr als 30 Zoologen, Verhaltensforschern und Philosophen sich dafür einsetzt, den lange geschundenen Großen Menschenaffen - ehe sie zurückschlagen - die Menschenrechte zu gewähren.
Das Forscher-Manifest, das der australische Bioethiker Peter Singer, 46, im Stil der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verfaßt hat, fordert für Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas ein "Recht auf Leben", ferner den "Schutz individueller Freiheit" sowie das "Verbot von Folter".
Zu den Mitunterzeichnern seiner "Deklaration über die Großen Menschenaffen" zählen bekannte Wissenschaftler wie die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall und der Oxford-Zoologe Richard Dawkins; aus Deutschland meldet sich der Dortmunder Sonderpädagoge Christoph Anstötz zu Wort, der in dem soeben erschienenen Essay-Band zu Singers Thesen die intellektuellen Fähigkeiten von Affen mit denen geistig behinderter Menschen vergleicht*.
Die scharfe "moralische Grenze", die der Mensch bislang zwischen sich und seinen haarigen biologischen Vettern gezogen hat, sei "nicht länger zu halten", begründet Singer seinen Vorschlag, den er zu gegebener Zeit den Vereinten Nationen vorlegen will.
Noch vor fünf Millionen Jahren, so steht inzwischen fest, lebte der gemeinsame Vorfahr von Homo sapiens und Schimpanse. Die Erbinformation von Menschen und Schimpansen unterscheidet sich um gerade 1,6 Prozent (die von Schimpansen und Gorillas differiert demgegenüber um 2,1 Prozent). _(* Paola Cavalieri und Peter Singer ) _((Hrsg.): "The Great Ape Project". Fourth ) _(Estate, London; 312 Seiten; 9,99 Pfund. )
Viele Biologen sind deshalb mittlerweile der Überzeugung, daß der Homo sapiens künftig ohne viel Federlesens der Gattung der Schimpansen zugerechnet werden müßte. Mühelos hantieren Menschenaffen mit Werkzeugen, in Gefangenschaft lernen sie etliche Worte der Taubstummensprache. Die zotteligen Wesen lügen und betrügen, werfen mit Steinen, gehen planmäßig auf die Jagd, terrorisieren schwache Artgenossen und führen, wie Affenkundlerin Goodall im afrikanischen Dschungel beobachtete, blutige Vernichtungskriege gegen fremde Stämme.
Würde man den Menschenaffen angesichts solcher Ähnlichkeiten auch Menschenrechte zubilligen, hätte dies einschneidende Folgen: Tierversuche mit Affen für die medizinische Forschung, zum Beispiel bei der Suche nach einem Aids-Impfstoff, wären dann grundsätzlich untersagt. Gorillas dürften nicht länger in Zoos eingesperrt, Schimpansen nicht gegen ihren Willen als Touristenattraktion oder im Zirkus vorgeführt werden.
Singer, der Wortführer der Affen-Anwälte, gehört zum harten Kern der militanten Tierschützer. Bereits vor 18 Jahren publizierte er unter dem Titel "Befreiung der Tiere" ein Buch, das zu einer "Bibel der Tierschutzbewegung" (New Scientist) geworden ist. Auch Terroranschläge gegen Tierversuchslabors hält der Vegetarier und Mitbegründer des radikalen "Animal Liberation/Rights Movement" unter Umständen moralisch für gerechtfertigt. Wegen Beteiligung an einer solchen Aktion ist er vor einigen Monaten von der australischen Polizei vorläufig festgenommen worden.
Bei der Spezies Mensch hingegen kennt Singers Fürsorge Grenzen. Wütende Proteste erntete der affenliebende Bioethiker vor vier Jahren in Deutschland, als er sich öffentlich zur aktiven Euthanasie bekannte. Schwerstbehinderte Säuglinge, erklärte er damals, seien "bis zu einem Monat nach der Geburt nicht als Menschen zu betrachten, die ein Recht auf Leben haben".
In solchen Fällen, so Singer in einem Interview, sei es "zulässig, die Interessen der anderen Betroffenen mit einzubeziehen. Die Eltern können sich gegebenenfalls gegen das Kind entscheiden".
In seinem Buch "Should the baby live?" stellte Singer auch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit behinderten Lebens: "Es gibt eine Grenze für die Belastbarkeit jeder Gemeinschaft."
Als Begründung für seine haarsträubenden Thesen verwies der Euthanasie-Verfechter auf die soviel lebenswerteren Kreaturen der Fauna: Viele Tiere, so Singer 1989, hätten nun einmal "höhere Fähigkeiten im Hinblick auf Verstand, Selbstbewußtsein und Kommunikation" als ein schwerstbehindertes Kind.
* Paola Cavalieri und Peter Singer (Hrsg.): "The Great Ape Project". Fourth Estate, London; 312 Seiten; 9,99 Pfund.

DER SPIEGEL 27/1993
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